07. November 2017, 10:10 Uhr

Vögel in Gefahr

Waschbärplage lässt sich kaum eindämmen

Das letzte, was viele heimische Vögel in ihrem Leben sehen, ist das Gesicht mit dem schwarzen Augenstreifen. Auch im Landkreis Gießen steigt der Waschbärbestand weiter.
07. November 2017, 10:10 Uhr
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Aus der Redaktion
Waschbären werden vom Menschen regelrecht angefüttert: In Müll- und Biotonnen findet das putzig aussehende Tier genügend Nahrung. Tonnen sollten deshalb nicht nur verschlossen, sondern auch gegen Umkippen gesichert werden. (Foto: Fotolia/Schmutzler-Schaub)

Der Waschbär hat keine natürlichen Feinde, drängt heimische Tierarten zurück und richtet Schäden in Wohngebieten an. Kaum zu glauben, dass es sich hierbei um den putzig aussehenden Kleinbären handelt. Von Nordamerika nach Deutschland eingeschleppt, breitet er sich in den heimischen Wäldern massiv aus.

Ein schwarzer Streifen auf Höhe der Augenpartie und ein schwarz-weiß gestreifter Schwanz – so kontrastreich sein Fell, so unterschiedlich sind auch die Meinungen über den Waschbär. Für einige ist er ein putzig aussehendes Tier. Für andere ein Störenfried. Dass er für bestimmte Tierarten sogar zur Bedrohung werden kann, berichtet jetzt Dieter Mackenrodt, Vorsitzender vom Jagdverein Hubertus Gießen und Umgebung.

»Ob am Boden oder in der Höhe, der Räuber plündert Nester und ernährt sich beispielsweise von Jungvögeln. Eine große Gefahr ist der Waschbär auch für Bodenbrüter, wie das ebenfalls bedrohte Birkwild und Rebhun«, sagt Mackenrodt. Jeder Verlust dieses Bestandes sei eine erhebliche Einbuße. »Der hervorragende Kletterkünstler kommt selbst Horste hoch und ist somit auch eine Bedrohung für den vom Aussterben bedrohten Schwarzstorch.« Für den Menschen sei der relativ scheue Waschbär aber harmlos, berichtet der Hubertus-Chef.

Abschusszahl hat sich verfünfzehnfacht

Trotzdem sollte die Gefahr, die durch die Übertragung von Krankheiten und Parasiten droht, nicht unterschätzt werden. 70 Prozent der Hessischen Waschbären haben den Waschbärspulwurm, erklärt Hubertus-Mitglied Werner Röeskens. Außerdem sorge der Kleinbär in Wohngebieten für Konflikte. »Er klettert an Rankgerüsten oder Abwasserrohren hoch, kann Dachziegeln anheben und so in Häuser eindringen«, erzählt Röeskens.

Der Waschbär hat im urbanen Raum leichtes Spiel. Vom Menschen würde er – bewusst oder unbewusst – regelrecht angefüttert: »Er ernährt sich von Fallobst oder Futter für Haustiere, das draußen stehen gelassen wird.« Und: Die Tiere gehen besonders gerne an Biotonnen. Den Bestand an Waschbären in der Bundesrepublik Deutschland schätzt Mackenrodt auf etwa eine Million Tiere. Wie groß der Bestand im Landkreis Gießen aktuell ist, ist nicht bekannt, doch hier sei eine Zunahme zu verzeichnen, die auch anhand der Jagdstatistik ersichtlich ist, erklärt der Hubertus-Vorsitzende. In nur 17 Jahren habe sich die Zahl der geschossenen Tiere mehr als verfünfzehnfacht.

Bejagung nur nebenbei möglich

Doch was kann getan werden, um den Bestand zu regulieren, bedrohte Tierarten zu schützen und das Eindringen der Waschbären in Wohngebiete zu verhindern?

Den Bestand zu regulieren, sei ein schwieriges Unterfangen, da die Tiere überwiegend nachtaktiv sind. Jäger ausschließlich auf Waschbären anzusetzen, könne nicht geleistet werden, erklärt Dieter Mackenrodt. Daher würden sie nebenbei bejagt: zum Beispiel bei Vollmond und wenn der Waschbär klar als solcher erkenntlich sei. Eine zweite Möglichkeit sind Lebendfallen: Prinzipiell könnten die Waschbären leicht mit Süßem in eine Falle gelockt werden. Doch obwohl die Fallen mit Sendern ausgestattet seien und im Falle eines Fangs Alarm schlagen, sei auch diese Handhabung nicht ganz einfach, sagt der Fachmann. Denn gemäß der Tierschutzverordnungen müssten die Fallen mindestens zweimal täglich überprüft werden – ob sie nun Alarm geschlagen haben oder nicht. Die weitläufigen Gebiete so oft zu kontrollieren, sei jedoch aus zeitlichen Gründen nur begrenzt möglich.

Mülltonnen abschließen

Da ergreifen Naturschutzverbände bereits Maßnahmen, um gefährdete Tiere vor dem Kleinbären zu schützen: Naturschützer bringen Kunststoffmanschetten an Bäume an. Dadurch findet der Waschbär an der glatten Oberfläche keinen Halt und kann den Baum nicht zum Horst hinaufklettern.

In Wohngebieten, in denen Waschbären vermutet werden, rät Jäger Röeskens wie folgt vorzugehen: »Die Deckel der Mülltonnen sollten nicht nur dicht verschlossen, sondern auch vor Umwerfen gesichert werden. Rankhilfen, Abwasserrohre oder andere Möglichkeiten, durch die der Kletterer ins Haus gelangen könnte, sollten mit Stachelmanschetten abgesperrt werden. Auch Äste, die sich in Hausnähe befinden, sollten zurückgeschnitten werden.« Außerdem gibt der Experte den Tipp, das Tier mit lauter Musik zu vertreiben. Nahrung wie Katzenfutter und Grillreste sollte nicht draußen stehen gelassen werden. »Bisher konnten die Tiere durch diese Tipps immer vergrämt werden.« Wer einen Waschbären im Garten vermutet, der kann die zuständige Gemeindeverwaltung, eine Polizeidienststelle oder einen Jagdpächter informieren – manchmal stecken aber auch andere Tiere wie Marder dahinter.



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