23. November 2018, 05:00 Uhr

Wildschweine

Zeit der Drückjagden ist in Mittelhessen angebrochen

Warnschilder an Straßen künden davon: Im Gießener Land sind Drückjagden auf Schwarzwild angesagt. Denn weiterhin gilt: »Gute Zeiten für Wildschweine«. Auch eine Folge des Klimawandels.
23. November 2018, 05:00 Uhr
Am Samstag auch im Gießener Land wieder zu beobachten: Teilnehmer einer Drückjagd auf Wildsäue. (Symbolfoto: dpa)

»Ju ja, ju ja! Gar lustig ist die Jägerei allhier auf grüner Heid« – was die Alten noch sungen, das gilt schon lang’ nicht mehr für die Jungen. Weder in der Kurpfalz noch anderswo. Meint zumindest Helmut Nickel, Vorsitzender der Jägervereinigung Oberhessen. Und beklagt eine zunehmende »Welt- und Naturfremdheit« hierzulande. Er verweist dazu auf einen Fall im Münchener Raum: Zwei Jahre sei es her, dass dort ein Lkw-Fahrer aus Angst vor Terroristen die Polizei gerufen habe. Tatsächlich habe es sich jedoch nicht um Menschen mit böser Absicht, sondern um Jäger gehandelt, die am Rande eines Maisfeldes standen, Warnwesten trugen und an einer Drückjagd teilnahmen.

Gut, im ländlich geprägten Oberhessen wurde von solcherart »Weltfremdheit« noch nicht berichtet. Doch auch hier wird es laut Nickel immer schwieriger, sein »Handwerk« auszuüben. »Die Störungen des Wildes nehmen zu«, fasst der Vorsitzende der Oberhessen-Jäger die Folgen des »Freizeitdrucks« in Worte. Den Mountainbiker, der des Nachts mit der Stirnlampe durchs Feld strampelt und das Wild verscheucht, nennt er als krasses Beispiel. Häufiger würden dagegen Hundebesitzer zum Problem: »Die Wildsau weiß nicht, ob da ein Jagdhund rumläuft.«

 

Die Schwarzkittel sind schlau 

Wildsauen vor allem sind in den letzten Jahren ins Visier geraten, hat sich doch ihre Population dramatisch erhöht. Nickel gesteht ein, dass des Nachts die Störungen eher gering ausfallen. Aber: Um treffen zu können, gerade wenn es auf Schwarzwild geht, brauche es »einen guten Mond«. Also ausreichend Büchsenlicht. Hinzu kommt: »Die Schwarzkittel sind schlau.« Von daher sei nur mit Drückjagden die überhandnehmende Sauenpopulation zu beherrschen.

Die Jäger haben ihren Job getan

Dieter Mackenrodt, Jagdverein Hubertus Gießen

Auch an diesem Samstag wieder finden dieserart Bewegungsjagden statt. Dabei, erklärt Nickel, werde mit »brauchbaren Hunden und Treibern« das Wild vorsichtig aus der Deckung gedrückt, ohne es zu sehr zu treiben. Die Tiere kämen so den Schützen »möglichst ruhig in Anblick«, sodass sie sicher und tierschutzgerecht erlegt werden könnten. Drückjagden allein, schränkt er am Ende ein, reichten aber nicht, um das Schwarzwild ausreichend zu bejagen.

 

Keine Schonzeit mehr

Von einer »Explosion« der Bestände spricht Zoologe Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel (Berlin). Als unstrittigen Beleg führt er die Zahl der bundesweit erlegten Tiere an: Waren es 1982/83 nur 110 000, stieg die Zahl 2016/17 auf fast 600 000 Stück (nur am Rande: 1936/37 waren es 37 000 ). Nach Pfannenstiel kommen hier mehrere Faktoren zusammen, neben dem Klimawandel als Hauptursache nennt er die Intensivierung der Landwirtschaft, die den Sauen »schmeckt«. So stieg die Maisanbaufläche seit 2000 von 1,75 auf 2,53 Millionen Hektar.

»Die Bestände sind nach wie vor zu hoch«, betont ebenso Dieter Mackenrodt, Vorsitzender der Jagdvereins Hubertus Gießen und Umgebung, der auch Vizepräsident im Landesjagdverband ist. Der aber sogleich und mit Hinweis auf die Rekordstrecke 2017/18 anfügt: »Die Jäger haben ihren Job getan.« Das freilich unter anderen Bedingungen, heißt ganzjährige Aufhebung der Schonzeit; natürlich unter Beibehaltung des Verbots, Bachen mit Frischlingen zu schießen. Als Ursachen nennt er den Druck der Landwirte, die hohe Wildschäden beklagen, sowie den der Politik, die die Schweinepest nervös macht. »Der Virus steht vor unseren Toren.«

Wie »Schwarzwild-Papst« Pfannenstiel macht auch Mackenrodt den Klimawandel für den Anstieg der Sauenpopulation verantwortlich. Neben dem Rückgang der Frischlingssterblichkeit sorge die milde Witterung für eine reich gedeckte Tafel im Wald. Früher nur alle vier Jahre, stünden Eichen und Buchen heute alle zwei oder gar jedes Jahr »in Vollmast«, heißt die Bäume fruchten dann stark. Mackenrodt: »Bucheckern und Eicheln sind die Pralinen für die Schweine.« Je besser aber die Ernährungslage, desto häufiger seien die Bachen empfängnisbereit. Schon im Januar rechnet der »Hubertus«-Jäger daher mit vielen neuen Frischlingen.

Info

Im Kreis 4000 Schweine weniger

Auch wenn die Sauenbestände weiter zu hoch seien, laut Dieter Mackenrodt, Vorsitzender der Jagdvereins Gießen, gibt es doch positive Anzeichen. Erste Drückjagden im Herbst zeigten eine deutliche Abnahme. In Wißmar wurden etwa nur 14 Sauen geschossen, im Vorjahr waren es fast 70. Nach Mackenrodt auch Ergebnis der Strecke im letzten Jagdjahr (April bis März): Mit 96000 in Hessen, 4000 Stück im Kreis Gießen wurden so viele Schwarzkittel wie nie zuvor erlegt. (tb)

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