25. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Verkehrswende

Wie realistisch ist die »Verkehrswende im Wiesecktal«?

Vorrang für Radfahrer, ÖPNV zum Nulltarif: Die jüngsten Pläne aus der Projektwerkstatt in Saasen lassen aufhorchen. Was ist umsetzbar und wie stehen die betroffenen Bürgermeister zu den Ideen?
25. Oktober 2018, 05:00 Uhr
Jonas_Wissner
Von Jonas Wissner , 2 Kommentare
Die Vogelsbergbahn, hier in Großen-Buseck, würden die Aktivisten um Jörg Bergstedt gern um drei Haltepunkte erweitern. (Foto: est)

Blechkolonnen auf der Autobahn, zu wenige Parkplätze in den Innenstädten, zu viele Schadstoffe in der Luft. Es gibt einige Argumente dafür, den ÖPNV im Autoland Deutschland zu stärken. Doch wie können Menschen motiviert werden, vom Pkw auf Züge und Busse umzusteigen? Mit einer konsequenten, radikalen Verkehrswende auf vielen Ebenen – so lässt sich die Antwort von Jörg Bergstädt zusammenfassen.

Gemeinsam mit anderen Aktivisten von der Projektwerkstatt Saasen hat er ein Konzept für das Wiesecktal erarbeitet. Es betrifft neben Gießen auch Buseck, Reiskirchen sowie Grünberg und soll anhand eines überschaubaren Areals Alternativen aufzeigen.

Am Wochenende gingen Demonstranten in Gießen für eine Verkehrswende auf die Straße. Außerdem werden die Vorschläge bei Diskussionsabenden im Kreis Thema sein (siehe unten). Wir stellen vorab einige Ideen vor:

 

Fahrradstraßen innerorts:

»Wir brauchen mehr Radwege innerhalb der Ortschaften, auf denen Radfahrer Vorrang haben. Dort würde automatisch Tempo 30 gelten, Radler dürften nicht überholt werden«, wirbt Bergstedt für seine Idealvorstellung. Oldenburg, Münster und andere Städte hätten gezeigt, dass der Anteil des Radverkehrs erheblich steige, wenn dem Drahtesel-Verkehr Vorrang eingeräumt werde. Dafür könnten bestehende Wege umgewidmet und neu beschildert werden.

Dirk Haas (SPD), Bürgermeister von Buseck, hält das für einen guten Ansatz. »Bei uns haben wir schon viele Tempo-30-Zonen und wollen auch den Ausbau von Radwegen vorantreiben.« Auch in Grünberg sind Radwege ein Thema: Der Ausbau des Radfernwegs R7 mit neuer Streckenführung entlang der Bahnstrecke Gießen-Fulda soll bis Juni 2019 erfolgen.

Was die Grünberger Innenstadt betrifft, ist Bürgermeister Frank Ide (FW) indes skeptisch. Wenn der Bereich um den Markt nicht mehr per Auto erreicht werden könne, befürchte er gravierende Einbußen für dortige Geschäfte.

 

Ausbau der Vogelsbergbahn:

Für eine Verkehrswende im Wiesecktal bräuchte es laut Bergstedt auch ein besseres Angebot der Vogelsbergbahn. Im Kreis hält sie bislang zweimal in Gießen, außerdem in Großen-Buseck, Reiskirchen, Saasen, Göbelnrod, Grünberg und Lehnheim.

Der Plan sieht vor, Haltepunkte in Rödgen, Buseck (Industriegebiet Ost/Leppermühle) sowie Lindenstruth hinzuzufügen. Damit sich die Zugtaktung nicht verlängert, andere Züge nicht aufgehalten werden, schlägt Bergstedt den Bau von Ausweichgleisen an diesen Bahnhöfen vor.

»Die Förderbedingungen sind gerade sehr günstig, da wäre es dumm, nicht zuzuschlagen«, sagt er. Notwendig sei auch, statt in den Ausbau von Schnellstraßen in Radwege zu investieren, dies erfordere ein Umdenken auf Bundesebene.

Die Idee, die Vogelsbergbahn auszubauen, sei nicht schlecht, sagt Reiskirchens Bürgermeister Dietmar Kromm (parteilos). Dafür bedürfe es aber eines abgestimmten Konzepts. Er halte es für sinnvoll, Fahrgemeinschaften zu fördern.

 

Kostenloser ÖPNV für alle:

Es ist der wohl radikalste in der langen Reihe von Vorschlägen: Jederzeit in Busse und Bahnen einzusteigen, ohne bezahlen zu müssen – das würden zumindest ÖPNV-Nutzer vermutlich sofort unterschreiben. Doch Bus- und Bahnverkehr kosten Geld, ist in der Regel trotz Fahrkartenverkauf ein Zuschussgeschäft. Die Frage nach der Finanzierung eines Nulltarifs drängt sich auf.

»Da müsste man wohl an die KFZ-Steuer und Pendlerpauschale ran«, sagt Bürgermeister Haas und zeigt sich skeptisch, was eine Umsetzung betrifft. »Der Staat müsste sich entscheiden«, räumt Bergstedt ein, natürlich würde kostenloser ÖPNV zu Lasten anderer Subventionierungen gehen.

Er habe nicht selbst nachgerechnet, beruft sich aber auf eine Schätzung des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Demnach würde die Einführung eines kostenlosen Nahverkehrs etwa zwölf Milliarden Euro pro Jahr kosten. Hinzu kämen Investitionen in die Infrastruktur, die dann laut VDV dringend nötig wären, denn »ein kurzfristiger, sprunghafter Fahrgastanstieg würde die vorhandenen Systeme vollständig überlasten«.

Herr Bergstedt hat gute Ideen, bringt es aber oft fertig, die Mehrheit gegen sich aufzubringen

Dirk Haas, Bürgermeister von Buseck

Denkanstöße

Bergstedt sieht die Vorschläge vor allem als Denkanstöße. Natürlich müssten sie vor einer Umsetzung im Detail geprüft werden, das sei die Aufgabe von Planern. Bürgermeister Haas wird sich demnächst der Diskussion mit ihm in Buseck stellen. »Herr Bergstedt hat gute Idee, bringt es aber oft fertig, die Mehrheit gegen sich aufzubringen«, sagt er.

Welche Wirkung die neuesten Ideen aus Saasen entfalten, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

Info

Diskussion in Grünberg

Bei drei Info-Veranstaltungen stellen die Aktivisten um Bergstedt ihr Konzept zur Diskussion. Am Donnerstag, 25. Oktober in Grünberg (20 Uhr, Ristorante Al Castello, Schlossgasse 4), am Dienstag, 6. November, 19 Uhr in der Projektwerkstatt Saasen (Ludwigstraße 11) und am Mittwoch, 14. November, 19 Uhr, im Kulturzentrum Großen-Buseck (Schlosspark 2).

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