07. Dezember 2018, 13:00 Uhr

Brexit

Was der Brexit für die Unternehmen im Kreis Gießen bedeuten könnte

Am 11. Dezember stimmt das britische Unterhaus über das Brexit-Abkommen ab. Der Ausgang scheint offen, ein »harter Brexit« nicht ausgeschlossen. Wie sieht das die heimische Wirtschaft?
07. Dezember 2018, 13:00 Uhr
Der Bender-Stammsitz in Grünberg: Der Marktführer in elektrischer Sicherheit generiert acht Prozent seines Umsatzes in Großbritannien, eine Tochter hat ihren Sitz in England. Der »Brexit« bedeutet auch für die GmbH höhere Kosten und mehr Bürokratie. Doch selbst ein ungeordneter Ausstieg würde die Bilanz kaum verdunkeln. (Archivfoto: tb)

Dass ihr ein »No Brexit« am liebsten wäre, schickt Sabine Bender-Suhr, kaufmännische Geschäftsführerin (CFO) der Grünberger Bender-Group, voraus. Doch auch der Marktführer in elektrischer Sicherheit mit weltweit 700 Mitarbeitern muss sich auf die »Scheidung« einstellen. Mehr als andere: Das zweitgrößte Tochterunternehmen der Bender Group hat seinen Sitz im englischen Barrow in Furness. Immerhin acht Prozent des deutschen Jahresumsatzes erzielen die Grünberger mit Großbritannien, verrät Bender-Suhr. Und auch, dass die Wertschöpfung vor Ort zum Glück sehr hoch sei.

Die Tochter auf der Insel importiert Einzelkomponenten, baut sie in Schaltschränke ein, übernimmt den Service. Für das Werk in Barrow seien die Prognosen positiv, das Management fürchte selbst einen ungeordneten Brexit nicht. »Die Kunden sitzen im Inland, vor allem sind das Krankenhäuser, Bahn, Infrastruktur«, erklärt die kaufmännische Leiterin des Traditionsunternehmens.

 

Ein »No Brexit« wäre ihr am liebsten

Anders sieht das für die Geschäftsabwicklung von Deutschland aus. Sabine Bender-Suhr hofft denn auch, dass es im britischen Parlament doch noch eine Mehrheit für einen geregelten Ausstieg geben möge. Heißt vor allem: Verbleib in der Zollunion – vorläufig. Dazu verweist sie auf die laufende Einführung des Programms »S/4 HANA«. Das SAP-Produkt soll eine Automatisierung aller Kerngeschäftsprozesse, einen Informationsfluss in Echtzeit gewährleisten. Das ermögliche Lieferungen direkt an englische Kunden, ohne Aufbau von Extra-Lagern. Zollschranken aber würden höhere Kosten bedeuten. »Aber zahlen die Kunden das?«, fragt Sabine Bender-Suhr.

Die Grünberger schicken Absolventen oder Azubis in die USA oder England, um Sprachkenntnisse zu verbessern und die Unternehmen kennenzulernen. Gerade bei einem harten Brexit, dem Wegfall der Freizügigkeit, wäre das aber mit einem bürokratischen Mehraufwand und auch Kosten verbunden. Wie gesagt: Ein »No Brexit« wäre ihr am liebsten.

 

IHK erwartet nur geringe Verluste

Werde das mit der EU ausgehandelte Abkommen ratifiziert, dürften die Auswirkungen zumindest in der Übergangsphase »überschaubar« bleiben. Sagt Tim Müller, stellvertretender Leiter des Geschäftsbereichs International der IHK Gießen-Friedberg.

Sollte der »Deal« jedoch im britischen Parlament scheitern, es zu einem »harten Brexit« kommen, hätte das erhebliche negative Folgen – für die Unternehmen beidseits des Kanals. EU-Kommission und Bundesregierung sollten für diesen Fall rasch Übergangsregelungen für den Waren- und Dienstleistungsverkehr in Kraft setzen. Um Planungssicherheit zu schaffen und die Kosten für die Wirtschaft zu minimieren.

Wie die »Scheidung« auch ausfallen mag, die IHK sensibilisiere heimische Unternehmen dafür, sich mit beiden Szenarien auseinanderzusetzen. Komme es zum harten Brexit, würde der Warenverkehr wieder nach Regeln der Welthandelsorganisation erfolgen. Die Unternehmen sähen sich wieder mit Zöllen, Formalitäten, Verboten, Beschränkungen, Ursprungsregeln konfrontiert – alles mit zusätzlichen Kosten verbunden.

Gibt es Prognosen, wie sich der Brexit auf die Handelsbeziehungen heimischer Betriebe zu Großbritannien auswirken wird? Wie sich Umsatzzahlen, Exportquote entwickeln? Die IHK Gießen-Friedberg verweist dazu auf eine Erhebung des ifo-Instituts. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, also die Summe aller Waren und Dienstleistungen, würde danach im Falle eines harten Brexit für Deutschland ein Minus von 0,23 Prozent erwartet, bei einem weichen von 0,10 Prozent. Für Hessen soll der Verlust mit 0,17 beziehungsweise 0,08 Prozent niedriger ausfallen.

Ein Grund dafür sei die besondere Stärke des Finanzsektors und der unternehmensnahen Dienstleistungen im Rhein/Main-Gebiet. Ein zweiter: Die »ausdifferenzierte Infrastruktur« schütze Hessen, komme es zu Turbulenzen eines einzelnen Marktes.

 

39 000 Mitarbeiter hessischer Firmen in UK 

Die Exporte aus Hessen nach Großbritannien beliefen sich 2017 auf 4,1 Milliarden Euro, was einem Anteil von 6,5 Prozent entspricht. Das United Kingdom ist für dieses Bundesland somit viertwichtigster Auslandsmarkt. Besonders betroffen sind die Branchen Kfz und Kfz-Teile, chemische, pharmazeutische und elektrotechnische Erzeugnisse.

Viele der Firmen sind in UK auch mit Investitionen präsent. Die IHK verweist abschließend auf eine Statistik der Deutschen Bundesbank, wonach sich die hessischen Direktinvestitionen in UK auf knapp 21 Mrd. Euro summieren. Hessische Firmen beschäftigen dort 39 000 Mitarbeiter, britische Firmen in Hessen sogar 60 000 Mitarbeiter.

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