11. Juli 2019, 13:00 Uhr

Bis nach Jerusalem

Zu Fuß quer durch Europa

Konrad Weberling aus Lahnau macht mit seiner Freundin Audrey Pouillon eine ungewöhnliche Reise. Das Paar wandert von Lyon nach Jerusalem. Etwa ein Drittel der Strecke hat es hinter sich. Etwas bange ist beiden vor der Türkei. Aber nicht aus politischen Gründen.
11. Juli 2019, 13:00 Uhr

Die Walking-Stöcke klappern auf Asphalt und Kies. Das Dorf, in dem sie die vergangene Nacht verbracht haben, liegt nun schon einige Stunden hinter ihnen. Ihr Ziel aber liegt noch Tausende Kilometer in der Ferne: Konrad Weberling und seine Freundin, die Französin Audrey Pouillon, sind auf dem Weg nach Jerusalem - zu Fuß.

Gerade sind sie in Slowenien, nahe der kroatischen Grenze. Es ist bewölkt, nicht mehr so heiß. »Die Hitzewelle in den vergangenen Wochen haben wir auch abbekommen«, sagt Weberling. Er ist froh, dass man wieder etwas durchatmen kann. So fällt das Wandern leichter. Rund 1600 Kilometer haben der 24-jährige Atzbacher und die 26 Jahre alte Französin schon hinter sich gebracht - mehr als 2100 Kilometer Fußmarsch liegen noch vor ihnen.

In Lyon, der Heimatstadt von Pouillon, ist das junge Paar vor rund drei Monaten gestartet. Seit dem 14. April sind sie unterwegs. Ihr Weg führte bereits durch die Schweiz, über die Alpen nach Italien und von dort nach Slowenien. 20 bis 25 Kilometer legen sie am Tag zurück. »Anfangs war es ungewohnt. Man wusste nicht, wo man schlafen soll, es wurde früh dunkel, und es war kalt«, erinnert sich Weberling. Mittlerweile sind die beiden aber entspannt.

Abend für Abend klopfen sie an eine andere fremde Haustür und fragen die Einheimischen, ob sie bei ihnen im Garten zelten dürfen. Nicht nur aus Sicherheitsgründen: »Das ist für uns eine gute Möglichkeit, die Leute kennenzulernen«, sagt Weberling. Und das hat in den vergangenen zwölf Wochen bis auf ein Mal immer funktioniert. »Wir erzählen, wo wir herkommen und was wir vorhaben. Meistens entwickelt sich ein Gespräch und wir essen gemeinsam zu Abend, bekommen auch mal eine Dusche angeboten.«

Weberling und Pouillon haben sich 2015 in Jerusalem kennengelernt. »Ich habe nach dem Abitur dort ein Freiwilliges Soziales Jahr im St. Louis Hospiz gemacht. Audrey hat dort ein halbes Jahr später angefangen«, erinnert sich der junge Mann. Bei der Arbeit verliebten sie sich ineinander. »Jerusalem ist eine unglaublich intensive Stadt. Es war klar, dass wir eines Tages dorthin zurückkehren würden«, sagt Weberling.

Noch im gleichen Monat, in dem sie wieder in ihrer Heimat ankamen, schmiedeten sie Pläne zur Rückkehr. »Mit dem Flugzeug wäre es uns zu schnell gewesen. Da wir beide sehr gerne wandern, kamen wir auf die Idee zu laufen«, sagt Weberling. »Damals war das aber nur ein unkonkreter Traum. Vor einem Jahr, nach meinem Bachelor-Abschluss in Heilpädagogik, haben wir dann den ernsthaften Entschluss gefasst und angefangen, die Strecke zu planen.«

Die Reise habe sich für die beiden bisher gelohnt. »Wir waren überrascht über die Gastfreundschaft, die wir erlebt haben.« Eine schöne Begegnung hatte das Paar in Frankreich. Eines abends hatten sie großen Durst und kehrten sehr erschöpft in eine Bar ein. Da sprach sie ein Mann an. »Er sagte, wir könnten bei ihm im Garten übernachten. Im Endeffekt haben wir den ganzen Abend zusammen verbracht, er hat noch eine Pizza aus dem Nachbardorf geholt und ist am nächsten Morgen sogar noch ein Stück mit uns gelaufen«, sagt Weberling.

Das sei nur eine von vielen bleibenden Erinnerungen, die die beiden nun mit sich tragen. So verwundert es auch nicht, dass sie mit vielen Menschen Kontakt halten, bei denen sie übernachtet haben. »Sie fragen regelmäßig, wie es uns geht und wo wir sind. Wir bauen ein kleines europäisches Netzwerk auf«, sagt Weberling. Es sei nicht selten, dass die Gastgeber Kontakte spielen ließen. »Einer hat eine Cousine in Venedig, bei der wir hätten unterkommen können, ein weiterer hat einen Freund in Zagreb und so weiter.«

Für den knapp 4000-Kilometer-Marsch haben beide je 3000 Euro gespart. »Wir wollen nicht mehr als 15 Euro am Tag ausgeben«, sagt Weberling. Das habe bislang ganz gut funktioniert - abgesehen vom Aufenthalt in der Schweiz, da waren es auch mal 20 Euro. Die anspruchsvollste Etappe über die Alpen haben sie hinter sich. Schwierig könnte es noch in der Türkei werden. Die politischen Vorkommnisse beschäftigen das Paar weniger. Es ist mehr die Hitze, vor der sie Respekt haben. Dennoch beobachten sie die Lage. »Wir wollen uns in keinen Konflikt einmischen, sondern durchwandern und die Leute kennenlernen. Es ist ja etwas Kulturelles, wobei ich hoffe, dass die Leute das respektieren werden.«

Sollte auf ihrer Reise etwas Unvorhergesehenes passieren, sind sie vorbereitet: Zwei Kreditkarten tragen sie am Körper, ihr GPS-Gerät hat eine Notruffunktion, dadurch können sie von Rettern geortet werden. Und eine Reiseapotheke ist im Rucksack. Doch gegen eines gibt kein Gegenmittel: Heimweh. »Es gibt Momente, in denen wir Familie und Freunde vermissen, aber bereut haben wir die Reise bislang nicht. Wir wissen beide, dass es eine einmalige Chance für uns ist, sie zu machen«, sagt Weberling. Auch die Freude auf das Wiedersehen mit den alten Bekannten in Jerusalem lässt die beiden immer wieder neuen Mut fassen, um weiterzulaufen.

Noch etwa vier Monate werden sie unterwegs sein. Wie lange sie in Jerusalem bleiben werden, ist noch offen. Zurück soll es aber im Flugzeug gehen. Spätestens im April will Weberling zum Masterstudium nach Freiburg zurückkehren. Im besten Fall mit Pouillon, die ihren Job als Krankenschwester in Lyon an den Nagel gehängt hat. Aber die Planung sei noch nicht in Stein gemeißelt. »Man muss ja auch immer ein bisschen offen sein für Neues«, sagt Weberling und verabschiedet sich. Und weiter geht die Wanderung Richtung Süden.

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