03. Mai 2019, 10:00 Uhr

Geschäftsaufgabe

Warum die Metzgerei Gerlach in Großen-Buseck nach 116 Jahren schließt

Die Metzgerei Gerlach in Großen-Buseck schließt am 1. Juni. Schweren Herzens macht das Inhaber-Ehepaar zu. Zuletzt kamen weniger Kunden, eine Nachfolge gibt es nicht. Doch das sind noch nicht alle Gründe.
03. Mai 2019, 10:00 Uhr
Noch ist die Auslage voll: Ulrich und Jutta Gerlach (rechts) mit ihren beiden Mitarbeiterinnen im Verkaufsraum. (Foto: jjs)

So richtig können die beiden noch nicht begreifen, dass bald Schluss sein wird. Voller Stolz präsentieren Ulrich und Jutta Gerlach die blitzblanken Räume ihrer Metzgerei: den Verkaufsraum mit der breiten Glastheke, die einmal um die Ecke geht; die alten, weiß gekachelten Schlachträume, die sie nun als Lager nutzen. In der Luft liegt ein Geruch von Kälte, typisch für Metzgereien.

»Bei uns ist es immer sauber, die Geräte sind noch top«, sagt Jutta Gerlach. Über Jahrzehnte waren diese Räume für das Ehepaar weit mehr als ein Arbeitsplatz. Doch in ein paar Wochen wird es hier auf Dauer so ruhig sein wie sonst nur an Feiertagen. Die Jalousie wird unten, die Auslage für immer leer bleiben.

»Ich weiß gar nicht, was da auf mich zukommt«, sagt Ulrich Gerlach mit feuchten Augen, »ich kriege da richtig Gänsehaut«. Seine Frau ist »stolz, dass wir überhaupt so lange durchgehalten haben«: Nach 116 Jahren und drei Generationen macht die Metzgerei Gerlach, die letzte Traditionsfleischerei in Großen-Buseck, dicht. Den Entschluss haben die Gerlachs im Herbst gefasst.

 

Viel bürokratischer Aufwand

Im Dorf macht diese Neuigkeit längst die Runde, »das hat sich verbreitet wie ein Lauffeuer«, sagt Jutta Gerlach. »Die Leute fragen immer: ›Wieso macht ihr zu?‹ Dann sage ich: ›Wo kauft ihr denn ein?‹« Und damit trifft sie in vielen Fällen einen wunden Punkt: Zahlreiche Kunden holen Wurst und Fleisch mittlerweile in der Regel im Supermarkt statt beim Metzger im Dorf.

Das gewandelte Kaufverhalten der Kunden ist ein Grund dafür, dass kleine, inhabergeführte Läden mehr denn je zu kämpfen haben. Ein weiterer ist aus Sicht der Gerlachs der bürokratische Aufwand. »Das sind so dicke Ordner«, sagt der Chef und spreizt Daumen und Zeigefinger weit auseinander.

Regelmäßige Temperaturmessungen, Angaben über Inhaltsstoffe, Reinigungsprotokolle – zum täglichen Job gehört längst mehr als Produzieren und Verkaufen. All der Papierkram hat natürlich seine Berechtigung, macht den Alltag für Inhaber aber um einiges komplizierter.

Geschlachtet wird bei den Gerlachs schon seit 15 Jahren nicht mehr. Mittlerweile sei es schwierig geworden, Schlachthöfe zu finden. Früher hat der Chef selbst Vieh durch den Ort Richtung Schlachterei geführt, heute muss er dafür etliche Kilometer weit fahren. Das kostet Zeit und Geld.

 

Kundschaft nahm allmählich ab

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen laufe die Metzgerei aber gut – und fast noch besser, seit die Nachricht von der Geschäftsaufgabe die Runde macht. »Es ist nicht so, dass alles zusammenbricht«, sagt Jutta Gerlach, »auch wenn es unterm Strich weniger Kunden gibt als früher«. Nun sei es einfach Zeit, aufzuhören, findet das Inhaberpaar – auch mit Blick auf die Gesundheit und das Alter: Jutta Gerlach ist 60 Jahre alt, ihr Mann drei Jahre älter. »Ich möchte mit meinem Mann nicht nur gearbeitet haben«, sagt sie.

Gerlachs Großvater hatte den Betrieb 1903 gegründet, sein Vater übernahm ihn, bot zwischenzeitlich auch Fremdenzimmer an. Dass Ulrich und Jutta Gerlach die Metzgerei weiterführen würden, war nicht sicher. Sie ist gelernte Arzthelferin. Ihr Mann hat 1978 die Meisterprüfung abgelegt. Als sein Vater 1979 überraschend starb, entschied er sich mit 21 Jahren, die Nachfolge anzutreten – mit seiner Frau als Partnerin. Seit den 1980ern ist auch ein Partyservice angeschlossen.

Besonders leid tut den Inhabern, dass nun auch die beiden Mitarbeiterinnen ihren Job verlieren werden. Eine ist schon seit 25 Jahren im Betrieb. »Wir sind wie eine Familie«, sagt Jutta Gerlach und lobt die Angestellten in den höchsten Tönen: »Wenn ein Kunde mal mit hängenden Mundwinkeln reinkommt, geht er lächelnd wieder raus. Die Damen sind immer nett, kennen die Kunden mit Vornamen« – und oft könnten sie sogar abschätzen, was die Stammkunden an Fleisch noch im Kühlschrank haben.

 

Mehr Zeit füreinander

»Es wurde schleichend weniger«, sagt Ulrich Gerlach, »und irgendwann ist Schluss«. Nun rückt irgendwann immer näher. Einst haben die Gerlachs auch die »Woschtanna« in Gießen beliefert, sich mit Rezepturen für Hausmacherwurst, »Sauhoingk« & Co. einen guten Namen gemacht. Wo werden sie demnächst ihre Wurst kaufen? »Gute Frage«, sagt er, »ich muss jedenfalls wissen, was drin ist«. Bisher musste er sich diese Frage nie stellen – die Inhaltsstoffe hatte er im Kopf.

Es wurde schleichend weniger – und irgendwann ist Schluss

Ulrich Gerlach

Von allmählich Kürzertreten kann zurzeit aber noch keine Rede sein: »Jetzt geht es los mit Hochzeiten und Konfirmationen – der Monat wird noch mal hart«, sagt die Chefin. Am 1. Juni ist dann Schluss. Unter die Trauer über das Ende des Traditionsbetriebs mischt sich aber auch etwas Vorfreude auf die Zeit nach dem Berufsleben.

Die Gerlachs sind keine großen Urlauber. »Ich bin nur einmal geflogen, nach Portugal«, sagt Ulrich Gerlach, »vielleicht machen wir das noch mal«. Seine Frau ergänzt: »Wir sind gern zuhause – und müssen dann nicht mehr ständig planen und auf die Uhr gucken.«

Über Jahrzehnte haben die beiden sich im Laden den Rücken freigehalten. Ein eingespieltes Team. Und wer mit den Gerlachs zusammensitzt, merkt schnell: Das werden sie auch im Leben nach der Metzgerei bleiben.

Info

»Metzgereien-Sterben« – im Kreis und bundesweit

Das Fleischer-Handwerk hat bundesweit zu kämpfen: Rund 11 000 Fleischer-Meisterbetriebe gibt es in Deutschland zurzeit, vor zwölf Jahren waren es noch mehr als 17 000. Gründe für diesen Rückgang sind die Konkurrenz durch große Handelsketten, Nachwuchsmangel und sinkender Fleischkonsum. Auch im Kreis Gießen hat die Zahl inhabergeführter Metzgereien massiv abgenommen: Vor knapp 20 Jahren habe die Fleischer-Innung in Stadt und Landkreis noch 53 Mitglieder gehabt, nun seien es 18, sagt Esther Schnaut, stellvertretende Obermeisterin. Sie geht davon aus, dass dieser Mitgliederschwund dem Rückgang von Betrieben entspricht. Die »Geiz-ist-Geil-Mentalität« habe der Branche enorm geschadet, sagt Schnaut. Zwar sehe sie die Bereitschaft vieler Kunden, für Fleisch- und Wurstwaren etwas tiefer in die Tasche zu greifen – etwa infolge von Kochsendungen, und es werde zunehmend auf mehr Qualität und weniger Verpackung geachtet. Die schwierigen Rahmenbedingungen führten jedoch dazu, dass die Lage weiter sehr angespannt sei. (dpa/jwr)

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