18. März 2010, 18:36 Uhr

Was wird aus dem Leben auf dem Land?

Gießen (no). Der Regionalmanagement-Verein »Gießener Land«, dem Landkreis sowie Städte und Gemeinden ebenso angehören wie Interessensverbände und Unternehmen, stellte am Donnerstag im Landratsamt ein weiteres Arbeitsfeld vor, das er in den kommenden Jahren beackern will. Titel: Dorf-Vision.
18. März 2010, 18:36 Uhr
Auch Dorfläden sind Teil einer guten Infrastruktur. (Foto: Geck)

Gießen (no). Der Regionalmanagement-Verein »Gießener Land«, dem Landkreis sowie Städte und Gemeinden ebenso angehören wie Interessensverbände und Unternehmen, stellte am Donnerstag im Landratsamt ein weiteres Arbeitsfeld vor, das er in den kommenden Jahren beackern will. Titel: Dorf-Vision. Da geht es um die Zukunft des Lebens auf dem Land generell und in den Ortskernen speziell, um das Sichern von infrastruktureller Alltagsqualität im Zeichen einer proportional älter werdenden Bevölkerung. Alles so neu nicht, unter anderem bekannt von Dorferneuerungsvorhaben früherer Jahre, aber nun erstmals flächendeckend angelegt für den gesamten Landkreis - außerhalb Gießens.

»Gießener Land«-Vorsitzender Kurt Hillgärtner beschrieb gegenüber der Presse die bekannten Szenarien, die ein ganzes »Maßnahmenbündel« erforderten, um die Dörfer zu stärken. Vielfach gebe es an Gebäuden sanierungsbedarf, doch fehlten den Bewohnern die Mittel; schon gar unter Denkmalschutzaspekten. Alte Häuser wiesen gegenüber Neubauten einen höheren Energiebedarf auf. Der Schluss könne aber nicht sein, stets weitere Neubauflächen auszuweisen und parallel hierzu die Ortskerne veröden zu lassen.

Dem Verein - generelles Motto: »Gießener Land - liebenswert, lebenswert, lebendig« - gehe es nun darum, die Menschen für den Gesamtkomplex zu sensibilisieren. Möglichst viele, aber mindestens die Kommunalpolitiker, die lokalen Meinungsmacher und jene, die Lust haben, sich abseits politischer Gremien der res publica zu widmen, dem Gemeinwohl. Sie alle - darüber hinaus Architekten oder Geldinstitute - seien eingeladen, sich an einem »Diskussionsprozess« zu beteiligen, um die Potenziale einer sinnstiftenden Dorf-Innenentwicklung zu benennen und anderen davon zu erzählen, also diese zu kommunizieren.

Projekt-Begleiterin Caroline Seibert, Agrarwissenschaftlerin vom Institut für Regionalmanagement in Solms, einem externen »Gießener Land«-Partner, skizzierte das Procedere. 2009 und 2010 werde zunächst - in jedem der vier Kreis-Teilräume (Gleiberger Land sowie Nord, Süd und Ost) - zu Informationsrunden eingeladen. Dabei wolle man für den Gesamtkomplex Interesse wecken, Bewusstsein schaffen und mit Fachreferenten erste konkrete Handlungsfelder benennen. Start sei am 9. Juni in Lich.

Im dritten Quartal 2010 beginnt parallel hierzu das Erstellen eines sogenannten Leerstandskatasters. Auf freiwilliger Basis, aber trotzdem mit hohem Anspruch. Erfassen will man tatsächliche oder absehbare Lehrstände von Wohnraum, Geschäftshäusern oder ehedem landwirtschaftlich genutzten Gebäuden. Eine spannende Sache, die auch die sogenannten Ein-Generation-Baugebiete aus den 1960er und 1970er Jahre nicht außen vor lässt. Dass man hier auf die Mitwirkung von Rathäusern und Bürgermeistereien angewiesen sei, auf das Zutun örtlicher Mittler, verstehe sich von selbst, hieß es.

Für das kommende Jahr haben sich Hillgärtner & Co. den Aufbau eines - Arbeitstitel - Kompetenzzentrums auf die Agenda geschrieben. Diese Einrichtung soll vorhandenes und neu gesammeltes Wissen bündeln, soll Berater sein von Kommunen wie Privatleuten - in Energiefragen, bei der Baufinanzierung, in Sachen Denkmalschutz oder einfach nur so beim Erörtern von Umnutzungsmöglichkeiten.

Letztlich geht es im vierten Abschnitt der »Dorf-Vision« um ein Vorzeigebjekt, für das erste Planungen bereits zu Papier gebracht sind: Umbau einer leeren innerörtlichen Hofreite, um dort all jene, eigentlich lebensnotwendigen Einrichtungen unterzubringen, die in vielen Fällen während der vergangenen Jahre verlorengegangen sind: Versammlungsraum mit Ausschankgelegenheit im Haupthaus-Erdgeschoss, sozusagen der Ersatz fürs Dorfwirtshaus, in der Scheune ein kleiner Laden für die Dinge des täglichen Bedarfs, derentwegen man nicht mit dem Auto zum Markt im nächsten größeren Ort fahren muss, zudem Bank- und/oder Postschalter. Sammelbegriff: Nahversorgungszentrum. Vielleicht im Obergeschoss noch eine Wohnung für diejenigen, die sich um »den Laden« kümmern.

Verein »Gießener Land« nur der Impulsgeber

Hillgärtner, Bürgermeister in Rabenau, bezifferte die Quote der Orte ohne jedwede stationäre Alltagsversorgung mit 35 Prozent. Kein Lebensmittelladen, kein Bäcker, kein Metzger, kein Wirtshaus - und auch keine Milchbank mehr, an der sich morgens die Hausfrauen, mittags die Rentner und abends die Jugendlichen treffen.

Bei alledem unterstrichen die Verantwortlichen, darunter »Gießener Land«-Geschäftsführer Dennis Pucher, der Ansprechpartner, die Rolle des Vereins: »Wir stülpen nichts von oben über.« Es bleibe jeder Gemeinde überlasssen, ob sie ihre Zukunft selbst gestalten wolle. »Wir verstehen uns als Impulsgeber.« Das Heft des Handelns hielten die Kommunalparlamente in Händen; je dynamischer und aufgeschlossener die Akteure in den politischen Gremien und die Mitarbeiter einer Kommunalverwaltung, desto leichter seien angestrebte Ziele zu erreichen.

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