09. Juli 2018, 10:00 Uhr

Luftbildserie

Weickartshain – Wo die »Scharfe Else« zu Hause war

In der Serie »Von oben« widmen wir uns Weickartshain. Der Grünberger Stadtteil ist bekannt für einen Schnaps, die »Schweiz« und einen Schuss in der Dämmerung.
09. Juli 2018, 10:00 Uhr
Hier schaut man aufs Seenbachtal herunter: Weickartshain, 311 Meter über Normalnull gelegen. (Foto: Henß)

Das vergangene Wochenende war ein besonderes für den Ort, den wir heute aus der Vogelperspektive betrachten: Weickartshain beging das Jubiläum seiner urkundlichen Ersterwähnung. 1443 tauchte der Weiler aus dem Dunkel des Mittelalters, genauer in einem Lehensbrief des Seybold von Winthusen auf.

Die Feier am Wochenende stand unter dem Motto »575 Jahre auf der Höhe«. Passend, schließlich haben die rund 560 Weickartshainer den Überblick: 311 Meter über Normalnull gelegen, schauen sie aufs Seenbachtal hinab, reicht ihr Blick weit hinauf – bis zu den Höhen des Vogelsberges.

 

Spezielles Willkommensschild

 

Das schöne Panorama freilich ist seit Jahren schon geprägt von den vielen Windrädern. Seit 2017 drehen sich drei weitere auch in Richtung Grünberg. Der Protest der BI »Gegenwind«, er war vergebens.

Wer das Dorf im Osten des Gießener Landes besucht, den empfängt am Ortseingang ein Esel. In diesem Fall auf einem Willkommensschild, gemalt von Karl-Heinz Hartmann.

Er steht dem Kulturring vor, sozusagen der Dachverband der immerhin 14 Vereine. Hartmann ist nicht nur kulturell interessiert, sondern auch aktiv.

Erinnert sei an seine Landschaftsobjekte, an die Malaktionen mit Gleichgesinnten in der »Eisenkaute«. Die Malgruppe präsentierte sich des Öfteren bereits bei »Fluss mit Flair« in Gießen oder »Kunst im Park« in Londorf.

 

Ortskundiger Esel

 

Um auf das Grautier mit vier Buchstaben zurückzukommen: Im Volksmund heißen die Weickartshainer die »Esel«. Was, wie der auch heimatkundlich versierte Hartmann erzählt, auf ein gar tragisches Ereignis Mitte des 19. Jahrhunderts zurückgeht:

Leidtragender war demnach ein äußerst ortskundiger Packesel, der bar menschlichen Geleits den Weg zur nahen Lauterer Bingmühle nahm, auf dem Rücken einen Sack voll Korn. Eines Abends nun, es dämmerte schon, stillte er gerade seinen Durst am »Höllersborn«, erschoss ihn der Weickartshainer Jäger.

Der wohnte unweit des Brunnens im Forsthaus und soll kein Feind geistiger Getränke gewesen sein. »Ein Hirsch!«, dachte wohl der tumbe Waidmann. Drückte ab. Das brave Tier war tot.

Den Brunnen vor dem Dorf gibt es noch heute, und selbst in der Umgebung kennen die Leute noch den alten Spottvers: »I ah Weckezoaa/oam Höllerschborn/do leit en Hirsch/en hot kee Horn!« Aktuell gibt es in dem kleinen »Weckezoaa« trotz alledem gleich drei Esel – alle unversehrt.

Zurück ins frühe 19. Jahrhundert: Die Weickartshainer gehörten damals zum Kirchspiel Flensungen, mussten zum Gottesdienst einige Kilometer hinter sich bringen. Und das nicht nur zu freudigen Anlässen.

 

Traurig-skurrile Geschehnisse

 

Hartmann gibt nun das einschneidende Erlebnis einer Trauergesellschaft wider, so wie man es sich heute erzählt: An einem kalten Wintertag befand sich diese kurz vor Flensungen, auf dem »Sauweg«, als ein Träger des Sargs ausrutschte.

Letzterer zerschellte auf dem Boden, die Leiche schlitterte übers Eis des zugefrorenen Grabens! Jetzt reichte es: »Nach einem neun Jahre währenden Streit erlangte man 1820 endlich die Selbstständigkeit, eine eigene Kirche – und einen eigenen Friedhof.«

Einige Jahrzehnte nach diesen traurig-skurrilen Geschehnissen sollte Weickartshain einen erfreulichen sozialen Aufschwung erfahren.

 

Ausgewandert nach Paris

 

Auch in seiner Gemarkung wurde jetzt Eisenerz gefördert. Rund 600 Menschen aus der Region fanden bei der Gewerkschaft Louise Lohn und Brot, in der Hochzeit schuftete jeder zweite Weickartshainer in den Gruben oder Erzwäschen.

Zu welchem Preis: In den 30er Jahren betrug der Lohn eines Hauers 3,50 bis 3,80 Reichsmark – für eine Neun-Stunden-Schicht.

Mit dem Bergbau ebbte auch in diesem Dorf die Migration ab. Zuvor, zwischen 1855 und 1866, waren nicht weniger als 82 von 419 Einwohnern ausgewandert, davon 56 nach Paris.

Sie kehrten wieder zurück, anders jene, die in der Neuen Welt ihr Glück suchten. Bis 1940 bestand die Grube »Deutschland«, heute als »Weickartshainer Schweiz« bekannt.

Vom Kulturring gepachtet, findet sich hier ein idyllisches Plätzchen zum Feiern, inklusive Grillhütte mit See-, besser Teichblick.

 

Berühmt-berüchtigte Spezialität

 

Was das Feiern betrifft, so fehlt es in dem Dorf zwar nicht an Anlässen. Doch, nicht anders als anderswo: Von den dereinst drei Gaststätten hat keine überlebt.

Mit dem Tod des letzten rezeptkundigen Brenners kam vor wenigen Jahren auch für eine Spezialität das Aus, für die das Dorf berühmt-berüchtigt war: die »Weickartshainer Else«. Ein mit Wermutkraut aufgesetzter Korn – scharf, bitter und hochprozentig.

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