22. August 2018, 21:27 Uhr

»Wir erreichen diese Frauen«

Seit Juli vergangenen Jahres soll ein neues Gesetz Prostituierte besser schützen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig. Eigentlich sind die Kommunen zuständig, teils aber auch der Landkreis. Deshalb will man dort jetzt alle Aufgaben bündeln.Vom Kreisausschuss gab es dafür bereits grünes Licht.
22. August 2018, 21:27 Uhr
Um Prostituierte besser zu schützen, machen Landkreis und Kommunen gemeinsame Sache. Die durch ein neues Gesetz anfallenden Aufgaben sollen in Gießen gebündelt werden. (Symbolfoto: dpa)

Insgesamt 164 Prostituierte sind seit Juli vergangenen Jahres beim Landkreis vorstellig geworden, um sich gesundheitlich beraten zu lassen. Die meisten stammten aus Osteuropa (Rumänien und Bulgarien), vereinzelt kamen sie aus Litauen und Deutschland. Der Weg zum Gesundheitsamt ist seit 1. Juli 2017 Pflicht für die in dem Gewerbe tätigen Frauen und Männer, denn seitdem ist das neue Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Ebenso eine persönliche Anmeldung bei der Behörde sowie ein weiteres Beratungsgespräch, das über Rechte, Pflichten und Hilfsangebote informiert.

Im Landkreis Gießen gibt es neun Bordelle und 21 Tagesterminwohnungen, in denen Prostituierte ihre Dienste anbieten. Zuständig für die Umsetzung des neuen Schutzgesetzes sind seit Februar eigentlich die Kommunen, lediglich für Gemeinden mit weniger als 7500 Einwohnern müsste der Landkreis Anmeldung, Beratungsgespräche sowie die ebenfalls verpflichtenden Kontrollen der Prostitutionsstätten übernehmen. Doch im Gießener Land wollen Städte und Gemeinden auf diesem Gebiet zusammenarbeiten und hatten den Landkreis im Frühjahr um Unterstützung gebeten, um die Aufgaben dort zu bündeln.

»Wir haben damals gesagt, wir sind bereit zu prüfen, zu welchen Bedingungen wir das tun können«, sagt Landrätin Anita Schneider. Das ist mittlerweile geschehen: Der Kreisausschuss hat sich am Montagabend dafür ausgesprochen, dass der Landkreis für die Kommunen die anfallenden Aufgaben übernimmt. Das heißt konkret: Neben der gesundheitlichen Beratung, die wegen des Gesundheitsamtes ohnehin am Riversplatz angesiedelt ist, handelt es sich um die persönliche Anmeldung, die beim Ordnungsamt erfolgen soll, außerdem um die allgemeine Lebensberatung.

Die Vieraugengespräche sollen nach Wunsch des Kreisausschusses wie in der Stadt Gießen Streetworkerinnen vom Frankfurter Verein »Frauenrecht ist Menschrencht« (FIM) übernehmen. Diese stammen selbst oft aus Osteuropa, beherrschen also zumindest teilweise die Muttersprache ihrer Klientinnen und haben Erfahrung in dem Milieu. Mit Blick auf ein möglichst vertrautes Gesprächsklima ein großer Vorteil. Und Letzteres ist wichtig, schließlich geht es bei diesen Gesprächen nicht nur um Rechte, Pflichten und Hilfsangebote, sondern auch darum herauszufinden, ob die Prostituierte zu ihrer Arbeit gezwungen wird.

»Es ist nicht so, dass wir nicht in der Lage wären, diese Beratung durchzuführen. Aber wir wollen den bestmöglichen Schutz für diese Frauen«, sagt Ralf Sinkel, beim Landkreis Fachdienstleiter für das Aufsichts- und Ordnungswesen. Und der Frankfurter Verein FIM ist mittlerweile sogar vom Land Hessen für diese Beratungen zertifiziert.

Um die Anmeldungen wird sich – sollten der Kreistag und alle 17 Kommunalparlamente zustimmen – eine Verwaltungsfachkraft kümmern, die für ihren Job insbesondere Beratungskompetenz und Empathie mitbringen muss. Ihr wird zudem die Aufgabe zufallen, die Prostitutionsstätten zu überprüfen, denn auch die Betreiber haben laut des neuen Gesetzes Auflagen zu erfüllen. Wenn sie ein Bordell oder eine Tagesterminwohnung beantragen, müssen sie ein Betriebskonzept vorlegen, in dem unter anderem dargelegt wird, wie sie die Sicherheit der Prostituierten gewährleisten. Ebenso, dass sie dafür sorgen, dass keine unter 18-Jährigen anwesend sind, sie keine Minderjährigen beschäftigen oder Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind.

Wie das in der Praxis aussehen wird, erklärt Sinkel anhand eines Beispiels: Wird eine Frau während der Arbeit von einem Freier bedroht, muss sie die Möglichkeit haben, einen Alarm auszulösen. Ist das nicht der Fall, muss der Bordellbetreiber nachrüsten. Bisher wurden beim Landkreis weder Anmeldungen von Prostituierten entgegengenommen, noch Betriebe kontrolliert. Sinkel: »Wir sind erst am Aufbau der Strukturen.«

Die Strukturen im Bereich der Gesundheitsberatung sind bereits vorhanden. Eine Gynäkologin informiert die Frauen über Krankheits- und Empfängnisverhütung, Schwangerschaft, Notlagen sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch. Laut Christine Jung, Fachdienstleiterin des Gesundheitsamtes, nehmen die Betroffenen dies gerne an. »Diese Frauen sind sehr höflich, sehr dankbar und sehr interessiert an den Informationen.« Denn dass die »Pille danach« existiert wüssten die meisten ebenso wenig, wie sie Kenntnisse über mögliche Impfungen oder Hygienemaßnahmen hätten. Jung ist davon überzeugt: »Wir erreichen diese Frauen. Wenn sie gehen, nehmen sie etwas mit.«

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