20. März 2019, 11:04 Uhr

Mobilfunk

Wo im Kreis Gießen noch Handy-Funklöcher klaffen - Für Espa gibt es gute Nachrichten

Alle reden von schnellem Internet, DSL und Breitband. Doch noch immer gibt es im Kreis Gießen zahlreiche Flecken ohne Handyempfang. Ein Besuch bei Menschen, die in Funklöchern wohnen.
20. März 2019, 11:04 Uhr
Symbolfoto: fotolia/Alexander

Update: In so manchen Dörfern im Kreis herrscht Steinzeit in Sachen Mobilfunk, noch immer gibt es zahlreiche Funklöcher – auch in Langgöns. Vodafone hat nun angekündigt, in diesem Jahr einen Mobilfunkmast in Espa im Bereich »Gaulskopf« zu bauen. Nächstes Jahr soll er in Betrieb genommen werden.

 


Hintergrund: Marcel Rau steht rauchend vor seinem Haus im Ortskern Dornholzhausens und trinkt in aller Stille eine Tasse Kaffee. »Ich genieße die Ruhe auf dem Land«, sagt der 30-Jährige. »Die möchte ich gegen nichts eintauschen.« Im Ruhemodus ist allerdings auch sein Smartphone. »Kein Netz«, zeigt es an. Funkstille. »Hier ist ein toter Punkt«, sagt Rau. »Wir liegen im Tal des Kesselbergs.« In so manchen Dörfern im Kreis herrscht Steinzeit in Sachen Mobilfunk. Noch immer gibt es zahlreiche Funklöcher.

Ich habe auch schon Aufträge verloren, weil ich keinen Handyempfang hatte

Marcel Rau

Menschen wie Rau führen ein Leben, das bisweilen an die 90er erinnert. Der schlechte Handyempfang ist für den Dornholzhausener geschäftsschädigend. Rau ist selbständiger Bauingenieur, betreibt in seinem Haus ein Büro. »Ich vermittle außerdem landwirtschaftliche Geräte und Personal«, erzählt er. »Es ist schon mehrfach passiert, dass mich Kunden nicht erreicht haben und ich dadurch Aufträge verloren habe.« Darüber ärgert er sich. »Ich kann den Kunden nicht verübeln, dass sie dann woanders angerufen haben.«

 

Mobilfunkabdeckung im Landkreis Gießen

 

Wer durch Dornholzhausen oder durch das benachbarte Espa spaziert, entdeckt immer wieder Menschen, die ihr Smartphone auf der Suche nach Empfang in die Höhe halten. Auffallend oft bleiben Autofahrer vor dem Ortseingang Dornholzhausens stehen und halten auf einem Feldweg – damit Handygespräche im Funkloch nicht abgebrochen werden. Betroffen von fehlendem Handyempfang sind in Langgöns vor allem Kunden der Telekom und von Vodafone, zwischen Cleeberg und Espa gibt es immerhin einen Funkmast des Anbieters Telefonica.

 

Empfang auf dem Kanaldeckel

Wenn Volker Rühl in Espa mit seinem Handy telefonieren will, muss er ins Bad und hält das Smartphone erst einmal in die Höhe. »Es ist wetterabhängig, ob es klappt«, sagt der 56-Jährige. Funktioniert es nicht, zieht er die Jacke über, verlässt das Haus und geht ein paar Schritte bergauf. Auf einem Kanaldeckel bleibt er stehen. »Ich habe zwei Balken«, ruft er triumphierend. »Jetzt kann ich telefonieren.«

Für Mobilfunkanbieter gehe es um Wirtschaftlichkeit, ist Rühl bewusst. »Lohnt es sich bei nur 800 Einwohnern?« Die Unternehmen sind zu einer hundertprozentigen Mobilfunkabdeckung nicht verpflichtet. »Aber das ist doch kein Zustand«, hält der Espaer fest. Sein Nachbar Thomas Lukasch berichtet: »Wenn bei Fußballspielen Auswärtsmannschaften in Espa zu Gast sind und zum Beispiel Trikots vergessen haben, können sie nicht zuhause anrufen. Kein Netz.« Lukasch fügt hinzu: »Wir Älteren können noch damit umgehen, wenn wir im Funkloch sind. Für Jüngere aber ist das ein Ausschlusskriterium, hierher zu ziehen.«

 

Wenn ein Funkloch so schlimm wie ein Sekundenschlaf ist

Die Funkstille kann sich als Gefahr erweisen, wie Rühl verdeutlicht: »Stellen Sie sich vor, Sie spazieren im Wald und haben einen Unfall. Sie können ohne Empfang keine Hilfe rufen.« So werde der ländliche Raum abgehängt. »Bauarbeiter müssen aus dem Dorf heraus fahren, um ihren Chef anzurufen.«

Von ähnlichen Problemen berichtet Norbert Masfelde in Rodheim. »Mein Schwiegersohn ist Arzt, hat auch Bereitschaftsdienst und muss immer erreichbar sein. Er läuft immer wieder über den Hof und sucht eine Ecke, bis er wieder Empfang hat.«

Langfristig müsse das Mobilfunknetz vollständig abgedeckt sein, hält Horst Röhrig, der Langgönser Bürgermeister fest. »Man denke nur an das autonome Fahren. Ein Funkloch wäre so schlimm wie heute ein Sekundenschlaf am Steuer.« Zwischen Niederkleen und Dornholzhausen, berichtet er, soll immerhin ein neuer Funkmast errichtet werden.

 

1100 neue Funkmasten in Hessen geplant

Ein Sprecher der Telekom erklärt, dass man die Situation in Langgöns »noch einmal grundsätzlich prüfen und bewerten« wolle. Die vor 20 Jahren in Langgöns beschlossene Bevorzugung von Standorten von Funkmasten außerhalb der Wohnbebauung sei allerdings von Nachteil.

Hoffnung auf Besserung gibt eine im September getroffene Vereinbarung zwischen der Landesregierung und den Netzbetreibern. Bis 2020 sollen landesweit 1100 neue Mobilfunkstandorte entstehen und die letzten Funklöcher verschwinden. Wo im Kreis Gießen konkret Funkmasten entstehen sollen, steht noch nicht fest, wie eine Nachfrage beim Wirtschaftsministerium ergibt. Erst müsse der Bedarf in den jeweiligen Kreisen ermittelt werden, erklärt ein Sprecher.

Volker Rühl aus Espa kann dem schlechten Handyempfang bei allem Ärger derweil auch etwas Positives abgewinnen. »Wenn bei einer Feier im Bürgerhaus keiner aufs Handy schaut – das hat was.«

 

Info

Viele Flecken ohne Handyempfang

Funkstille herrscht im Kreis unter anderem östlich von Laubach, südlich von Allendorf/Lumda, nördlich von Wettenberg sowie zwischen Steinbach und Nieder-Bessingen, überwiegend auf Flächen außerhalb von Ortschaften. Insbesondere in Langgöns sind Dörfer wie Dornholzhausen, Espa, Cleeberg und Niederkleen betroffen. Die schwarzen Punkte in der Grafik zeigen die Ortsteile an.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Besuch
  • DSL
  • Deutsche Telekom AG
  • Funklöcher
  • Grafik
  • Horst Röhrig
  • Internet
  • Smartphones
  • Vodafone
  • Kreis Gießen
  • Stefan Schaal
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.