24. Oktober 2019, 13:00 Uhr

Porträt

Was Rüdiger Pohl in 40 Jahren als Förster im Wald erlebt hat

nach 40 jahren im Beruf geht Rüdiger Pohl als Revierförster in Salzböden in den Ruhestand. In dieser Zeit hat die Forstwirtschaft sich stark gewandelt - und er viel im Wald erlebt.
24. Oktober 2019, 13:00 Uhr

An die neue Perspektive muss Rüdiger Pohl sich noch gewöhnen: »Der normale Waldspaziergänger guckt vor sich und auf den Boden. Der Förster schaut nach oben, in die Kronen.« Wenn dort die Äste abgestorben sind, sei es oft schon zu spät für den Baum, selbst wenn er unten noch gesund aussieht. Doch der Blick nach oben birgt auch Nachteile: Vermutlich sei er weit häufiger als die meisten Waldbesucher gestolpert, sagt Pohl lächelnd.

Vom Alter der meisten Buchen und Eichen, die ihn an seinem 2000 Hektar großen Arbeitsplatz vor allem umgeben, ist Pohl weit entfernt. Und doch alt genug, um aufzuhören. Zum 1. November geht er als Revierförster, zuständig für Staats- und Stadtwald in Lollar und Umgebung, in den Ruhestand. »Ich hätte den Wald gerne in einem anderen Zustand übergeben«, sagt der Salzbödener. Dass daraus nichts wurde, ist freilich nicht seine Schuld.

»Ich habe schon als Sechsjähriger gesagt: ›Ich werde Förster‹«, blickt Pohl zurück. Er ist in Bitburg geboren, wohnte dann in Marburg und wuchs vor allem in Gießen auf. Als es an die Berufswahl ging, erinnerte sich Pohl an seinen Kindheitstraum. Selbstständig und nicht nur am Schreibtisch arbeiten, das war ihm wichtig. Der Försterberuf ermöglichte beides.

Als Pohl 1980 als 25-Jähriger nach dem Studium als »Anwärter« nach Salzböden kam, trug man in seinem Beruf noch forstgrüne Uniformen, Hut und häufig ein Gewehr über der Schulter, statt, wie heute, schlichte Funktionskleidung mit der Aufschrift »Hessen Forst«. Nicht nur das Erscheinungsbild hat sich gewandelt, sondern auch der Job an sich. Das liegt zum Teil an den Strukturen der Forstverwaltung: »Wir haben immer mehr Fläche, das heißt auch Arbeitszeitverdichtung.« Als Pohl anfing, umfasste sein Revier etwa 1000 Hektar. Heute ist es fast doppelt so groß.

»Die Romantik ist weg«, sagt er. »Und auch das Zwischenmenschliche hat sich verändert: Früher hatte ich häufig mit den gleichen Unternehmern zutun, da war das gesprochene Wort noch Gesetz.« Der bürokratische Aufwand hat auch in diesem Beruf zugenommen. An anderer Stelle sei reden dagegen wichtiger denn je, erläutert der 65-Jährige: »Wenn früher der Förster etwas gemacht hat, haben die Menschen gesagt: Er hat schon seine Gründe.« Inzwischen werde die Forstwirtschaft häufiger infrage gestellt. Es gelte, das eigene Handeln zu begründen, etwa bei Waldbegehungen. »Fast 30 Prozent der Zeit geht heute für Kommunikation drauf«, schätzt der scheidende Förster, »das ist nichts Schlimmes, aber eben eine Veränderung«.

Um ein Haar wäre es bei einer kurzen Episode in Salzböden geblieben. Als junger Förster liebäugelte Pohl mit einer Stelle im Rheingau. Doch es kam anders. »Ich bin nicht wegen der Bäume, sondern wegen der Menschen hier geblieben. Ich hatte auch tolle Mitarbeiter, die mich durchs Berufsleben getragen haben.«

Zwar seien die Freiheiten in seinem Job geringer geworden. Doch noch immer gebe es Gestaltungsspielräume im Umgang mit Bäumen - manchmal aber auch mit Menschen: Förster haben im Wald das Sagen, sind Beamte mit hoheitlichen Aufgaben; Hilfspolizisten und Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft. Platzverweise, Ordnungsstrafen, Festnahmen - auch solche Mittel stehen den Waldbeamten zur Verfügung, wenn andere die Regeln missachten. Pohl hat einige Ordnungswidrigkeiten und Straftaten erlebt: Holzdiebstahl, illegale Müllentsorgung, »aber auch Jungs, die ihre Mopeds ausprobieren wollten«. Im Zweifel habe er Konflikte vermieden und bei renitenten Waldbesuchern auf Einsicht gesetzt. »Wenn man die Leute nicht von oben herab behandelt, sondern sie höflich hinweist, erreicht man mehr als mit einer Anzeige.«

Nicht nur die letzten Jahre seines Berufslebens waren von extrem trockenen Sommern und darbenden Bäumen geprägt, sondern auch die ersten. »Damals hieß es ›der deutsche Wald stirbt‹, aber er ist immer noch grün.« Und doch: »Zurzeit haben wir Schadensereignisse, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Die Fichte wird in unserer Region weitgehend verschwinden, aber die Schäden sind auch beim Laubholz angekommen. Es gibt ein irres Sterben der Buche.« Er gehe jedoch nicht davon aus, dass nun jeder Sommer dem Wald so hart zusetzen werde.

Neben großer Trockenheit haben verheerende Stürme die Waldwirtschaft immer wieder herausgefordert. Wiebke, Kyrill, Friederike - die harmlos klingenden Namen der Wetterereignisse hat Pohl bis heute im Kopf, teils auch das Datum. »1990 hatten wir nach einem Sturm hier zehntausende Festmeter Holz liegen. Da habe ich im Forsthaus erstmal gekotzt. Heute nehme ich das nicht mehr persönlich.«

Pohl weiß: »Die Kollegen, die jetzt auf der Fläche sind, haben einen schwierigen Job.« Vieles habe sich geändert, doch er hat den Beruf bis zuletzt gern gemacht. »Ich gehe im Guten«, sagt er. Nun will er niemand sein, der im Ruhestand ungefragt Ratschläge verteilt, das ist ihm wichtig.

Zwischendurch klingelt Pohls Handy, ein befreundeter Förster will einfach mal plaudern. »Der Kontakt zu den Kollegen wird mir schon fehlen. Aber sonst nichts«, sagt er. Zum 1. November geht Pohl offiziell in den Ruhestand, zurzeit feiert er Resturlaub ab. »Ich habe angefangen zu renovieren«, erzählt er. Mit einem Partner wird er sich nun um das gemeinsame Unternehmen kümmern: Holzvermarktung im Auftrag von Kommunen.

Außerdem ist Pohl seit 35 Jahren Kommunalpolitiker, sitzt für die CDU im Stadtparlament und im Ortsbeirat Salzböden. Nicht zuletzt hat er nun mehr Zeit, sich um seine beiden Enkel zu kümmern »oder einfach mal ein Buch zu lesen.« Von Langeweile bislang keine Spur.

Bis vor sieben Jahren wohnte Pohl im alten Forsthaus, unten im Dorf. Heute lebt er in jenem Haus, das er einst gebaut hat, oben am Hang. Hier verläuft die Reviergrenze, der Wald in Sichtweite gehört schon zum Kreis Marburg-Biedenkopf.

Vielleicht fällt es dem Diplom-Forstingenieur in Ruhe dort leichter, den Wald mit den Augen eines Spaziergängers zu sehen. Er will nun mehr nach vorne statt nach oben, in die Kronen schauen. Und seltener über Stöcke stolpern.

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