16. September 2012, 16:23 Uhr

Wetterkapriolen im Mai verhagelten Apfelernte

Staufenberg/Gießen (khn). Im vergangenen Jahr müssen sich Apfelliebhaber wie im Schlaraffenland gefühlt haben.
16. September 2012, 16:23 Uhr
Derart behangen wie im vergangenen Jahr sind die Apfelbäume in diesem Jahr bei Weitem nicht. Aber die Qualität sei gut, sagt Experte Roland Ehmig. (Fotos: khn/dpa)

Sammler kamen gar nicht damit nach, das Obst von den Bäumen zu pflücken, Keltereien produzierten Apfelsaft und -wein wie lange nicht mehr. Roland Ehmig, Experte in Sachen heimisches Obst, hat für sie keine guten Nachrichten. »In diesem Jahr wird die Ernte um etwa 50 Prozent geringer sein«, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Grund ist eine Hagelfront während der Blütezeit im Mai.

Roland Ehmig ist im Vorstand des Landesverbands Hessen für Obstbau, Garten und Landschaftspflege und im Obst- und Gartenbauverein Treis als Vorsitzender aktiv. Er weiß, warum eine Ernte gut oder schlecht ausfällt, wie man Ungeziefer begegnet und warum Bio manchmal kein Etikett braucht. Der 62-Jährige ist der ideale Gesprächspartner, wenn es um Äpfel und den Start der Keltersaison geht. »Das war kein gutes Jahr«, sagt er im Vereinsheim der Treiser Obstbauern, »aber man muss auch klar sagen, dass das vorige extrem gut war.« Verantwortlich für den mauen Ertrag sei ein »extremer Hagel« gewesen, der am 2. Mai – Ehmig weiß das Datum noch ganz genau – über weite Teile Hessens niedergegangen war. »Das Obst hatte fingernagelgroße Schäden, und auch die Bäume waren davon betroffen«, sagt Ehmig und schüttelt mit dem Kopf. Gerade wenn es Frost oder Hagel bei der Blütezeit gebe, die laut Ehmig in Hessen zwei Wochen früher beginnt als noch vor zehn Jahren, gebe es Ernteeinbußen.

Auf die Qualität jedoch habe weder der Hagel noch der verregnete Sommer Einfluss gehabt. »Die ist sehr gut«, sagt Ehmig. Doch auf den Pflücker lauern zahlreiche Fallstricke, die die Haltbarkeit mindern und dementsprechend auch den Genuss trüben können. »Der größte Fehler passiert oft gleich zu Anfang«, sagt Ehmig, »beim Pflücken.« Der Apfel dürfe nicht abgerissen, sondern müsse zusammen mit dem Stiel abgedreht werden, »sonst wird er schneller schimmelig.«

Auch bei der Lagerung kann jede Menge schief gehen. Am besten eignen sich die Äpfel, die in der Mitte der Saison geerntet werden. »Die ersten sind zu sauer, die letzten ausgereift.« Wer das Obst dann zu dicht übereinander stapelt, findet bald sehr viel Ausschussware vor. Auch deshalb gelte es: Wöchentliche Kontrolle des Lagers, faule und beschädigte Äpfel raus.

Ideale Lagertemperatur ist laut Ehmig zwischen zwei und fünf Grad. Dann halte die Ware bis April. »Jedes Grad mehr verkürzt die Lagerzeit.« Bei fünf bis zehn Grad werde die Haltbarkeit zwischen 14 Tagen und vier Wochen verkürzt. Da die Schale der Äpfel Feuchtigkeit verliert, sollte man entweder etwas Wasser daneben stellen, die Äpfel in einem löchrigen Beutel sammeln oder sie mit einer Sprühflasche leicht benetzen.

Gefahr für die Artenvielfalt

Mit Ungeziefer hätten die Bäume kaum zu kämpfen gehabt, sagt Ehmig. »Blattläuse gab es in diesem Jahr wenige, und auch vom Frostspanner waren die Bestände nicht betroffen.« Für die Ernte im kommenden Jahr hat der 62-Jährige schon jetzt einen Tipp: Zwischen Oktober und November sollten Obstbaumbesitzer Leimringe an den Bäumen anbringen. »Die Weibchen können nicht fliegen, sondern klettern die Äste zur Blüte hoch und legen ihre Brut dort ab.« Die schlüpfen dann im Frühjahr und fressen alles ratzekahl weg. Die Weibchen, die dem Obstbauern auf dem Leim gehen, können ihre Brut nicht mehr weitertragen.

Größere Gefahr droht den Beständen eher durch das Verhalten von Verbrauchern, sagt Ehmig. »Es werden vermehrt Tafeläpfel angebaut und weniger Kelteräpfel.« Das Verhältnis liege bei 70 zu 30. Das könne eine Artenarmut zur Folge haben. Renner in Märkten sind laut Ehmig Sorten wie Jonagold, Elstar und Braeburn. »Die Farbe ist für Kunden wichtig«, sagt Ehmig, »außerdem müssen die Äpfel makellos sein. Dabei sind sie nicht schlecht, wenn sie eine Schorfstelle haben.« Das sei »bedenklich und schade«. Es gebe doch so viele schöne Sorten, sagt Ehmig, und wenn er sie einzeln aufzählt, gerät er ins Schwärmen: »Der Heuchelheimer Schneeapfel zum Beispiel hat eine richtig dicke Wachschicht, der schützt sich selbst.«

Auch wenn Ehmig an Bio-Äpfel beispielsweise aus Chile denkt, muss er mit dem Kopf schütteln. »Wir haben hier in Hessen eine so große Vielfalt, und bei uns wird das Obst auch nicht bespritzt.« Im vergangenen Jahr zum Beispiel seien so viele Äpfel nicht gesammelt worden und verfault. Ehmig ist sich aber sicher: Der Eigenanbau werde wieder in Mode kommen. »Obst und Gemüse braucht wenig Platz, und der Geschmack ist einfach um Welten besser.« Außerdem schlage das heimische Obst die Importware in Sachen Preis-Leistungsverhältnis.

Beschädigte Äpfel eigneten sich zum Beispiel für Apfelmus. »Dazu Reibekuchen aus Kartoffeln, das wächst alles vor der Tür und ist günstig.« Ehmig reibt sich seinen Bauch, als er weiter aufzählt: »Apfelkuchen mit Sahne, Äppler mit Handkäs und Musik.« Apropos Getränke: »In« sei im Moment »Back in the Box«: Die Äpfel werden bei 68 Grad erhitzt, zu Saft verarbeitet und dann in Plastikbehälter mit einem Hahn gefüllt. »Das bieten mobile Kelterer und Obst- und Gartenbauvereine an.« Vorteil sei die lange Haltbarkeit und die Handhabung. »Wir verschenken diese Boxen auch mal an Schulklassen. Dann bekommen sie was besseres als Capri-Sonne.« So macht ein Kelterer aus 50 Kilo Äpfeln 30 Liter Most. »Das ist sehr ergiebig.« Wer seine Ernte zur Verarbeitung abgegeben will, ist bei den örtlichen Obst- und Gartenbauvereinen, bei Keltereien (siehe Bericht unten ) und bei mobilen Keltereien, die jetzt die jeweiligen Ortschaften anfahren, richtig.



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