08. Oktober 2018, 13:00 Uhr

Von Oben

Wie Ober-Bessingen in den Siebzigern für eine automobile Sensation sorgte

Ein historisches Torhaus, eine uralte Eiche und natürlich der Krippenweg: Das ist Ober-Bessingen. Doch vor 48 Jahren machte der Ort bei der Hannover-Messe von sich reden.
08. Oktober 2018, 13:00 Uhr
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Von Christina Jung
Direkt unterhalb des Waldes, der im Volksmund »Hässels« genannt wird, beginnt das alte Dorf. Die Neubaugebiete Ober-Bessingens liegen an der Landesstraße. (Foto: Henß)

Kein Bäcker, Metzger oder sonst irgendein Laden mehr. Kein Arzt, keine Apotheke. Dafür ein Hausberg, gleich zwei örtliche Wahrzeichen, viel Historisches und eine überaus engagierte Dorfgemeinschaft – das ist Ober-Bessingen. Jener Licher Stadtteil, den unser Luftfotograf für den heutigen Serienteil in den Fokus genommen hat.

Wer etwas über den 580-Seelenort erfahren möchte, findet hier so manchen Ansprechpartner. Eine gute Adresse ist die von Karin Römer. Eine waschechte Ober-Bessingerin und seit 2011 Ortsvorsteherin. Sie wohnt nicht weit von der Pforte entfernt, jenem Bauwerk, das zu Ober-Bessingen gehört, wie der Stadtturm zu Lich.

Als Torhaus im Jahr 1782 errichtet, bildete das Bauwerk ursprünglich das Ende der Hauptstraße, war allerdings nicht das erste an dieser Stelle. Bereits 1593 hatte dort ein solches gestanden. Dieses fiel 1675 einem verheerenden Feuer zum Opfer. »Bis auf ein Haus ist damals ganz Ober-Bessingen abgebrannt«, weiß Römer. Ein Bauer hatte am Abend des Kirmesmontag im Stall eine Lampe umfallen lassen und so die Katastrophe verursacht. Er hatte tagsüber wohl zu tief ins Glas geschaut.

 

Neue Pilgerherberge

Neu aufgebaut fungierte die Pforte über die Jahrhunderte als Rathaus, Schule und Spritzenhaus, bis in die 1990er Jahre war das dritte Geschoss bewohnt. Seit April 2017 wird das Kulturdenkmal saniert. Im kommenden Jahr sollen ein Rot-Kreuz-Museum und eine Pilgerherberge einziehen. Um den Betrieb letzterer wird sich der 2016 gegründete Pforte-Verein kümmern, ebenso wie um die Gebäudeinstandhaltung.

Schnell hatten sich vor zwei Jahren viele engagierte Menschen gefunden, als es darum ging für den Bestand des Wahrzeichens Verantwortung zu übernehmen. »Die Ober-Bessinger lieben ihre Pforte«, sagt Römer. 100 Vereinsmitglieder sind für sie der Beweis.

Rund einhundert Meter vom Torhaus entfernt steht ein Naturdenkmal, das auf der Beliebtheitsskala der Ober-Bessinger ebenso weit oben rangiert wie die Pforte. Die Rede ist vom Eichbaum, der mittlerweile 105 Jahre auf dem Buckel hat. Gepflanzt am Sedanstag 1913 aus Anlass der hundertjährigen Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig, gibt er seit 30 Jahren auch zwei Dutzend engagierten Dorfbewohnern ihren Namen – der Eichbaumgruppe. Sie veranstaltet nicht nur das Eichbaumfest sondern auch den Seniorennachmittag, das »Nikoklaus«-Fest am ersten Advent und – 2011 daraus entstanden – den Krippenweg.

 

Es fing mit 20 Krippen an

»Schon früher sind wir am ersten Advent samt Bollerwagen mit den Kindern in den Wald gezogen, 2011 haben wir dort Krippen für sie aufgestellt«, erzählt Römer. Aus den anfangs 20 Stück sind mittlerweile an die 100 geworden, die dort alljährlich bis zum 6. Januar zu sehen sind.

Teils selbst gebaut, teils gespendet oder auf Flohmärkten erworben, werden sie von der Eichbaumgruppe Ende November auf dem Hässels, dem Hausberg, aufgestellt. Beleuchtung inklusive. Eine Woche dauert es, bis alles fertig ist, sagt Römer. Mit Begeisterung widmet sich die Gruppe dem Aufbau, und manches Mitglied wird dabei zum Künstler. Römer: »Unsere Männer sind dann im Krippenfieber.«

Viele Besucher hat der Krippenweg den Ober-Bessingern in den vergangenen Jahren beschert. Doch auch andere Sehenswürdigkeiten locken in das sieben Kilometer östlich der Kernstadt gelegene Dorf. Die evangelische Kirche beispielsweise. Bei der Renovierung des gotischen Gotteshauses im Jahr 2000 wurden verschiedene Fresken freigelegt wie das der heiligen Dorothea. Neben diesen sind Graffitis von Soldaten aus dem 30-jährigen Krieg, ein Altar-Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert oder die Orgel von 1833 zu bestaunen.

 

Automobile Sensation

Was es noch Interessantes von Ober-Bessingen zu berichten gibt? Einst wurde in dem Dorf an der Wetter Papier hergestellt, das unter anderem bis nach Ungarn geliefert wurde. Noch heute erinnert ein Gedenkstein im Steineswald an diese Zeit. Der Keller der alten Papiermühle, die bis 1877 bestand, ist – wenn auch zugewachsen – noch vorhanden. »Als ich klein war, haben die Kinder dort verstecken gespielt«, erinnert sich Ortsvorsteherin Römer.

Bliebe da noch die kleine automobile Sensation, die vor 48 Jahren auf der Messe in Hannover auftauchte: Der Piccolo, ein kleiner Stadtwagen, den die Firma Autoteile Walter Schätzle Anfang der siebziger Jahre für den deutschen Automarkt produzierte. Er war 2,90 Meter lang, 390 Kilogramm schwer. Mit einem Zweitaktmotor ausgestattet, brachte es der kleine Stadtwagen aus Ober-Bessingen auf eine dann doch bemerkenswerte Höchstgeschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde.



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