29. Mai 2018, 22:16 Uhr

Zahltag war Feiertag für Taxifahrer

29. Mai 2018, 22:16 Uhr

Die Ayers-Kaserne bei Kirch-Göns prägte jahrzehntelang das Leben in Butzbach und Langgöns – von Kirch-Göns und Pohl-Göns ganz zu schweigen. Während des Zweiten Weltkrieges befand sich auf dem Gelände, auf dem heute der Magna-Park entstanden ist, ein Militärflugplatz, der als Gutshof getarnt war. Nach Ende des Krieges lag das Gelände brach – vorerst. Dann ging 1951 ein Raunen durch Kirch-Göns: Bereits im Frühjahr wurden auf der Militärbrache Vermessungen durchgeführt, ein Bauzaun mit dem Hinweis »Militärisches Sperrgebiet« errichtet.

Auch ein Teil der Mitglieder des Gesangvereins Frohsinn Langgöns erlebte diese Zeit noch live mit. Bei einem Besuch auf dem ehemaligen Kasernenstandort berichtete ihnen Werner Reusch unter dem Titel »Ayers Kaserne – Fräuleins und Taxifahrer« von den Ereignissen in und um die 1997 geschlossene Kaserne.

Im Mai 1952 baute die Wetzlarer Firma mit 50 Arbeitern im Auftrag der Amerikaner eine gigantische Betonmauer. 250 Meter lang, sieben Meter hoch, in Form eines Auffangschirmes. Dort sollte der gesamte Bezirk »Frankfurt Military Post« schießen. Die Langgönser hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, was ihnen da um die Ohren fliegen könnte: Im Schussgebiet lagen 400 Hektar Ackerland und ab September 1952 behinderten Gewehrkugeln die Feldarbeit der Kirch-Gönser und Langgönser Bauern bis in die Gemarkung Dornholzhausen. Bürgerversammlungen wurden ins Feld geschickt, doch sie erreichten nur, dass die Amerikaner auf den schießfreien Sonntag hinwiesen.

Auch von schöneren Ereignissen berichtete Reusch: Etwa von einem Konzert am 21. Juli 1953 – für den Gesangverein ganz besonders interessant. Der 22. Infanterie-Chor der 7. Armee mit 53 Männern lud die Bürger der umliegenden Orte in die zu diesem Zeitpunkt fertiggestellte Ayers-Kaserne ein. Austragungsort war das Gelände des Schießstandes, wo die üblichen Geräusche an diesem Tag von harmonischen Klängen abgelöst wurden. Im Bereich des Hüttenberges traten dabei erstmals deutsche und amerikanische Sänger gemeinsam auf. Teilgenommen hatten damals auch die Gesangvereine von Kirch-Göns, Niederkleen und Langgöns.

Quartier für 6000 Soldaten

Dann gingen die Bauarbeiten für die Kaserne schließlich los: Ab Oktober 1952 sorgten 1200 Arbeiter auf dem Gelände dafür, dass innerhalb von 150 Tagen 21 Gebäude errichtet wurden, in denen später rund 6000 Soldaten ihren Platz finden sollten.

Mit den anrückenden amerikanischen Soldaten kamen dann auch die Informationsabende für die Bevölkerung: »Denn wo 6000 Amerikaner stationiert werden sollten, würden sich natürlich auch Begleiterscheinungen – die sogenannten ›Fräuleins‹ – niederlassen«, erklärte Reusch. Warnungen gingen damals vor den leichten Mädchen um: Man sollte ihnen nicht Tür und Hof öffnen und es wurden hohe Strafen in Aussicht gestellt. In jedem Dorf um die Ayers-Kaserne wurden dann trotzdem Zimmer an »Fräuleins« vermietet. Und manches Haus wurde durch die Vermietung an Amerikaner oder durch die Fräuleins finanziert. Die Zahlen aus Butzbach sprechen eine deutliche Sprache: Mitte der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebten 30 Prostituierte in der Stadt und etwa 600 »Amateur«-Prostituierte. Doch auch die Gastronomie hatte mit den Soldaten ihr Auskommen: Alleine in Kirch-Göns gab es damals 16 Kneipen und Bars. Und die Soldaten zog es auch nach Langgöns, etwa zu Alfred und Gertraud Winkler ins Haus Niederhofen 7: Das Ehepaar hatte eine Geschäftsidee, das Haus angemietet und die Eisdiele aufgemacht. In einem kleinen Hinterzimmer wurde unter einer »Glitzerkugel« auch getanzt. Die GIs kamen gerne und verbrachten hier viel Zeit, berichtete Reusch.

Doch auch unschöne Szenen der damaligen zeit spielten sich hier ab: Etwa wenn ein farbiger Soldat die Eisdiele betrat und kurz darauf von weißen Soldaten zum Gehen aufgefordert wurde – die Rassentrennung war damals auch bei den Soldaten fest im Verhalten verankert. Für die Taxifahrer stellten die Soldaten eine wahre Goldgrube dar: In der Umgebung entdecken viele das neue Geschäft. Aus manchem Schreiner oder Feinmechaniker wurde ein Taxiunternehmer. Gerade am Zahltag kamen die Soldaten: Vier bis fünf Mal am Tag musste mancher Taxifahrer dann mit den Soldaten ins Frankfurter Bahnhofsviertel fahren. Eine Fahrt kostete 1959 25 Mark – zum Vergleich eine Stange Zigaretten etwa vier Mark. Als Zeitzeuge aus dieser Jahren kam auch Reynaldo Rivera zur Führung: Ab 1956 war er als Soldat in der Ayers-Kaserne stationiert. Ende Juni 1997 schloss sich das Haupttor der Ayers-Kaserne endgültig, das Gelände ging wieder zurück in deutsche Hand – eine Ära ging zu Ende.

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