29. Januar 2019, 22:26 Uhr

Wenn Leistungsdruck zu groß wird

29. Januar 2019, 22:26 Uhr
Moritz Becherer spicht im Traumstern über seinen Film »Halt! Los!«. (Foto: jou)

Beim Trommeln zu elektronischer Musik in Frankfurter Nachtclubs blüht Max (Tim Bettermann) regelrecht auf. Er bewirbt sich an der Musikakademie, fällt indes bei der Aufnahmeprüfung durch. Vollends zerbrechen lässt ihn die Erwartungshaltung der Eltern; Vater Richard (Christoph Gareisen) würde es lieber sehen, er trete als Versicherungshändler in seine Fußstapfen, statt sich der brotlosen Kunst zu widmen. Dem Druck hält Max nicht stand und wird psychotisch.

Am Sonntag stellte sich Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Moritz Becherer nach der Vorführung seines sehr sehenswerten Films »Halt! Los!« im Kino Traumstern der Publikumsdiskussion. Becherer verarbeitet darin eigene Erfahrungen, begreift den Film, wie er anmerkte, auch als persönliche Krisenbewältigung.

Zwar lässt er offen, was genau bei Max die Psychose auslöst, doch sind kritische Momente kaum zu übersehen: die Entfremdung von seinen Eltern und dem Schulfreund Stefan (Anton Rubtsov), ungestillte Liebessehnsucht sowie neue Herausforderungen des 21-Jährigen im Übergang zur Berufsphase. Die Ohnmacht der Eltern zeigt sich besonders deutlich beim Gespräch mit dem Krankenhaus-Psychiater – sie erweisen sich als wenig einfühlsam, unterliegen dem Irrglauben, von einer Psychose könne man sich wie von einer Grippe rasch erholen, ohne Folgen. In dieser distanzierten Familienkonstellation offenbart sich für eine Zuschauerin Unverständnis, das sich von Generation zu Generation fortpflanze. Inhaltlich zentral ist für Becherer denn auch die Frage, »ob wir wirklich im Sinne unserer Kinder handeln oder nur das tun, was uns die Gesellschaft auferlegt«.

Isolation und Abgrund

Wichtig ist dem Regisseur zudem, ins Bewusstsein zu rücken, dass es im Einklang mit sich selbst geschehen sollte, wenn man schon beruflich Kompromisse eingehe. Für Max ist die gleichaltrige Lea (Lena Meckel), in die er sich verliebt, durchsetzungsfähiger und entspricht seinen Idealvorstellungen, scheint sie doch beharrlich ihren Traum von der Tanzkarriere zu verfolgen. Grotesk mutet dagegen an, wie sich der Protagonist bei einer Zeitarbeitsfirma bewirbt und mit einem windigen, desinteressierten Vermittler konfrontiert wird. Diese Situation habe er genauso erlebt, betonte Becherer.

Ebenso unsympathisch wirkt Vater Richard, der Max und Stefan auf die kumpelhafte Tour für die Versicherungskanzlei zu gewinnen versucht. Max entsetzt die Reaktion seines Freundes, findet, dass er seit seinem Hongkong-Aufenthalt unnatürlich und falsch geworden ist.

Sensibel beleuchtet der Regisseur die Wahnvorstellungen des jungen Protagonisten. Bemerkenswerterweise spiegeln sich darin nicht nur Befürchtungen, sondern auch geheime Wünsche. Der See als schöner, harmonischer Ort sei, so Becherer, bewusst gewählt, demgegenüber stünden Isolation und Abgrund. In den von Halluzination geprägten Passagen sei das Geschehen aus der Situation abgeleitet, sind für Max doch Realität und Imagination phasenweise kaum voneinander zu trennen.

Der Film wurde mit geringem finanziellem Aufwand, dafür umso größerem persönlichem Einsatz gedreht. Es wirkten Studenten mit, die mit dem Projekt die Hoffnung verbänden, den Einstieg in die Filmwelt zu finden, unterstrich Becherer. Das Thema Leistungsdruck scheint hochaktuell und gerade für junge Leute interessant. Im Rahmen der Schulkinowochen Hessen können für die erste Aprilwoche auch im Kino Traumstern Schulvorführungen gebucht werden. Anmeldung unter schulkinowochen-hessen.de.

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