22. Juni 2018, 22:15 Uhr

Wenn das Geld im Alter knapp wird

Eine kürzlich veröffentlichte Studie stellt dem Kreis Gießen beim Thema Altersarmut ein schlechtes Zeugnis aus. Doch in Zahlen ist das Problem schwer zu fassen. Es geht auch um Wohnraum, Teilhabe und Mobilität. Die Kreispolitik hat das Thema auf dem Schirm, doch es gibt noch viel zu tun.
22. Juni 2018, 22:15 Uhr

Armut ist schwer zu fassen. Sie spiegelt sich nicht nur in einem klammen Geldbeutel wider, sondern wirkt sich auch auf das Sozialleben, auf den Alltag aus.

Daher ist auch ein in der Gießener Allgemeinen kürzlich aufgegriffenes Ergebnis einer bundesweit angelegten Studie sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Die Erhebung im Auftrag des ZDF war der Frage nachgegangen, wo es sich in Deutschland besonders gut lebt. Altersarmut war einer der untersuchten Indikatoren, gemessen am Anteil der Senioren in Grundsicherung laut Sozialgesetzbuch. Der Kreis Gießen landete auf Platz 333 von 401. Ein alarmierendes Ergebnis. Doch wie aussagekräftig ist dieses Resultat? Wo wird Altersarmut im Kreis spürbar, woran lässt sie sich festmachen?

Vielschichtiger Wandel

Karl Fiedler leitete über viele Jahre den Fachbereich Soziales beim Landkreis, ist inzwischen Vorsitzender des AWO-Kreisverbands. Er hat einen erfahrenen Blick auf Sozialstruktur und -politik im Kreis. Den Begriff »Armut« hält er in Deutschland für unangemessen, denn hierzulande müsse niemand hungern. Er spricht lieber von »Bedürftigkeit«.

Das kann man freilich auch anders sehen. Wie man das Kind auch nennen mag – das Budget vieler älterer Menschen im Kreis Gießen ist relativ begrenzt. Fiedler sieht dafür vor allem zwei Gründe: Einerseits sei in den »sozialen Brennpunkten« der Stadt Gießen der Anteil der Leistungsbezieher traditionell relativ hoch – eigentlich sei dies ein Merkmal von Großstädten.

Doch auch im ländlich geprägten Teil des Gießener Lands macht Fiedler strukturelle Voraussetzungen aus, die einen relativ hohen Anteil von im Alter Bedürftigen teils erklären. Gerade viele Seniorinnen seien im berufstätigen Alter auf Bauernhöfen beschäftigt gewesen. Die landwirtschaftliche Altersrente sei aber häufig zu gering, um damit über die Runden zu kommen. »Das System war darauf ausgelegt, dass die Höfe übernommen werden«, sagt Fiedler. Doch der Strukturwandel in der Landwirtschaft mit größeren Betrieben und insgesamt weniger Höfen hat diese Rechnung zunichte gemacht.

Nicht nur in diesem Punkt hat sich der Umgang der Generationen miteinander verändert. Noch vor einigen Jahrzehnten blieben sehr viele Menschen ein Leben lang dort, wo sie aufwuchsen. Bedurften Ältere der Pflege, stand die jüngere Generation bereit. Doch die Bindung an einen Ort ist nicht mehr die Regel. Berufliche Flexibilität und Mobilität prägen heute die Arbeitsbiografien. Das wirkt sich auch auf die Wohnraumsituation aus: Auf den Dörfern leben viele Senioren in relativ großen Eigenheimen, also in Wohnraum, der für sie zu groß geworden ist – auch, weil nachkommende Generationen die Immobilien nicht mehr übernehmen.

»Teilhabe im Alter hängt entscheidend davon ab, ob Menschen sich in ihrer gewohnten Umgebung das Wohnen in ihrer eigenen Immobilie oder in der angemieteten Wohnung noch leisten können«, äußert sich Landrätin Anita Schneider (SPD) auf Anfrage und verweist auf die »Eigentumsfalle«: Zu großer Wohnraum, der aber nicht genügend Verkaufswert hat, um sich dafür seniorengerechten Wohnraum zu leisten. Schneider verweist auf die Gründung der Kreis-GmbH für Sozialen Wohnungsbau und Strukturförderung (SWS), der Kommunen beitreten können. Auch mittels Lösungen wie dem Projekt »digitale Dörfer« versuche der Landkreis, Nachbarschaftshilfe und Mobilität zu ermöglichen. Man tue einiges, um die Teilhabe von Senioren zu stärken.

AWO-Kreisverbandschef Fiedler sieht auch das Land in der Pflicht. Die Mittelzuweisungen an die Kommunen seien im Vergleich zu den Aufgaben bei der Daseinsvorsorge zu gering. Bei dieser Unterfinanzierung gelte es anzusetzen.

(Fotos: dpa/Fotolia Stockfotos-MG)

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