30. September 2017, 10:35 Uhr

Die Kinokritik

»Vorwärts immer« muss man nicht gesehen haben

Ein enttäuschtes Fazit zieht unser Kinokritiker Patrick Dehnhardt zu der deutschen Honecker-Komödie. Und das, obwohl ein Teil in Hessen gedreht wurde.
30. September 2017, 10:35 Uhr
Die Schauspieler Hedi Kriegeskotte (l) und Jörg Schüttauf (r) in den Rollen von Margot und Erich Honecker bei den Dreharbeiten in Erlensee. (Foto: Frank Rumpenhorst (dpa))

»Du bist ja ganz nett, aber...« – diesen Satz kann man nicht nur bei gescheiterten Dates verwenden, er passt auch gut zum Film »Vorwärts immer«. Zwischen Komödie und Klamauk schwankend fehlt der zündende Funke.

Nach »Atomic Blonde« nun also der nächste Film, der seine Handlung in der Zeit um den Mauerfall ansiedelt. DDR, Oktober 1989: Anna (Josefine Preuß) ist von ihrem Freund schwanger. Da er aber nicht wie erhofft mit Jubel reagiert und auch ihre Pläne, in den Westen zu fliehen, nicht unterstützt, will sie mit einem gefälschten Pass allein ausreisen. Ihr Vater Otto Wolf (Jörg Schüttauf), Theaterschauspieler, will ihr dies aber nicht erlauben und zerreißt vor Wut ihren Pass. Er selbst steht unter Druck, da er in einem systemkritischen Theaterstück Honecker spielen soll und Angst vor den Folgen hat.

Go west...

Anna lässt sich aber nicht aufhalten. Über den Westjournalisten August (Jacob Matschenz) versucht sie, an einen neuen Pass zu bekommen. Sie begleitet ihn auf die Montagsdemo. Währenddessen erfährt die Theatercrew, das Honecker die Demonstration mit Panzern niederschlagen lassen will. Da der Staatsratsvorsitzende aber gerade bei der Jagd weilt, wittert Otto Wolf die Chance, die Katastrophe noch abzuwenden. Als Honecker verkleidet will er im Zentralkomitee dem Schießbefehl zurücknehmen. Doch der Plan gerät in Gefahr, als er plötzlich auf Margot Honecker trifft – die eiserne Lady der DDR.

Wie spricht Honecker?

Oktober 1989 – das ist nun 28 Jahre her. Und darin liegt das Problem der Sache. Denn genauso wie Helmut-Kohl-Witze heute keinem mehr zum Lachen bringen, genauso funktioniert eine Parodie auf Honecker nicht. Honecker ist im Gegensatz zu Hitler oder Trump nicht permanent im Fernsehen zu sehen, seine Körpersprache und die Sprache selbst ist zumindest allen Westdeutschen unter 40 Jahren kaum geläufig, über sein Leben, seine Stärken und Schwächen weiß man, wenn man sich nicht gerade für die DDR interessiert, nicht allzu viel.

So wirken manche Szenen wie ein gespielter Witz, den man aufgrund dieses fehlenden Hintergrundwissens nicht versteht. Etwa wenn Erich mit einem toten Kaninchen von der Jagd zurückkehrt und seiner Frau entgegenruft: »Ich habe einen Hasen erlegt. Wir haben ihn überfahren.« Oder Margot Honecker, als der Sanitäter die junge Haut des Doppelgängers lobt, erklärt: »Wir fassen uns schon seit 30 Jahren nicht mehr an.« Ob man dann das Honecker-Double unbedingt über ein Schild stolpern lassen und auf diesem die Treppe im Zentralkomitee heruntersegeln lassen muss, lässt sich anzweifeln.

Da rettet auch die ordentliche Schauspielleistung von Alexander Schubert, bekannt aus der heute-show, in der Rolle des Erich Krenz den Gesamteindruck nicht mehr. Und auch nicht, dass die Szenen in Honeckers Villa im hessischen Erlensee gedreht wurden. Ein Film, der wohl nur echten DDR-Experten Freude bereiten kann – und ab 12. Oktober in die Kinos kommt.

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