03. Mai 2017, 16:16 Uhr

Wohnungsbrand

Wenn alles in Flammen aufgeht

Vier Studenten verloren bei einem Hausbrand vor drei Wochen ihr Hab und Gut. Im Gespräch erzählen sie, wie es weitergeht und warum ihnen schwarzer Humor hilft, den Alltag zu bewältigen.
03. Mai 2017, 16:16 Uhr
Beim Brand in Wißmar entstand ein Sachschaden von 150.000 Euro (Foto: pan)

Als es am Freitagabend in einem Wohnhaus in Wißmar das zweite Mal heftig knallt, stutzen Malte Wegmann und Tobias Rödder. Auf dem Innenhof der alten Scheune breitet sich ein Feuer aus, dass zügig auch das benachbarte Fachwerkhaus auffrisst. Beide reagieren blitzartig. Während Wegmann die Stufen nach unten sprintet und den Vermieter informiert, kümmert sich Rödder um das dritte WG-Mitglied. Luca Jonjic wollte gerade schlafen gehen, als sein Mitbewohner in sein Zimmer platzt.

Eine Etage tiefer erkennen beide das Ausmaß. »Alles war schon lichterloh am Brennen, das Auto vom Vermieter war komplett zerstört.« Also sprangen beide aus zwei Metern Höhe aus dem Fenster des vierten WG-Mitglieds, Marina Liapati, die als Einzige nicht zu Hause war. Dass sich Rödder dabei einen Fersenbruch zuzieht, ist nur das geringste Übel. Von jetzt auf gleich verlieren vier junge Menschen ihr Hab und Gut.

Hat Marina wieder gekocht?

Knapp drei Wochen sind seither vergangen. Während es am Brandort noch immer nach Ruß riecht, sind Rödder, Jonjic, Liapati und Wegmann wieder im Alltag angekommen. »Überraschenderweise geht es uns besser als vor zwei Wochen«, sagt Wegmann mit einem Augenzwinkern. Es habe Tage gedauert, bis sie verstanden haben, was passiert ist.

Realität wurde es spätestens, als sie einige Tage nach dem Brand nach vom Feuer verschonten Dingen suchten. Zumindest die Uni-Mitschriften und einige Datenträger retteten sie aus dem zerstörten Haus. »Die materiell wertlosen, aber unersetzlichen Sachen, wie Erinnerungen, sind fort. Die kann man nicht neu kaufen«, erzählt Wegmann.

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Auch das Auto vor dem Haus war nach dem Brand schrottreif (Foto: privat)

Auch Freunde, die per SMS über das Geschehene benachrichtigt wurden, hielten das Ganze für einen perfiden Scherz. »Ich habe meiner Seminargruppe abgesagt, weil wir uns in unserer WG treffen wollten. Als ich schrieb, dass meine Bude abgefackelt ist, kam nur »Ja, nee, is klar« als Antwort«, erzählt Rödder. Oder aber: »Hat Marina wieder gekocht?«

Viele Freunde hielten die Nachricht für zu absurd, um sie zu glauben. »Wenn die Feuerwehr ausrückt, dann wegen eines Unfalls, aber wann fackelt schon ein ganzes Haus ab?«, versteht Wegmann die Reaktionen.

 

15 neue Garnituren, aber kein Platz

Was ebenfalls nicht mit Geld aufzuwiegen sei, ist die Solidarität, die die WG erfuhr, sagen die Studenten: »Das war überwältigend. Wir standen barfuß vor dem Haus, da haben wir alles angeboten bekommen. Menschen, mit denen wir noch nie ein Wort gewechselt hatten, haben uns geholfen.« Dafür sind sie »unglaublich dankbar«. So hätte Wegmann alleine 15 Wohnungsgarnituren haben können, doch ohne Wohnung habe er nicht mal für eine Platz. Das alles erzählt Wegmann mit einer erstaunlichen Leichtigkeit.

So sieht es drei Wochen nach dem Brand aus: Sechs Monate soll der Wiederaufbau dauern.

Die Suche nach einer neuen Bleibe gestaltete sich hingegen deutlich schwieriger. Die Mitglieder der Wohngemeinschaft kennen sich seit acht Jahren, gingen gemeinsam im Siegerland zur Schule und wollen auch weiterhin zusammen wohnen. Dass ihr Gesuch mitten in den Start des neuen Semesters fällt, erschwert die Suche.

Sobald die alte Wohnung wieder bezugsfähig ist, wollen die angehenden Lehrer dort wieder einziehen. »Wir sind die ersten Ansprechpartner, das hat uns der Vermieter versichert«, freut sich Wegmann. Sechs Monate soll der Wiederaufbau mindestens dauern. Bis dahin brauchen sie ein anderes Dach über dem Kopf. Aktuell wohnen sie zwar in den Elternhäusern im Raum Siegen, müssen jedoch eine Stunde Fahrtzeit zum Uni-Campus in Kauf nehmen.

Morbider Humor hilft uns, alles zu verarbeiten

»Das nervt und ist auch nicht gerade günstig.« Deswegen besuchten die Viertsemester zuletzt auch nur die Pflichtveranstaltungen.

Doch auch hier ist eine Lösung in Sicht. Über einen Kontakt des Vermieters haben die Brandopfer eine Wohnung in Heuchelheim gefunden, dessen Besitzerin zu viel Platz in ihrem Haus hat und nach Mietern sucht.

Die neue Wohnung bekommt eine Firewall

Erste Ideen für die Gestaltung der neuen Bleibe haben die Studenten schon. Die Zitatwand, auf der sich in der alten Wohnung jeder Gast verewigen konnte, bekommt in der neuen Wohnung den Namen »Firewall«, zu Deutsch Feuer- oder Schutzwand. Den Namen der WhatsApp-Gruppe zieren bereits Feuer-Symbole. »Es ist zwar morbider Humor, aber es ist unsere Art, alles zu verarbeiten«, erklärt Wegmann.

Doch sie haben auch ihrer Lehren gezogen. Sobald der kommende Einzug erfolgt ist, wird eine Hausratversicherung abgeschlossen. »Das können wir allen nur empfehlen«, sagen die Lehramtsstudenten.

Das Wichtigste sei aber, dass alle unbeschadet davon gekommen sind. Denn da sind alle sicher: »Es hätte deutlich schlimmer kommen können.«

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