15. Januar 2017, 19:48 Uhr

Warnung vor dem »bösen Westen«

An ihre persönlichen Erfahrungen als Opfer einer Diktatur erinnerte die als »Frau vom Checkpoint Charlie« weltweit bekannt gewordene Dresdnerin Jutta Fleck beim Neujahrsempfang des Bezirkslandfrauenvereins Gießen. 370 Frauen aus den Ortsvereinen in Stadt und Landkreis trafen sich am Samstagvormittag in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg.
15. Januar 2017, 19:48 Uhr
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Von Roger Schmidt
Jutta Fleck, die »Frau vom Checkpoint Charlie«, redet in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg vor 370 Landfrauen über die Gnadenlosigkeit des DDR-Regimes. (Fotos: rge)

An ihre persönlichen Erfahrungen als Opfer einer Diktatur erinnerte die als »Frau vom Checkpoint Charlie« weltweit bekannt gewordene Dresdnerin Jutta Fleck beim Neujahrsempfang des Bezirkslandfrauenvereins Gießen. 370 Frauen aus den Ortsvereinen in Stadt und Landkreis trafen sich am Samstagvormittag in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg.

Jutta Fleck ist heute Leiterin für die Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Sie leistet mit ihrem Team Aufklärungsarbeit vor allem bei jungen Menschen.

Vorsitzende Christel Gontrum begrüßte nach dem gemeinsamen Frühstück, das diesmal die Landfrauen aus Inheiden vorbereitet hatten, neben der Gastrednerin auch Ehrenvorsitzende Mechthild Glasbrenner. Weitere Gäste waren unter anderem die Präsidentin der Hessischen Landsenioren, Gertrud Köhler aus Langsdorf, und Manfred Paul, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Gießen/Wetzlar/Dill sowie für die Gastgeberstadt des Neujahrsempfangs Stadtrat Jakob Ernst Kandel. Ein Grußwort sprach Silvia Linker als Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Grünberg stellvertretend für alle Ehrengäste. »Memories – Erinnerungen«, unter diesem Motto stand der Beitrag von Sängerin Anne Christin Weisel mit Patrick Dörhöfer am Flügel.

Gontrum forderte die Landfrauen auf, sich weiter ehrenamtlich zu engagieren. Ohne diese Unterstützung sei die Arbeit der Bezirkslandfrauen nicht möglich. Alte Strukturen bewahren, neue Ideen und Visionen verwirklichen, sei das Landfrauen-Motto. Die Vorsitzende rief dazu auf, die Organisation weiter zu stärken. »Richtig weh tut eine Diktatur, wenn man selbst betroffen ist«, sagte Gontrum mit Blick auf den Vortrag von Jutta Fleck. Der Kampf einer Mutter um ihre Töchter in den Zeiten des kalten Krieges stand im Mittelpunkt ihres Vortrags, an dessen Ende auch Bilder aus ihrem früheren Leben in der DDR zu sehen waren.

Es sei bereits lange her, dass es noch zwei deutsche Staaten gab, erinnerte Fleck an die Zeit vor 1989, als die Mauer Deutschland teilte. In der DDR durfte man seine Meinung nicht offen sagen, musste Nachteile befürchten. Vor 1961 war Flecks Mutter mit ihren drei Kindern ohne Mann im Osten Deutschlands geblieben. Bevormundung erfuhr Jutta Fleck schon früh in der Kinderkrippe. Dort wurde täglich vor dem »bösen Westen« gewarnt. Heute sei dies kaum noch vorstellbar, damals aber war es allgegenwärtig.

»Diktatur muss man begreifen, um Demokratie zu gestalten« zitierte die Gastrednerin. Ihre eigene Erfahrung in früher Kindheit hat sie zur bekennenden Befürworterin der Betreuung zu Hause von Kindern bis zum Alter von drei Jahren durch die Eltern gemacht, sagte sie. Die selbst erlebte Indoktrination durch einen Staat möchte sie nicht wieder erleben. Das sei einer der Gründe, warum sie aktiv mit Zeitzeugen in Schulen über den SED-Staat mit authentischen Geschichten aufkläre, sagte Fleck. Ihr persönliches Schicksal sei exemplarisch für andere, hebe sich dennoch von diesen ab. Denn Flecks Schicksal wurde international beachtet und verfilmt. Grund war, dass sie sich trotz großen Drucks durch den Staatssicherheitsdienst, der erzwungenen Trennung von ihren beiden Kindern und folgender Inhaftierung nie von ihrer Familie lossagte und vom Ziel Ausreise Abstand nahm.

»Ich weiß, was es bedeutet, von diesen Ereignissen traumatisiert zu sein«, sagt sie heute mit Abstand und weitgehender Verarbeitung. Zwölfmal stellte sie einen Ausreiseantrag, der niemals beantwortet wurde. Nach ihrer Scheidung fand sie über jugoslawische Gastarbeiter einen möglichen Weg über Rumänien zur Ausreise in den Westen. Die Geschichte endete mit einem Verrat, Verhaftung und Auslieferung zurück in die DDR. Sie wurde in das Frauengefängnis Hoheneck im Erzgebirge eingeliefert. Fleck erzählte von Isolationshaft und Zwangsarbeit bis zu ihrer Freilassung und Übersiedlung in die Bundesrepublik nach 22 Monaten im Jahr 1984. Fleck forderte mit Aktionen vor dem Checkpoint Charlie, die international wahrgenommen wurden, die Familienzusammenführung. Am 25. August 1988 kamen ihre Töchter nach West-Berlin.

Für diesen bewegenden Vortrag mit der Botschaft für Freiheit und Demokratie gab es von den Landfrauen viel Applaus. Ihre Botschaft sei aktueller denn je.



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