14. Juni 2018, 22:05 Uhr

Von wegen Rivalität

Am Wochenende stoßen Daubringen und Mainzlar gemeinsam auf 1225 Jahre an. Doch warum eigentlich genau jetzt, und wieso als Doppel-jubiläum? Was macht die Nachbardörfer aus, was trennt, was verbindet sie? Ortstermin mit einem Daubringer und einem Mainzlarer Original.
14. Juni 2018, 22:05 Uhr
Der Daubringer Manfred Hein (l.) und sein Mainzlarer Freund Karl Friedrich Zecher.

Manfred Hein ist als Ortsvorsteher für Daubringen, Mainzlar und Staufenberg zuständig – da liegt es nahe, ihn bei einem Gespräch über das Doppeljubiläum der beiden Nachbardörfer dabeizuhaben. Seinem Mainzlarer Freund Karl Friedrich Zecher ist dagegen noch nicht so richtig klar, warum auch er hier sitzt. »Du bist ein Mainzlarer Urgestein!«, sagt Hein und räumt alle Zweifel aus.

Die beiden kennen sich seit vielen Jahren. Hein, Jahrgang 1946, ist gelernter Elektro-Installateur, war später Kraftfahrer bei der Bahn. Zecher, etwa zehn Jahre älter, hat lange bei Schunk im Rechnungswesen gearbeitet und war 16 Jahre lang Vorsitzender des TV Mainzlar. Ihre benachbarten Heimatorte kennen die beiden Originale aus dem Effeff.

Auch wenn Daubringen und Mainzlar seit Jahrhunderten viel gemeinsame Geschichte teilen – offiziell gehören sie erst seit 1974 zusammen. Im Zuge der Vorgaben des Landes für eine kommunale Gebietsreform waren auch die eigeständigen Dörfer im Nordkreis angehalten, zu fusionieren. »Lollar hätte uns gern gehabt«, sagt Zecher. Doch nach einigen Hin und Her entschieden sich Staufenberg, Mainzlar, Daubringen und das etwas weiter entfernte Treis für eine »kleine Lösung« unter dem Dach der Stadt Staufenberg.

Beide Orte haben ihre Besonderheiten in die neue Kommune eingebracht. »Daubringen hat im Fußball Bezirksliga gespielt, Mainzlar hatte gute Handballer – da gab es wenig Berührungspunkte«, sagt Ortsvorsteher Hein.

Zwar setzen die beiden Herren vergnügt die ein oder andere Spitze gegen das Dorf des jeweils anderen, doch die gemeinsame Kommune möchten sie nicht missen. »Mit der Rivalität, das ist doch vorbei!«, sagt Zecher. Und wo genau die Gemarkungsgrenze zwischen den fast ineinander übergehenden Orten verläuft, wissen inzwischen wohl die wenigsten.

Einst galt Daubringen als das ärmere Dorf. Die Böden waren weniger ertragreich als auf Mainzlarer Gemarkung. Auch war Daubringen als Durchgangsstation für »fahrendes Volk« bekannt und wurde in mehreren Kriegen von wechselnden Heeren belagert.

Der Zweite Weltkrieg, von Deutschland angezettelt, brachte am Ende viele Deutsche um ihre Heimat. »Vertriebene«, wie diese Geflüchteten damals genannt wurden, suchten auch in Daubringen und Mainzlar Zuflucht und Zukunft. Hein erzählt über die Ankunft seiner Großeltern, die 1952 aus Ostpreußen kamen. Daubringen hatte keinen Bahnhof, daher luden sie ihre Koffer in Mainzlar aus dem Zug aus. »Als sie ausgestiegen waren, hat meine Oma zum Opa gesagt: ›Bring mich wieder zurück!‹« Opa tat das nicht, die beiden gingen ins Nachbardorf – und ihr Enkel Manfred wurde ein Daubringer Bub.

»Wir hatten in Daubringen sieben Kneipen und keine Kirche. Jetzt haben wir eine Kirche – und keine Kneipe mehr«, sagt Hein und lacht. Kürzlich haben sich 50 Daubringer samt Bollerwagen und Bierkasten auf die Spuren dieser Kneipen begeben, und alte Anekdoten ausgepackt.

»In puncto Humor waren wir besser drauf«, sagt Hein und schaut zum Mainzlarer hinüber. »Wir Daubringer waren durch Armut und Einquartierungen von Soldaten im Siebenjährigen und anderen Kriegen eng zusammengewachsen. Da braucht man Humor.« Wenn man reicher sei, brauche man das weniger, sagt Hein noch. »Armut schweißt zusammen, Reichtum treibt auseinander«, wirft Zecher ein.

Warum findet das gemeinsame Ortsjubiläum eigentlich ausgerechnet 2018 statt? Die Sache ist kompliziert: Die erste bekannte Erwähnung beider Siedlungen stammt aus dem 12. Jahrhundert von einem Fuldaer Mönch namens Eberhard. Er berichtet, dass Güter im Bereich von »Masceléren« (Mainzlar) und »Tagebergen« (Daubringen) an das Fuldaer Kloster verschenkt worden seien. Das soll während einer Amtszeit eines Abts passiert sein, die von 780 bis 802 dauerte.

Auf diesen Zeitraum bezieht sich das Ortsjubiläum. Die 1200-Jahr-Feier wäre also irgendwann zwischen 1980 und 2002 fällig gewesen. Statt 22 Jahre auf Verdacht zu feiern, entschieden die Verantwortlichen sich für ein Jubiläum im Jahr 1993. Logische Konsequenz: 1225 Jahre werden 25 Jahre später, also 2018 gefeiert.

»Der Ursprung dieser nicht ganz korrekt datierten Feier liegt eigentlich schon 25 Jahre zurück«, sagt Ortsvorsteher Hein. »So genau kann man das nicht mehr sagen.« Zecher insistiert: »Doch, im Jahr 793!« Am Ende ist es ja eigentlich auch egal. Unsere Zeitrechnung basiert auf der Geburt eines Kindes vor mehr als 2000 Jahren. Ob wir nach der historischen Wahrheit tatsächlich im Jahr 2018 sind, kann heute auch keiner mehr so genau sagen.

»Das Entscheidende ist, dass wir Staufenberg geworden sind, sonst könnten wir nicht überleben«, sagt Zecher. »Wir wären tote Dörfer, wenn wir die Fusion nicht gemacht hätten. Ich bin in erster Linie Staufenberger, in zweiter Europäer.« Dass der Trend zum Zusammenschluss weitergeht, begrüßt er: »Lollar und Staufenberg müssen zusammenarbeiten. Bei Daubringen und Mainzlar hat es ja auch geklappt.« (Fotos: maj, jwr)

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