11. September 2017, 09:00 Uhr

»Von oben«

Wo nicht nur die Amigos wohnen

Villingen hat alles, was man zu Leben braucht – und noch einiges mehr. Manfred Henß hat von oben draufgeschaut – und Ursula Sommerlad mit den Menschen gesprochen.
11. September 2017, 09:00 Uhr
Villingen ist der größte unter Hungens Stadtteilen. Hier lebt ein besonderer Menschenschlag. Das sagt jedenfalls der Pfarrer. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.

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Villingen hat zwei populäre Söhne. Karl-Heinz und Bernd Ulrich, Schlagerfreunden besser bekannt als »Die Amigos«. Doch mit »Heimat der Amigos« wäre der größte Hungener Stadtteil allzu plakativ beschrieben. Hier sind mehr als 1300 Menschen zu Hause. »Ein ganz besonderer Schlag«, sagt Hartmut Lemp. Der gebürtige Marburger muss es wissen. Er ist seit 32 Jahren der Gemeindepfarrer.

Nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist der Eintrag zu Villingen bei Wikipedia: »Früher verkehrte hier die Vogelsberger Westbahn von Hungen nach Mücke. Die Gleise sind inzwischen abgebaut. Auf der ehemaligen Bahntrasse führt nun ein Radweg von Hungen an die Gemarkungsgrenze zu Ruppertsburg und von dort weiter nach Nonnenroth. Im Ort gibt es eine Grundschule und einen städtischen Kindergarten sowie eine Metzgerei und eine Bäckerei.«

Da wäre zweierlei nachzutragen: Der Radweg auf der Bahntrasse wird inzwischen auf Laubacher Gemarkung weitergebaut. Und zu Metzgerei und Bäckerei hat sich vor drei Jahren ein Dorfladen hinzu gesellt. »Ein Vollsortimenter«, wie der Pfarrer betont. »Und er läuft.« Sein Stolz hat gute Gründe. Lemp gehörte zu jenen, die die Gründung des Ladens gegen viele Widrigkeiten durchgesetzt haben.

So kann sich Villingen als eines der mittlerweile raren Dörfer rühmen, die noch alles bieten, was der Mensch zum Leben braucht: Bäcker, Metzger, Lebensmittelgeschäft, einen Arzt, einen Zahnarzt, einen Kindergarten und eine Grundschule. Letztere ist übrigens nach Willi Ziegler benannt, dem früheren Leiter des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt. Er wurde in Villingen geboren und 2002 auch in seinem Heimatdorf zu Grabe getragen.

Dass seine künftigen Schäfchen sich durch Selbstbewusstsein auszeichnen, hat Lemp vor mehr als 30 Jahren schnell gemerkt: »Wer einmal Villinger Wasser getrunken hat, will hier nicht mehr weg«, bekam er damals zu hören.

Diese starke Heimatverbundenheit erklärt sich der Pfarrer mit der Historie. »Villingen war eines der wenigen Dörfer, die am Ende des 30-jährigen Kriegs völlig entvölkert waren und neu besiedelt wurden. Die neuen Bewohner, darunter auch solche mit hugenottischen Wurzeln, hätten sich gegenüber ihren Nachbarn wohl in besonderem Maße behaupten müssen. Jedenfalls spricht man bis heute von den Villingern als »Volk« und von den Nonnenröther Nachbarn als »Völkchen«.

Dort ist Lemp übrigens auch Pfarrer. Die Konkurrenz zwischen den beiden gegensätzlichen Dörfern nimmt er auch gerne mal auch die Schippe. »Das ist wie bei manchen Paaren. Sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohne den anderen.«

Der Spitzname der Villinger lautet »Zwiwweln«. Früher wählten sie eine »Zwiwwel-Königin«, jetzt werden Ehren-Zwiwweln verliehen. Aber auch leichter verdauliche Feldfrüchte stehen im Dorf hoch im Kurs. Bei Ortsvorsteher Manfred Paul, einem Landwirt, kann man im Frühjahr im großen Stil Erdbeeren pflücken. Und im Herbst gibt es auf dem Hof der Familie Bender »Kunst und Kürbis«. Den 16. und 17. September kann man sich schon mal vormerken.

 

Musik und Mundart

 

Zum Schluss kommen noch einmal die Amigos zu Wort: Ihrem »Heimatland« haben sie ein Lied gewidmet. Villingen wird darin nicht ausdrücklich erwähnt, aber immerhin der Vogelsberg. »Nie im Leben werd’ ich wieder von Dir gehen«, versprechen die Gebrüder Ulrich. Da ist sie wieder, die berühmte Heimatliebe. Man findet sie übrigens auch bei einem weiteren musikalischen Exportschlager aus Villingen: Die zwölf Weibsleute von »Querbeet« stürmen zwar nicht die Verkaufscharts.

Aber sie singen bei ihren Benefiz-Konzerten zum Wohle andere. Und sie tun es in Villinger Mundart.

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