24. Februar 2017, 13:00 Uhr

Bio- oder Supermarkt

Warum die Blütezeit der kleinen Bioläden vorbei ist

Supermärkte machen den klassischen Bioläden das Leben schwer. Auch die Geschäfte im Kreis Gießen bekommen das zu spüren. Manche Inhaber stemmen sich kreativ gegen den Trend.
24. Februar 2017, 13:00 Uhr
»Lich ist ein toller Standort«, sagt Daniela Fitzthum (vorne rechts), die Betreiberin der Naturkostecke. Aber generell sei die Blütezeit der kleinen Bioläden wohl vorüber. (Foto: us)

Jüngste Zahlen der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft sprechen eine klare Sprache: Deutschlandweit stieg in den Supermärkten 2016 der Gesamtumsatz mit Bio-Lebensmitteln um 14,6 Prozent auf 5,45 Milliarden Euro. Die Naturkostbranche verbuchte ebenfalls ein Plus. Das allerdings fiel mit fünf Prozent auf 2,85 Milliarden Gesamtumsatz deutlich geringer aus.

Die Konkurrenz der Supermärkte bekommen auch heimische Bioläden zu spüren. »Die gibt es«, sagt Jan Hentrich, der die »Sonnenblume« in Laubach betreibt und seit Herbst 2016 auch ein Geschäft gleichen Namens in Grünberg. Wie groß der Druck sei, hänge aber sehr vom einzelnen Laden ab. »Ob er gut aufgestellt ist und einen festen Kundenstamm hat.«

Hentrich hat die Laubacher »Sonnenblume« 2015 mit einem speziellen Konzept aus der Krise geführt: dem Mitgliedsladen. Wer möchte, kann einen monatlichen Mitgliedsbeitrag entrichten und erhält dafür auf alle Käufe 25 Prozent Rabatt. Je mehr ein Kunde kauft, desto mehr spart er. Vorteil dieses Modells sei eine starke Kundenbindung, sagt Hentrich. »Ein Allheilmittel ist es allerdings nicht.«

In den beiden »Sonnenblumen«-Geschäften hat der 25-Jährige ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. In Laubach sei die überwiegende Zahl der Kunden auch Mitglieder, in Grünberg nicht. Das liege daran, dass man am gut eingeführten Standort in Laubach die Stammkunden für eine Mitgliedschaft akquirieren konnte. Mit rund 100 Mitgliedern ist Hentrich zufrieden. In Grünberg, wo die »Sonnenblume« neu aufgemacht hat, liegt die Zahl deutlich niedriger. »Wir sind noch in der Erprobungsphase«, sagt der Betreiber mit Blick auf die knapp 30 Mitglieder seit vergangenem Herbst. Dafür sei der Kundenkreis insgesamt aber größer. Für Hentrich der Beweis, dass in der Stadt das Potenzial für einen Bioladen vorhanden ist.

Die Konkurrenz durch Supermärkte kann auch Daniela Fitzthum bestätigen, die seit 20 Jahren in Lich die »Naturkostecke« betreibt. »Bei uns ist es nicht dramatisch, aber man merkt es«, sagt sie. Es sei ja auch bequem, beim Einkauf im Supermarkt die Biosachen gleicht mit zu besorgen. In den Fachhandel kämen dann nur noch die Kunden, die auf individuelle Beratung Wert legen. Die wissen wollen, wo und unter welchen Bedingungen die Lebensmittel produziert worden sind und was genau darin enthalten ist.

Und die bewusst Waren von Verbänden wie Bioland oder Demeter kaufen, die in Supermärkten nur selten gelistet sind.

Aber Fitzthum will nicht jammern. Lich sei einer toller Standort. »Die Leute hier sind sehr offen. Wir haben viele Stammkunden, die uns unterstützen.« Doch die Blütezeit der kleinen Bioläden sei wohl vorüber. Nicht nur die klassischen Supermärkte erhöhten den Wettbewerbsdruck, sondern auch Bio- und Drogeriemärkte sowie der Handel im Internet. 100 Quadratmeter ist die »Naturkostecke« groß. Ihre Betreiberin prognostiziert, dass es in zehn Jahren nicht mehr viele Geschäfte dieser Größenordnung geben wird.

Konkurrenz durch die Supermärkte? Beim Hofladen Stroh in Wißmar ist das kein Thema. »Wer im Hofladen einkauft, der tut das aus Überzeugung«, sagt Simone Stroh selbstbewusst. Sie und ihr Mann Andreas haben 2009 von konventionell auf Bio umgestellt, vermarkten Rind- und Schweinefleisch, Geflügel, Eier, Milch, Käse und Kartoffeln aus eigener Produktion. Die Umstellung sei nicht leicht gewesen, sagt die Bäuerin. Der Eierverkauf sei zunächst spürbar zurückgegangen, wohl wegen des höheren Preises. Aber mittlerweile habe ein Umdenken stattgefunden.

Die Kunden akzeptierten, dass die aufwendigere Haltung auch höhere Kosten nach sich ziehe. Simone Stroh berichtet von einem wachsenden Kundenkreis. »Die Leute kommen vor allem wegen unseres Frischfleisch-Angebots. Und wenn sie eh schon im Laden sind, nehmen sie noch Käse, Eier, Kartoffeln, Nudeln oder Brot mit.

Die Wißmarerin betont, dass ihre Ware Verbandsqualität hat. Im Gegensatz dazu werde das Bio-Sortiment in den Supermärkten zumeist nach den weniger strengen Richtlinien des EU-Siegels hergestellt. Da könne es schon mal vorkommen, dass Öko-Kartoffeln aus Afrika angeboten werden.

»Was hat denn das noch mit Bio zu tun?«, fragt Simone Stroh mit Blick auf den tausende Kilometer langen Transportweg. Für sie ist klar: »Wer wirklich Bio will, der kauft Verbandsware.«

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