03. Mai 2017, 10:00 Uhr

SPD-Mann

Wahlkampf in Blaumann und mit Schrauber

Matthias Körner ist passionierter Schrauber und SPD-Bundestagskandidat. Den Wahlkampf hat er für einige Stunden auf Willi Eimers Schrottplatz verlegt. Dort verrät er nicht nur seine Ziele für Berlin.
03. Mai 2017, 10:00 Uhr
Kundig betrachtet Matthias Körner das Auto von unten, bevor er sich an die Arbeit macht. (Fotos: isb)
Samstagmorgen in der Werkstatt der Autoverwertungsanlage Willi Eimer in Langgöns: Wahlkampf mal anders. SPD-Bundestagskandidat Matthias Körner hat den Anzug gegen Multifunktionshose getauscht und baut für den guten Zweck Autoteile aus. Mit recht vollmundigen Worten hatte seine Partei zuvor die ungewöhnliche Aktion angepriesen. Wer Ersatzteile für seinen fahrbaren Untersatz brauche und es sich selbst nicht zutraue, die einzubauen, für denjenigen würde Körner in die Bresche springen, hatten die Genossen geschrieben. Fünf Stunden werde der SPD-Mann im Einsatz sein, mit Schrauber und allem, was dazugehört.

 

 

Wenn Politiker um die Gunst ihrer Wähler buhlen wollen, dann muss die Botschaft lauten: Ich bin einer von euch! Denn die da in Berlin, wo Körner hinmöchte – die da, zumeist Akademiker mit Schlips und Kragen – sind doch meistens weit weg von den Sorgen und Nöten eines mittelhessischen Handwerkers oder einer alleinerziehenden Mutter. Aber eben nur meistens.

Körner nennt diesen Wahlkampf-Termin bei Willi Eimer »das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden«, schlägt sein Schrauber-Herz umgeben von Motorblöcken, Stoßstangen und Rücklichtern doch ganz hoch: »Faszinierend, es gibt 150 000 Wege, eine Sache zu lösen«, übertreibt Körner bewusst und meint damit die Detektivarbeit, die er leisten muss, wenn er an ein bestimmtes Teil des nachtblauen Audis auf der Hebebühne gelangen will.

Der rechte Kotflügel zum Beispiel, der sicher noch einen Abnehmer findet, wird von einer letzten hartnäckigen Schraube am Fahrzeug gehalten. Körner schiebt die blaue Brille einige Male vom Kopf auf die Nase und wieder zurück, hantiert etwas – und wumm, die Verkleidung löst sich, kracht runter und mit ihr Jahre alter Dreck, den das Auto einst auf seinen Wegen gesammelt hat. Körner freut sich: die Schraube gelöst durch die geöffnete Autotür – muss man erstmal drauf kommen! Bewundernde Worte für Mitarbeiter Thorsten Keim, der unterstützend zur Seite steht: »Die wissen hier auswendig, mit wie vielen Schrauben dieses oder jenes Modell an diesem oder jenem Teil hergestellt wird«, sagt Körner.

400 Euro für AWO-Sozialzentrum

 

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Reihen von aufgetürmten Autowracks, das ist der Schrottplatz von Willi Eimer in Langgöns n...
Die Idee zum Wahlkampf-Termin der etwas anderen Art entstand zusammen mit Freund Willi Eimer in lauschiger Runde auf dem Weihnachtsmarkt. Wenn Mann oder Frau – es ist erstaunlich zu sehen, wie viele Frauen selbst Hand ans Autowrack legen – auf einem Schrottplatz Autoteile kaufen wollen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder macht man sich selbst die Hände schmutzig und spart Geld, oder man legt ein bisschen drauf und die Mitarbeiter der Autoverwertung bringen einem die Teile aus dem Lager. So dachten sich die beiden Freunde, warum nicht den Selbstausbau von Körner übernehmen lassen und die Differenz für einen guten Zweck spenden. Am Samstag waren es letztlich 400 Euro, die Eimer und Körner dem AWO-Sozialzentrum Heinz-Ulm-Haus in Langgöns übergaben.

»Von Arbeit etwas verstehen«, steht auf den kleinen Handzetteln, die Körner verteilt. Die wie Autogrammkarten anmutenden Zettel verraten in Kürze seine Wahlziele. Mit seinem Slogan meint Körner vor allem jene Arbeit, die körperlich hart ist und dennoch am Ende des Monats keine großen Sprünge zulässt. Er selbst ist gelernter Maschinenschlosser, absolvierte ein Studium an der Frankfurter Akademie der Arbeit. Anschließend wurde er Jugendbildungsreferent beim DGB in Gießen und ist heute nach weiteren Stationen Geschäftsführer des DGB Mittelhessen.

»Isch habe gar keine Auto…«

In Berlin möchte er »keine Kunststücke machen«, wie er sagt, sondern vor Ort erklären, was Mittelhessen betrifft. Dabei soll es vor allem um konkrete Probleme gehen, die jeden betreffen – Unterschiede bei Steuereinnahmen aus Vermögen und Einkommen etwa, die Rente, dass keinem Alleinerziehenden die Armut drohen darf oder dass Kindern eine gute Bildung ermöglicht wird. Seine eigene Berufsausbildung hat Körner damals mit einem Streik begonnen, als die IG Metall für die 35-Stunden-Woche eintrat – es war der Anstoß für seine politische Karriere.

Und sollte es tatsächlich nach Berlin gehen, verrät Körner, bleibt er seiner Region trotzdem treu: »Bei 22 Sitzungswochen im Jahr, kann ich doch die übrigen bei meiner Familie bleiben. Da wird es dann eine Lösung mit Zweitwohnsitz geben.« Dann lässt sich der Arbeitsweg allerdings nicht mehr mit dem Fahrrad bewältigen – denn aktuell sagt Körner noch in Manier des italienischen Schauspielers Bruno Maccallini: »Isch habe gar keine Auto…«

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