26. September 2017, 19:24 Uhr

»Wir hatten nur Steine und Sprache«

26. September 2017, 19:24 Uhr

Mit 16 Jahren sprang er in Gambach noch in Hecken und blickte mit Fernweh vom Ortsrand nach Eberstadt. »Das war ein Sehnsuchtsort, da ging die große Welt los.« Nun stand Lars Ruppel an diesem für ihn besonderen Ort im Maislabyrinth auf der Bühne. Gut, es war eigentlich ein Auto-Anhänger, auf dem er stand – wobei über 200 Besucher und Anhänger seiner Poesie ihn live erleben wollten.

»Das ist heute wie auf einem kleinen Familientreffen, und man muss die neue Freundin präsentieren«, beschrieb Ruppel seine Gefühle vor dem Auftritt. »Die Hälfte ist mit mir verwandt und die Oma ist auch da – die muss ja gucken, was der Bub macht.« Wenig verwunderlich ist, wie dieser Auftritt zustande kam: »Er war mit meiner Cousine in einer Klasse«, sagte Anne-Christin Weisel vom Maislabyrinth. Das so viele Besucher den Autor aus dem Nachbardorf Gambach live sehen wollen würden, hatte aber auch sie nicht erwartet. Auch Ruppel war überwältigt. »Es ist einfach nur geil, wenn man so viele Leute wiedersieht.«

Ruppel berichtete, wie er mit 16 Jahren noch in Gambach in Hecken sprang. »Wenn sie eine im Vorgarten hatten – ich lag bestimmt auch drin.« Dann nahm ihn ein Freund zum ersten Poetry-Slam nach Frankfurt mit. Ruppel war begeistert – das Publikum von seinem ersten Text jedoch noch nicht, wie er selbstkritisch berichtete. Mittlerweile hat sich das geändert. »Holger die Waldfee« und das im März erschienene »Mein Lieber Herr Gesangsverein, die Waldfee holt die Kuh vom Eis« sind Bestseller. Daraus trug er einige Texte vor – jedoch nicht am Stück. »Poesie ist extrem anstrengend für das menschliche Gehirn«, sagte er. »In zu hoher Dosis kann man Morbus Goethe davontragen. Dann hat man das dringende Bedürfnis, RTL 2 zu gucken.«

Den Auftakt machte ein »Frühwerk« aus seiner Kindheit, das er kürzlich auf dem verstaubten Dachboden in Gambach in einem Schulheft gefunden hatte. Steigerungsformen waren die Aufgabe, Ruppel dichtete unbewusst: »Das Haus ist hoch, der Kirchturm ist höer – da fehlte ein h.« Dieses Gedicht war der Einstieg in Erinnerungen an seine Kindheit. Sein Vater hatte ihm etwa vorgegaukelt, dass es in Gambach ein Gesetz gäbe, dass der Erstgeborene samstags bis 13 Uhr die Straße kehren müsse – große Teile des Publikums lachten wissend. Oder dass, wenn er seinen Vater nach was Süßem fragte, dieser ihm antwortete: »Nimm einen Apfel, die Schokolade der Natur!«

In dieser Zeit habe er aber erstmals seine Liebe zu Worten entdeckt: »Es ist eine ländliche Gegend: Wir hatten nur Steine und Sprache.« Bis er diese Liebe wiederentdeckte, dauerte es aber einige Jahre. Die Schule war hierfür allerdings nicht verantwortlich: »Natürlich kann ich Effie Briest lesen – ich kann mich aber auch so langweilen.«

Heute lebt Ruppel von seiner Poesie, hat zudem ein Demenzprojekt entwickelt: Weckworte. Das Vortragen klassischer Gedichte weckt bei den Erkrankten Erinnerungen – denn diese Texte kennen sie aus ihrer Kindheit. Ruppel hat sich sogar überlegt, wie man Poesie Menschen vortragen kann, die nichts mehr hören. P. Dehnhardt

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