29. September 2017, 13:00 Uhr

Wahlnachlese

Was Geflüchtete und Helfer über AfD-Erfolg denken

Mit einem Anti-Flüchtlings-Wahlkampf hat die AfD bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen geholt. Was sagen Geflüchtete und Helfer zu diesem Ergebnis?
29. September 2017, 13:00 Uhr
Mit Plakaten wie diesem hat die AfD Stimmung gegen Geflüchtete gemacht. (Fotos: dpa/Archiv)

Wie bewerten Sie die Stimmenanteile der AfD bei der Bundestagswahl?

Hassan Al-Zaza: Ich wusste, dass die AfD mehr Stimmen bekommen wird, weil sie erfolgreich Geflüchtete und die Einwanderungspolitik für ihre Zwecke instrumentalisieren und manipulieren wird. Aber ich habe gedacht, sie bekommen sechs oder sieben Prozent der Stimmen und war schockiert, als sie über zwölf Prozent erhielten.

Dr. Barbara Högy: Ich bin ziemlich entsetzt über diesen Wahlerfolg. Aber man konnte es durch die Äußerungen in den Medien und die Umfragen in den letzten Wochen kommen sehen. Es wäre einfach schön gewesen, Deutschland hätte sich dem Rechtsruck, der schon durch andere europäische Länder gegangen ist, nicht angeschlossen. Es ist schade, dass Menschen aus der Geschichte offensichtlich so wenig lernen.

Al-Zaza: Die deutsche Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenquote ist gering. Deswegen habe ich mich gefragt, wie der Stimmengewinn der AfD zustande gekommen ist. Es sind meiner Meinung nach zwei Punkte: Der Protest gegen die Politik der offenen Grenzen und gegen die Große Koalition.

Unsere größten Befürchtungen sind bestätigt worden

Hassan Al-Zaza

Haben Sie vor und während des Wahlkampfes eine verstärkte Stimmung gegen Sie empfunden?

Högy: Nein, nicht persönlich. Eher im Gegenteil. Ich hatte ein paar nette Begegnungen, bei denen ich Unterstützung spürte und sogar persönlich gelobt wurde für das, was ich tue. Das ungute Gefühl, das ich in letzter Zeit immer wieder empfand, hatte mit Nachrichten in der Zeitung, dem Fernsehen und vor allem Posts auf Facebook und der dadurch transportierten Stimmung zu tun.

Al-Zaza: Die AfD-Plakate mit Botschaften der Intoleranz und Slogans, die Angst machen, haben natürlich allen Geflüchteten und Einwanderern Sorgen bereitet.

Machen Sie sich deshalb Sorgen?

Al-Zaza: Unsere größten Befürchtungen sind bestätigt worden. Eine Partei, die extrem rechte Gedanken in ihren Reihen toleriert und Feindseligkeit schürt gegen Minderheiten, sitzt nun im Bundestag. Ja, es macht mir Sorgen, wenn die AfD sagt, man solle an der Grenze von Schusswaffen Gebrauch machen, wenn Flüchtlinge kommen.

Högy: Ich bin besorgt darüber, dass es in absehbarer Zeit »normal« werden könnte, dass die AfD in deutschen Landesparlamenten sitzt und am Ende sogar irgendwo in die Regierungsverantwortung kommt. Davor habe ich wirklich Angst. Auch erschrecken mich die in letzter Zeit zu beobachtende Verrohung in der Diskussion und der Niedergang der Umgangsformen. Ich hoffe nicht, dass das in der politischen Diskussion jetzt Allgemeingut wird.

Flüchtlinge sind keine Monster, die in Deutschland einfallen

Hassan Al-Zaza

Herr Al-Zaza, ärgert es sie, dass ein Bild von Flüchtlingen gezeichnet wird, die Deutschland wie eine Naturkatastrophe heimsuchen?

Al-Zaza: Flüchtlinge sind keine Monster, die in Deutschland oder Europa einfallen. Sie haben es sich nicht ausgesucht zu fliehen. Millionen von Deutschen mussten das vor 70 Jahren auch, und Menschen aus Ostdeutschland vor der Wende ebenso. In der syrischen Kultur ist es eine Art sozialer Schande, Flüchtling und abhängig zu sein. Viele geben deshalb ihr Bestes, die deutsche Sprache zu lernen, damit sie arbeiten und von niemandem abhängig sind. Vielfalt bereichert die Gesellschaft und wird sich positiv auf die Wirtschaft auswirken. Wenn du ein guter Mensch bist, bist du auch ein guter Moslem, Christ oder Jude. Terrorismus kann man nicht mit einer bestimmten Religion in Verbindung bringen. Die ganze AfD-Agenda und ihr 76-seitiges Wahlprogramm ist sehr schwach und kann widerlegt werden.

Ich hoffe, dass der Fokus in Zukunft vermehrt auf Erfolgsgeschichten liegen wird und den Chancen, die für unsere Gesellschaft daraus erwachsen

Dr. Barbara Högy

Gibt es auch Grund zu Optimismus?

Al-Zaza: Die AfD als Anti-Einwanderer- und Anti-Islam-Partei hat sich in einem ersten Schritt auf Muslime, Flüchtlinge und Einwanderer eingeschossen. Früher oder später werden sie der Religionsfreiheit auch von anderen Gruppen schaden und antisemitische Stimmung verbreiten. Ihr Programm ist gefährlich und schadet der demokratischen Kultur, der politischen Stabilität und dem Wirtschaftswachstum. Aber ich sehe auch, dass 85 Prozent der Deutschen diese Partei nicht gewählt haben. Ich hoffe, dass die anderen Politiker und Parteien vereint gegen die Populisten stehen. Ich verlasse mich auf die Weisheit der Mehrheit und die Toleranz der Deutschen.

Högy: Ich habe in meiner Umgebung ein paar sehr positive Beispiele von Geflüchteten, die sich sehr gut eingelebt haben, sich inzwischen schon auf recht gutem Deutsch verständigen. Sie haben teilweise auch schon Arbeit oder eine Ausbildung gefunden. Einige von ihnen unterstützen jetzt selbst als Helfer Geflüchtete. Ich hoffe, dass der Fokus in Zukunft vermehrt nicht nur auf Probleme sondern auch auf solchen Erfolgsgeschichten liegen wird und den Chancen, die für unsere Gesellschaft daraus erwachsen.

Info

Die Interviewpartner

Hassan Al-Zaza ist 34 Jahre alt, hat Englisch und Literatur in Syrien studiert und danach bei einem im Mittelmeerraum tätigen Unternehmen gearbeitet. Anschließend studierte er Anthropologie. Aktuell absolviert er einen B2-Deutschkurs.
Dr. Barbara Högy arbeitet freiberuflich als Consultant für die Pharmaindustrie. Die 53-Jährige engagiert sich seit Oktober 2014 für Geflüchtete – erst in Treis, dann in Gießen.

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