21. Mai 2019, 10:00 Uhr

Kiosk in Linden

Wenn der Philipp vom Knast erzählt

Susanne Zander betreibt seit zehn Jahren ihren Kiosk in Linden. Dort ist sie Sozialarbeiterin, Krankenschwester und Gastronomin. Zu ihren Kunden zählen Schüler, Anwohner - und ein Bankräuber.
21. Mai 2019, 10:00 Uhr
Susanne Zander verkauft frische Brötchen und Tabak, Schüler holen sich Süßes. Gleichzeitig ist ihr Kiosk Anlaufstelle für die Nachbarn.

Weiße Pollen schweben wie Watte über dem Asphalt. Sie fliegen an den Bänken und Stühlen entlang, tänzeln um die Gesichter der Gäste umher. »Es schneit«, ruft einer von ihnen. Dann plaudern sie weiter, nippen an Kaffeetassen, trinken Bier und erzählen sich Geschichten. Es ist ein warmer Samstagmorgen, kurz nach elf. Die meisten tragen Badelatschen. Und mittendrin sitzt die Chefin. Susanne Zander betreibt an der Frankfurter Straße in Großen-Linden seit zehn Jahren eine Rarität - einen Kiosk auf dem Land. »Ich bin hier Gastronomin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester in einer Person«, sagt die 56 Jahre alte Frau.

Um 6.30 Uhr öffnet Zander ihren Laden. Sie verkauft frische Brötchen und Tabak, Schüler holen sich mittags Süßigkeiten. Gleichzeitig ist »Susi’s Kiosk« - im Erdgeschoss eines Wohnhauses gelegen - Anlaufstelle für die Nachbarn. »In anderen Hochhäusern herrscht Anonymität, obwohl man Tür an Tür lebt«, sagt Marcus Kipper. »Hier lernen sich die Anwohner kennen - dem Kiosk sei Dank.« Während er erzählt, betritt ein Mädchen im Schlafanzug den Laden, reibt sich müde die Augen. Kioskgäste heben die Hand. »Wie geht’s?«, fragt einer. Sie lächelt, grüßt zurück und bestellt Brötchen. »Guten Hunger«, ruft Kipper ihr nach, als sie wieder nach Hause trottet.

Schnell nebenan noch eine Zeitung, ein Getränk oder Zigaretten kaufen: Kioske sind praktisch, geben Gelegenheit zum Plaudern - und sind dennoch vom Aussterben bedroht. Bundesweit sind 2000 in den vergangenen zehn Jahren verschwunden. Dass sich »Susi’s Kiosk« auf dem Dorf hält, ist ein kleines Wunder. Wer Inhaberin Zander lauscht, ist dem Geheimnis aber schnell auf der Spur. »Kommt ein Gast längere Zeit nicht, schauen wir auch mal nach und klingeln im Haus«, erzählt sie. »Wir machen uns eben Sorgen.«

Einmal rannte ein Anwohner mit blutendem Finger in »Susi’s Kiosk«. Zander erzählt: »Er war leichenblass. Mit einer Kreissäge hatte er sich aus Versehen die Fingerkuppe abgeschnitten.« Sie legte einen Verband, klebte ein Pflaster um den Finger und schickte ihn ins Krankenhaus.

Zander sitzt draußen, beißt in ein mit Nutella bestrichenes Brötchen und trinkt Kaffee aus einer schwarz-gelben Tasse. Sie stammt aus dem Ruhrgebiet, ist Dortmund-Fan. 2008 verlor sie ihren Job als Sachbearbeiterin für Kreditkarten, nach 20 Jahren. »Was mache ich jetzt mit meinem Leben und mit der Abfindung?«, fragte sich die gelernte Hotelfachfrau - und gründete den Kiosk. Ihr Mann verwaltet das Gebäude in der Frankfurter Straße. »Ich werde nicht reich dadurch«, ergänzt sie. »Aber ich könnte mich mit dem Kiosk über Wasser halten.«

Anfangs sammelten Anwohner noch Unterschriften gegen den Laden aus Angst vor Lärm. Wie akzeptiert »Susi’s Kiosk« aber inzwischen ist, verdeutlicht ein Anruf des Bürgermeisters vor fünf Jahren: Er fragte sie, ob sie nicht auch den Kiosk des Schwimmbads betreiben will. »Seitdem verkaufe ich dort im Sommer jeden Tag 120 Kilo Pommes«, erzählt Zander. Bisweilen helfen der Mann oder die beiden Söhne aus. Doch Zander schmeißt den Laden weitgehend selbst, häufig bis 20 Uhr. Zum Ausgleich tanzt sie dreimal in der Woche Zumba, im Sommer springt sie früh morgens ins Becken des Freibads, zudem ist sie in der Sängervereinigung Gleiberg aktiv.

Eine Mitarbeiterin will gerade eine Butterblume von einem Tisch räumen, da protestiert ein älterer Herr. »Die hat mir eine Frau geschenkt«, sagt er. Der 78-Jährige lächelt durch seinen weißen Vollbart, seine Augen funkeln. »Hier lernt man Menschen kennen, die man vom Sehen her kennt«, sagt Heinz Joachim Philipp über den Kiosk. Alle nennen ihn nur den Philipp. »Ich habe im Gefängnis gesessen«, erzählt er irgendwann während des Gesprächs. »Wegen eines Bankraubs in Mainz. Ich hatte eine 22er-Pistole zuhause. Und ich habe das Geld gebraucht.« Die Strafe habe er in Frankfurt abgesessen.

Mag sein, dass er Seemannsgarn erzählt. Möglicherweise hat er als Bankräuber allerdings andere Menschen in Todesangst versetzt. Und doch lauscht man seinen Worten. Aufgewachsen sei er in einem Kinderheim in Wandsbek, sehr früh sei er dann zur See gefahren. Er erzählt von schweren Unwettern auf einem Kohlendampfer, von Reisen auf einem Bananenkutter in Panama. »Ich war mal mit der schönsten Frau zusammen«, sagt er. Eine Dänin, fügt er hinzu - und murmelt dann in seinen Bart: »Ich weiß wirklich nicht, wie ich an die gekommen bin.«

Nebenan sitzt Marius Alin Radu. Er wohne im Nachbarhaus, unter der Woche arbeitete er an einer Autobahnraststätte. »Ich putze Toiletten«, sagt der Rumäne. »Arbeit ist Arbeit.« Im Kiosk komme er mit Menschen ins Plaudern. »Hier lerne ich Deutsch.«

»Mir fehlt nichts«, erklärt unterdessen der Philipp. »Außer Geld.« Dann dreht er seinen Kopf, schaut zu Susi, hebt die Hand - und gibt seinem Nachbarn ein Bier aus. (Foto: srs)

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