16. Juli 2017, 09:00 Uhr

Tschernobyl-Erbe

Wie Hungen gegen die »Strahlenmolke« kämpfte

Die Nachricht, dass verstrahltes Molkepulver in ihrer Stadt entseucht werden soll, treibt die Bürger von Hungen auf die Barrikaden. Im Juli 1987 beginnt ein harter Kampf.
16. Juli 2017, 09:00 Uhr
sommerlad_us
Von Ursula Sommerlad
MOLKE NEIN DANKE! – Mitglieder der Bürgerinitiative protestieren am 18. August 1987 anlässlich einer Sondersitzung des Kreistags in Hungen. (Fotos: Archiv/tb)

Diesen Tag vor ziemlich genau 30 Jahren hat Wilfried Schmied bis heute nicht vergessen. Am Dienstag, dem 21. Juli 1987, erfuhr der CDU-Mann, damals gerade 44 Jahre alt und seit gut drei Jahren Bürgermeister von Hungen, was das von seinem Parteikollegen Klaus Töpfer geleitete Bundesumweltministerium plante: 5000 Tonnen radioaktiv belastetes Molkepulver sollten in der Molkerei am Ostrand der Stadt, der damaligen Moha, dekontaminiert werden. Staatssekretär Clemens Stroetmann hatte dem Bürgermeister telefonisch kurzfristig seinen Besuch angekündigt und durchblicken lassen, dass es sich um etwas Heikles handele. Schmied trommelte daraufhin den Magistrat zusammen. Bei einem abendlichen Treffen mit dem Gast aus Bonn im »Quellenhof« erfuhren die Stadträte, was auf sie zukam. Die Neuigkeit sprach sich schnell herum. »Schon um 22 Uhr hatte ich Chris Boppel am Telefon, den Landtagsabgeordneten der Grünen«, erinnert sich Schmied. Am 23. Juli konnten die Hungener die Nachricht dann groß in der Zeitung lesen.

 

Strahlende Fracht aus Bayern

 

Was da bei ihnen abgeladen werden sollte, wussten die Menschen nur allzu gut. Monatelang hatte die »Strahlenmolke«, die in Güterzügen durch die Republik rollte, für Schlagzeilen gesorgt. Das Pulver kam aus Bayern, wo die Wiesen, auf denen die Kühe grasten, in den Wochen nach Tschernobyl besonders stark belastet gewesen waren. Die Milch war es dann auch. Besonders stark strahlte die Molke, die nach der Käseproduktion übrig geblieben und zu Pulver getrocknet worden war. Die Cäsiumbelastung lag ums Dreifache über dem in der Europäischen Gemeinschaft zulässigen Grenzwert. Das Bundesumweltministerium hatte das Pulver aufgekauft und suchte nun händeringend nach einer Möglichkeit, die belastete Fracht zu entsorgen.

Rettung versprach das von Prof. Franz Roiner (Hannover) entwickelte Ionenaustauschverfahren, das bis dato lediglich unter Laborbedingungen erprobt worden war. Der Staatssekretär habe beim Treffen mit dem Magistrat relativ glaubhaft erläutert, dass mit dieser Technik das strahlende Material abgesondert werden und das Pulver anschließend als Viehfutter oder Dünger wieder verwendet werden kann, erinnert sich Wilfried Schmied.

 

Überparteiliche BI

 

Um den Auftrag hatte sich die Intermilch GmbH Stuttgart beworben, deren Hungener Tochter, die Moha, damals nicht ausgelastet war. Zwei Jahre, so war es geplant, sollte die Reinigung im Trockenwerk an der Niddaer Straße in Anspruch nehmen, mehrere Millionen Mark sollten investiert und 25 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch dazu kam es nicht. Hungen erlebte nach dem 21. Juli 1987 heiße Wochen. Schon am 27. Juli gründete sich eine Bürgerinitiative. »Wir waren überparteilich und aktiv ohne Ende«, erinnert sich Christel Jung, die damals dem Vorstand angehörte.

Und die BI blieb mit ihrem Widerstand nicht allein. Örtliche Ärzte warnten vor der »Strahlenmolke«, Pfarrer, Schulen, Juristen und Gewerbetreibende folgten ihrem Beispiel, die OVAG sorgte sich um die Qualität des Trinkwassers in ihrem Wasserwerk Inheiden, die Rewe fror vorsichtshalber geplante Investitionen von zehn Millionen Mark ein. Und am 30. Juli erlebte die Stadt mit rund 1200 Besuchern in der Stadthalle die wohl größte Bürgerversammlung ihrer Geschichte. Die Gießener Allgemeine berichtete anschließend von »ungebremstem Tumult«.

Schmieds Erinnerungen gehen in eine ähnliche Richtung: »Leute, die ich bis dahin als vernünftig kennengelernt hatte, wollten uns quasi an der Krawatte über die Theke ziehen«, erzählt der einstige Bürgermeister. Spätestens, als drei Tage später 1500 Demonstranten in der Innenstadt und auf dem Moha-Gelände gegen die Entseuchungsfabrik protestierten, »war klar, dass es nicht gegen den Widerstand der Bevölkerung geht«, sagt Schmied. Am 5. August sagte dann auch der Hungener Magistrat »Nein« zur Dekontaminierung am Standort Hungen: »aus Sorge um die Bevölkerung und die Wirtschaftskraft der Stadt«.

Christel Jung ist überzeugt, dass ohne den Einsatz der BI die Molke nach Hungen gekommen wäre. Die Politik habe diese Lösung gewollt, »aber wir haben etwas bewegt, was bundesweit einmalig war.« Der Wendepunkt kam nach Ansicht Jungs bei einer zweiten Bürgerversammlung am 18. August mit Bundesumweltminister Klaus Töpfer. In der proppenvollen Stadthalle sei es damals ganz still geworden, als einzelne Bürger ihre Sorgen vorbrachten und warnten: »Wir können das nicht beherrschen.«

 

Rettungsanker Wasserschutz

 

Bereits vor dem Töpfer-Besuch hatte sich eine Möglichkeit aufgetan, den Ionenaustausch in Hungen auf juristischem Weg zu verhindern. Der entscheidende Hinweis kam laut Schmied von Jürgen Hennecke, damals Betriebsleiter des Inheidener Wasserwerks. Der hatte sich das Hessische Wassergesetz samt der begleitenden Verwaltungsvorschriften vorgeknöpft und dort den rettenden Passus entdeckt. Obwohl 1987 für Hungen noch kein Wasserschutzgebiet festgesetzt, sondern lediglich ein entsprechender Antrag gestellt war, mussten aufgrund eines hydrogeologischen Gutachtens die Festsetzungen für eine Schutzzone bereits angewendet werden. »Allein wären wir darauf wohl nicht gekommen«, sagt Schmied freimütig. Gemeinsam mit dem OVAG-Vorsitzenden Heinrich Martin fuhr er damals nach Wiesbaden, wo sich Umweltminister Karlheinz Weimar (CDU) zu einer Stellungnahme bewegen ließ. Am Abend des 6. August wurde sie in einer Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung verlesen. Kernaussage: Der Betrieb von Anlagen, in denen radioaktive Stoffe verwendet werden, sei in Wasserschutzzonen verboten. Eine Ausnahmegenehmigung betrachte die Landesregierung sehr kritisch. Noch am selben Abend sprach sich die Stadtverordnetenversammlung einstimmig gegen die Dekontaminierung aus.

Das war der Anfang vom Ende. Aufatmen konnten die Hungener sechs Wochen später: Da kam die erlösende Nachricht aus dem Bundesumweltministerium: Als neuer Standort wird Lingen favorisiert. Dort, im Emsland, in einem stillgelegten Atomkraftwerk, wurde das Molkepulver tatsächlich nach dem Roiner’schen Ionenaustauschverfahren dekontaminiert.

Geblieben sind Erinnerungen. Bei Wilfried Schmied an einige Wochen, in denen sich die Ereignisse überschlugen. »Es war nicht meine wichtigste Zeit als Hungener Bürgermeister, aber sicherlich die aufregendste.« Und bei Christel Jung an ein emotionales Auf und Ab und eine Erkenntnis, die ihr bis heute geblieben ist: »Man kann unheimlich viel bewegen, wenn man zusammen hält.«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos