01. April 2016, 09:03 Uhr

Weniger Karies, mehr Kalorien

Gießen (chh). In der Kreisverwaltung wird derzeit fleißig balanciert. Und auf einem Bein gehüpft. In ruhigen Momenten ist auf dem Flur ein leises »zippelzack« zu hören, manchmal auch ein »maramula«. Nein, die Verwaltungsmitarbeiter haben nicht den Verstand verloren, es handelt sich um motorische Übungen und Artikulationstests, die die künftigen Schulkinder absolvieren. Es sind die offiziellen Einschulungsuntersuchungen, die rund 2000 Jungs und Mädchen derzeit über sich ergehen lassen müssen.
01. April 2016, 09:03 Uhr
Dr. Eleonore Föller-Gaudier mit einer ihrer kleinen Patientinnen. Wie die im Text erwähnte Maja musste auch sie auf der Matte auf- und abspringen. (Foto: chh)

Eines der Kinder ist Maja. Das fünfjährige Mädchen und ihre Mama Katharina Thörner verlassen gerade das Untersuchungszimmer. »Das war ganz locker, wir haben uns das anspruchsvoller vorgestellt«, sagt die Mutter. Doch vorher habe sie sich schon Gedanken gemacht. Was, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist? Auch Tochter Maja sei aufgeregt gewesen, sagt Thörner. »Aber das war unnötig. Die Ärztin ist gut mit ihr umgegangen.« Und das Wichtigste: Maja sei gesund, ihre Entwicklung altersgerecht.

Doch das ist nicht immer so, sagt Dr. Eleonore Föller-Gaudier, die zusammen mit einer Helferin und zwei weiteren Teams pro Woche bis zu 80 Kinder untersucht. »Es kommt häufiger vor, dass wir Befunde feststellen und die Kinder an einen Facharzt überweisen müssen.« In den meisten Fällen gebe es Probleme mit den Augen und Ohren. Doch das ist nicht alles, was Föller-Gaudier untersucht. Neben den Seh- und Hörtests gehören auch die Messung des Blutdrucks, eine Körperuntersuchung, kognitive Tests, motorische Übungen (Stichwort hüpfen) und Artikulationstests, bei denen die Kinder nicht nur Sätze und Fantasie-Begriffe wie »zippelzack« oder »maramula« nachsprechen, sondern auch Wörter vervollständigen müssen.

Auch ein Blick auf die Zähne gehört zur Einschulungsuntersuchung. Meist mit freudigem Ergebnis, sagt Föller-Gaudier: »Die Gebisse der Kinder haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Vor 10 bis 15 Jahren war die Zahngesundheit der Kinder noch viel schlechter.« Dafür gebe es mehrere Gründe: Heute werde dem Zähneputzen sowohl zu Hause als auch in den Kitas mehr Beachtung geschenkt. Außerdem habe das Nursing-Bottle-Syndrom abgenommen. Durch den regen Gebrauch von Trinkfläschchen und Schnabeltassen wirken viele Getränke lange auf die Zähne ein und verursachen Karies. »Zum Glück reichen die Eltern den Kindern heute nicht mehr sofort das Fläschchen, wenn sie mal schreien«, sagt Föller-Gaudier, die den Eltern auch in anderen Bereichen ein Lob ausspricht. »Wir stellen fest, dass die Eltern kritischer sind, was den Umgang mit Medien angeht. Die meisten achten darauf, dass der Nachwuchs nicht mehr als eine Stunde am Tag vor elektronischen Geräten sitzt. Das ist gut so, denn sonst leidet die Konzentration.« Zumindest im Landkreis Gießen sei zudem die Zahl der Impfgegner nicht gestiegen. »Und bei den Untersuchungen merken wir, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder entspannter sind.«

Das könnte auch an dem neuen Aufenthaltsraum liegen, wirft Gesundheitsamtsleiter Dr. Jörg Bremer ein, der ebenfalls im Untersuchungszimmer Platz genommen hat. Vor einigen Monaten sei der Raum umgestaltet worden, heute könnten die kleinen Patienten in einer kindgerechten Einrichtung auf die Untersuchung warten, dabei malen und spielen. »Das trägt zur Beruhigung der Kinder bei«, ist Bremer überzeugt. Der Leiter des Gesundheitsamts war es auch, der sich vor gut sechs Jahren dafür eingesetzt hatte, die Einschulungsuntersuchungen im Kreishaus zu zentralisieren. »Früher sind die Ärzte und Helfer in die Kitas gefahren. Daher herrschten nicht überall die gleichen Bedingungen. « Es sei mitunter vorgekommen, das die Kinder in schlecht beleuchteten Räumen oder in hellhörigen Klassenzimmern untersucht worden seien. »Wenn draußen auf dem Flur geschrien wird, ist das für Konzentrationstests natürlich nicht sonderlich förderlich.«

Föller-Gaudier macht den Job nun schon seit 26 Jahren. Sie hat also einen guten Einblick, wie sich die Gesundheit der Kinder in den vergangenen Jahren verändert hat. Doch neben guten Nachrichten gebe es auch Grund zur Sorge, sagt die Medizinerin. »Leider hat Adipositas bei Kindern zugenommen. Sie leiden also zunehmend an starkem Übergewicht.« Aber auch hier hofft Föller-Gaudier auf Besserung. In den Kitas werde mehr und mehr auf gesunde Ernährung geachtet, zudem schritten auch die Kinderärzte schneller ein. Nicht zuletzt seien auch die Eltern kritischer geworden und achteten mehr auf eine vollwertige Ernährung.

So wie bei Katharina Thörner. Sie ernähre ihre Tochter gesund, außerdem habe Maja viele Hobbies. »Nicht weil wir sie zwingen, sondern weil es ihr Spaß macht.« Die Fünfjährige wirkt fit, von Übergewicht keine Spur. Daher macht es auch nichts aus, dass sie ab und zu eine Süßigkeit isst.

Es ist wie bei so vielen Dingen: Es kommt eben auf das Maß an. Dann klappts auch mit dem Hüpfen.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos