08. April 2019, 22:18 Uhr

Zum Jubiläum eine »Blütenlese«

08. April 2019, 22:18 Uhr

Unter bibliophilen Zeitgenossen sind diese Ausstellungen eine liebgewordene Tradition: Stets im Frühling lockt die Schlossbibliothek Laubach mit einer Sonderausstellung. Jeweils einem anderen Oberthema untergeordnet, doch immer liebevoll und mit Expertise von der langjährigen Bibliothekarin Trautel Wellenkötter zusammengestellt. Am 10. April, 17 Uhr, öffnet die Bibliothek wieder ihre Pforten und wagt einen Blick zurück auf 20 Jahre Ausstellungen unter Ägide von Trautel Wellenkötter.

Wie sie im GAZ-Gespräch erzählt, reicht ihre Beziehung zu den gräflichen Bücherschätzen bis ins Kindesalter zurück: Damals freilich hatte ihr Interesse eher dem Hund gegolten, den die Bibliothekarin Dr. Simone Noehte-Lind (1912-1990) mit an die Arbeit brachte. Die Liebe zur Literatur aber sollte von Dauer sein, eröffnete doch Wellenkötter später die »Laubacher Bücherstube«.

1997 dann übernahm sie die halbe Stelle in Diensten des Grafen. Womit ein »neuer Geist und ein neuer Stil« einzog, wie es einer Broschüre über die Schlossbibliothek heißt. Diese öffnete sich nun wenigstens einen Spaltbreit für die Allgemeinheit: Neben den wöchentlichen Führungen arrangiert Wellenkötter seit dem Jahr 2000 die Sonderausstellungen. Dass es auch weiterhin keine Ausleihe gibt, auch kein unbeaufsichtigtes Arbeiten mit den bis zu 500 Jahre alten Büchern erlaubt ist, das aber sei angemerkt.

Briefwechsel mit Rilke inklusive

Dieses Jahr also laden Trautel Wellenkötter und Ehemann Burkhard, der sie ehrenhalber unterstützt, zur Jubiläumsschau. »Natürlich«, so betonen beide, »war es unmöglich, die interessantesten Exponate aller Ausstellungen zu präsentieren.« Weswegen sich die Retrospektive, gleichsam eine »Blütenlese«, auf Themen wie »Flora und Fauna«, »Garten und Kunst«, »Ferne Welten, fremde Völker«, »Die Frauen der Solmser« und »Mode im Wandel der Zeiten« konzentriert. Besucher kommen zudem in den Genuss noch nicht gezeigter Bücherschätze aus den Bereichen »Kunst und Architektur« sowie »Literatur«.

»Treue Kunden« der Bibliothek werden durch die Rückschau nochmals bekannt gemacht mit wertvollen Kräuterbüchern aus dem 15. und 16. Jahrhundert, etwa Anna Sibylla Merians »Raupenbuch« von 1679. Sie können die Melastoma von Alexander von Humboldt ebenso bewundern wie die Fische, die der halb blinde Conrad Gesner im 17. Jahrhundert zeichnete. Und auch die fantastischen Vögel in der Sammlung von Leonhard Frisch.

Man lernt meist auch beim (scheinbar) Bekannten etwas Neues hinzu, nimmt Aspekte wahr, die man so nicht kannte oder jetzt erst im rechten Licht sieht: etwa bei den Reisebüchern Herbersteins (Russland), Kirchers (China) oder Ludolfs (Afrika). Absolute Highlights für das Gros der Besucher dürften die Indianerbücher des Prinzen Max zu Wied sein (vermutlich ein Vorbild für Karl May) oder die Darstellungen indigener Völker in Neuseeland, wie sie Georg Forster vermittelte. Erst recht gilt das für die Tempelanlagen im syrischen Palmyra, die eine traurige Berühmtheit erlangten, weil sie unlängst durch die blindwütige Barbarei des IS teilweise zerstört wurden. Der betreffende Bildband aus 1795 der französischen Republik überspannt zwei Vitrinenhälften und ward daher bisher kaum aufgeschlagen.

Geschichtliches wird dargeboten bei einem Gang durch die »Frauenausstellung«, eingeleitet von Bildern aus historischen Modejournalen. Die Besucher erfahren etwas über Anna von Hessen, Mutter des Grafen Friedrich Magnus, die Gräfinnen Benigna, Elisabeth Charlotte und Manon zu Solms Laubach, die ihren Briefwechsel mit Rilke den Bücherschätzen beisteuerte. Dies steht denn auch am Ende: das Thema Literatur, das wertvolle Erstausgaben bereithält. Darunter Tassos »Das befreite Jerusalem«, Lessings »Hamburgische Dramaturgie« oder Goethes »Wilhelm Meisters Wanderjahre«.

Glanzstücke sind der Legendenroman »Barlaam und Josaphat«, der in der Literaturgeschichte der »Laubacher Barlaam« genannt wird, und eine Ausgabe der Werke Shakespeares von George Steevens (1773) aus dem Besitz des immer noch bedeutendsten Übersetzers: August Wilhelm Schlegel.

Prächtige Einbände, wie sie in der Bibliothek seinerzeit von dem genialischen Kunsthandwerker Johann Conrad Merz gefertigt wurden – etwa die Fürstenausgabe der Werke Wielands im etruskischen Stil – beschließen das Kapitel »bibliophile Schätze«.

(Fotos: tb)

Die neue Sonderschau der Schlossbibliothek Laubach bietet eine Retrospektive auf mittlerweile 20 Jahresausstellungen. Die Sonderschau wird eröffnet am 10. April, 17 Uhr. Regelmäßige Führungen mittwochs, Sonderführungen (außer an Samstagnachmittagen und Sonntagen) auf Anfrage unter Tel. 0 64 05-91 04 10 oder -91 04 16. Privat: 0 64 05-1348. E-Mail »wellenkoetter@t-online.de«. (tb)

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