19. Juli 2017, 10:00 Uhr

Erweiterung

Warum Bosch 40 Millionen Euro in Lollar investiert

Aufbruchstimmung statt Zukunftsangst: Bosch Thermotechnik hat viel Geld in die Hand genommen, um seine Gießerei in Lollar zu erweitern. Was dahinter steckt.
19. Juli 2017, 10:00 Uhr
Der Kupol-Ofen hat eine Schmelzleistung von 27 Tonnen pro Stunde. (Fotos: khn)

Fahrstuhlmusik eines live spielenden Orchesters begleitet den Einzug der Gäste in die Produktionshalle. Auf dem roten Teppich bilden bei den Besuchern Anzug, Hemd, Krawatte und Sicherheitsschuhe den Dresscode. Mit großem Aufwand hat Bosch Thermotechnik gestern die Erweiterung der Gießerei in Lollar gefeiert. Zusätzlich zu den bisherigen Produkten sollen hier Bremsscheiben für die Automobilbranche hergestellt werden. Das Unternehmen investiert 40 Millionen Euro und sichert damit langfristig den Gießerei-Standort Lollar sowie über 200 Arbeitsplätze.

 

Ohne Erweiterung wäre Schluss

 

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Uwe Glock, Andreas Chiari, Gerhard Pfeifer und Gerhard Steiger (v. l.) sowie Ulrich Schmid...

Wäre die Erweiterung nicht gekommen, hätte es für die Gießerei in Lollar düster ausgesehen, sagt Uwe Glock, Vorsitzender des Bereichsvorstands von Bosch Thermotechnik. Früher oder später hätte sie schließen müssen. Wegen veränderter Markt- und Kundenanforderungen stand die Abteilung unter einem enormen Kostendruck. Seit 2008 geht die Nachfrage nach traditionellen schweren Gusskesseln und das Geschäft mit fossilen Energieträgern stark zurück. Die Konsequenz: Die Gießerei in Lollar war immer weniger ausgelastet.

Aus Angst um ihrem Arbeitsplatz gingen 2013 zahlreiche Mitarbeiter in der Buderusstadt auf die Straße und protestierten lautstark. Sie trieb nach der Schließung eines Bosch-Thermotechnik-Werks in Sachsen die Angst um, dass die Produktion komplett nach Osteuropa verlagert wird.

In Lollar die Sorge um die Zukunft, im hessischen Hinterland der Frust über nicht ausreichende Kapazitäten: In Breidenbach stellt das zu Bosch gehörende Unternehmen Buderus Guss Bremsscheiben her und hatte 2011 in die dortige Gießerei ebenfalls rund 40 Millionen Euro investiert. Das Geschäft brummt – so sehr, dass der Betrieb komplett ausgelastet ist. Weil dort aber nicht mehr erweitert werden kann, setzten sich die Verantwortlichen von Buderus Guss und Bosch Thermotechnik zusammen. Dabei wurde die Idee geboren, im knapp 50 Kilometer entfernten Lollar ebenfalls Bremsscheiben zu produzieren.

Es gibt jetzt eine tragfähige Zukunftsperspektive

Buderus-Guss-Geschäftsführer Gerhard Pfeifer

»Diese Entscheidung«, sagt Buderus-Guss-Geschäftsführer Gerhard Pfeifer bei der Feier, werde die Zukunft der beiden Betriebe verändern. »Es gibt jetzt eine tragfähige Zukunftsperspektive.« Auch deshalb, weil der Arbeitnehmer-Vertreter und Arbeitgeber eine Vereinbarung unterschrieben haben, um den Standort Lollar zu sichern: Das Unternehmen investiert in die Gießerei, und im Gegenzug kommen die Arbeiter Bosch in Sachen Tariferhöhung entgegen. Außerdem sind bis 2023 betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen.

Die Produktion in der Lollarer Gießerei steht nun auf drei Säulen. Weiterhin werden am Standort an der Bahnhofstraße Heizungen gegossen – Tendenz jedoch fallend. Ausgebaut werden soll stattdessen der Kundenguss – also Fertigung auf Wunsch. Der Betrieb in Lollar gehört laut Pfeifer zu den drei einzigen in Europa, die große Teile individuell herstellen können. Als dritte und wohl wichtigste Säule kommt nun die Bremsscheiben-Produktion hinzu. Starten wird diese im Ein-Schicht-Betrieb; zukünftig soll aber im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet werden.

 

Liefer-Freigabe für VW-Konzern

 

Das Unternehmen will mit der Erweiterung in Lollar seine Marktführerschaft in diesem Geschäft festigen. Bis 2021 soll die Gießerei eine Kapazität von 100 0000 Tonnen Guss pro Jahr erreichen; rund die Hälfte wird auf Bremsscheiben entfallen. Mit der hohen Stückzahl und der Steigerung der Produktivität will Buderus-Guss dem hohen Kostendruck in diesem Segment begegnen.

Bereits 2016 – vor dem Start der Fertigung – konnten mit Zulieferungen für einen amerikanischen Hersteller von Hochleistungs-Bremsscheiben erste Umsätze generiert werden. Laut Pfeifer hat das Unternehmen außerdem die Liefer-Freigabe für den gesamten Volkswagen-Konzern erhalten.

Info

Zahlen und Fakten

Bosch in Lollar – das sind mehrere Firmen auf 460 000 Quadratmetern. Die erweiterte Gießerei ist für Bremsscheiben mit einem maximalen Durchmesser von 450 Millimetern und einem Gewicht von 60 Kilogramm ausgelegt. Der Marktanteil von SUVs diverser Automarken und von anderen großen Fahrzeugen wächst weiter, so dass der Bedarf an groß dimensionierten Bremsscheiben steigt. Deshalb wollen Bosch Thermotechnik und Buderus Guss in diesem Segment weiter vorstoßen. Der bestehende Kupol-Ofen hat eine Schmelzleistung von 27 Tonnen pro Stunde. Hinzu kommt ein Rinnen-Ofen mit 80 Tonnen Inhalt sowie zwei Tiegel-Öfen als Umschmelz-Aggregate. Dort herrschen Temperaturen bis zu 500 Grad. (khn)

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