28. Oktober 2017, 18:00 Uhr

Rollende Sparkasse

Warum in manchen Dörfern Bargeld mit dem Bus kommt

Weil es in vielen Dörfern keine Bankfiliale mehr gibt, geht die Sparkasse Laubach-Hungen mit einem Bus auf Tour. Wie lebt es sich ohne Geldautomat und Online-Banking?
28. Oktober 2017, 18:00 Uhr
»Er berät mich gut«: Christa Penktner ist seit Jahrzehnten Kundin bei Joachim Rühl in der fahrbaren Geschäftsstelle der Sparkasse Laubach-Hungen. (Fotos: us)

Sie kommen mit dem Auto oben vom Berg, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Sie wollen Geld abheben, einzahlen oder überweisen und einen Blick auf ihren Kontostand werfen. Sie wohnen in einem kleinen Dorf, machen kein Online-Banking und müssen für ihre Bankgeschäfte trotzdem nicht in die Stadt. Die Einwohner von Gonterskirchen haben es gut. Sie haben Joachim Rühl. Seit mehr als 20 Jahren ist der 60-Jährige mit der Fahrbaren Geschäftsstelle der Sparkasse Laubach-Hungen zwischen Wetterau und Vogelsberg unterwegs. 16 Haltepunkte in zwölf Dörfern hat er bislang ein- oder zweimal wöchentlich angesteuert. Seit dem 1. Oktober sind es vier mehr. Die Filialen in Bellersheim und Obbornhofen, Freienseen und Wetterfeld haben Ende September geschlossen. Jetzt werden die vier Orte auch vom Sparkassenbus versorgt. Rühls seitherige Stammkunden müssen sich deswegen ein wenig beschränken. In Gonterskirchen wird künftig nur noch einmal Halt gemacht, der Dienstag-Termin wurde gestrichen. »Es wird wohl voller werden«, vermutet Gisela Mayer. Aber sie und die etwa zehn anderen Kunden, die sich an einem Freitagnachmittag am Haltepunkt am Dorfgemeinschaftshaus versammelt haben, wollen nicht meckern. »Es ist gut, dass es diesen Service gibt«, sagt Doris Koch, die im Bus die Bankgeschäfte für gleich drei Kunden erledigt: »Für meines Schwiegermutter, für uns und unseren jüngsten Sohn.«

Bei den Leuten fühle ich mich zu Hause

Joachim Rühl

Untergebracht ist die Fahrbare Geschäftsstelle in einem umgebauten Mercedes-Bus. Im Führerhaus des 7,5-Tonners kommt man sich ein bisschen vor wie in einem Wohnmobil. Aber statt Schlafkoje und Küchenzeile beherbergt das Gefährt einen Bankschalter, einen kleinen Besprechungsraum und einen Wartebereich. Joachim Kaiser klopft ans dicke Panzerglas, das seinen rollenden Arbeitsplatz umgibt. »An mich kommt keiner ran«, ist er sich sicher. Auch bei seinen Touren über Land ist ihm noch nie etwas passiert. »Das Fahren ist für mich kein Problem, auch nicht bei Schnee rauf nach Altenhain.«

Klar, sein Arbeitsplatz sei manchmal ein bisschen unkomfortabel. »Im Winter ist es kälter als im Büro.« Aber der Sparkassenwirt, der in Lardenbach lebt ist, hat für sich die richtige Aufgabe gefunden. »Ich fühle mich bei den Leuten zu Hause«, sagt Rühl. Er spricht Platt. »Da ist gleich die Vertrauensbasis da.« Außerdem seien die Kunden einfach froh, dass es den Sparkassenbus gebe, wo sich doch vieles aus der Fläche zurückzieht.

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Bus oder Geschäftsstelle?

Zum 1. Oktober sind die Sparkassen-Filialen in Bellersheim, Obbornhofen, Wetterfeld und Freienseen geschlossen worden. Von der ehemaligen Bellersheimer Geschäftsstelle sind 80 Prozent der Kunde zum Bus und 20 Prozent zur Geschäftsstelle nach Hungen gewechselt. In Obbornhofen entschieden sich die Kunden je zur Hälfte für Bus und Geschäftsstelle. In den beiden Laubacher Stadtteilen geht die Tendenz eindeutig zur Hauptstelle. In Wetterfeld wechselten zehn Prozent zum Bus, in Freienseen 15 Prozent. (us)

Die Sparkasse Laubach-Hungen will das ausdrücklich nicht. »Unser Geschäftsbereich ist weit verzweigt, mit vielen kleinen Orten,« sagt Direktor Josef Kraus. »Da leben Menschen, die haben Bedarf. Dem wollen wir gerecht werden.« Das gilt auch für die Kunden in Bellersheim, Obbornhofen, Wetterfeld und Freienseen, die zum 1. Oktober in den Fahrplan der rollenden Geschäftsstelle integriert wurden. Alle hatten die Möglichkeit, sich den Bus bei einem »Tag der offenen Tür« anzuschauen. Danach konnten sie entscheiden: wechseln sie zu den Hauptstellen in Laubach und Hungen oder belassen sie ihr Konto vor Ort im Bus. »Wenn auch nur zwei gesagt hätten ›Ich will den Bus‹, dann hätten wir das gemacht«, versichert Kraus. Nun wolle man schauen, wie sich der neue Fahrplan einpendelt.

Wie der Direktor erläutert, war die Aufnahme der vier neuen Orte in den Fahrplan möglich, weil die Kundenfrequenz andernorts abgenommen hat. »Früher wechselten die Leute, wenn sie in Rente gingen, zur Fahrbaren Geschäftsstelle in ihrem Heimatdorf. Heute machen sie Online-Banking.« Auch Joachim Rühl weiß, was die Stunde geschlagen hat. »Ich habe drei Kinder, die erledigen alles am Computer. Ich wüsste nicht, wann die zuletzt einen Fuß in eine Filiale gesetzt haben.«

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