01. März 2018, 20:08 Uhr

Von Schlitzohren und Schwämmen

01. März 2018, 20:08 Uhr
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Aus der Redaktion
Beim Bildervortrag zu sehen: Ein Pferdefuhrwerk in der Moorgasse. (Foto: Berndt)

Auf vielfachen Wunsch aus der Bevölkerung hatte Otto Berndt im vergangenen Sommer zu einem historischen Rundgang durch Lang-Göns eingeladen. Berndt erforscht seit langem die Geschichte seines Heimatortes, publiziert darüber und hält Vorträge. Bereits viermal bot er diesen ganz besonderen Spaziergang an. Nun hatten alle, die dies verpasst hatten, Gelegenheit, sich die Informationen ganz gemütlich und bequem im Sitzen anzuschauen: die evangelische Frauenhilfe Lang-Göns hatte gemeinsam mit Pfarrerin Sylvia Grohmann zu einem »Historischen Rundgang durch Lang-Göns« in den Gemeindesaal neben der Jakobuskirche eingeladen, rund 100 Besucher kamen und waren von den Erzählungen des Heimatforschers begeistert.

Über 100 Bilder zeigte Otto Berndt, es begann »Am alten Stück« und endete an der Jakobuskirche. »Alle Begebenheiten aus der Geschichte von Lang-Göns, die ihr heute hört, sind authentisch, also wahr«, sagte Berndt. Der Langgönser Heimatforscher nahm sein Publikum mit auf eine spannende und kurzweilige Zeitreise, wobei er seine Ausführungen mit zahlreichen Anekdoten und historischen Dokumenten belegte.

Die Zuhörer erfuhren manches Wissenswerte aus dem früheren Alltagsleben der Menschen, das oft von Hunger und Armut geprägt war.

Lang-Göns im Zweiten Weltkrieg wurde ebenso thematisiert wie der Bau der Main-Weser-Bahn. Sie brachte ab 1851 nicht nur schnelle Anbindungen in die Ferne, sondern vielen Menschen auch Lohn und damit Brot, zum Beispiel dem gebürtigen Pfungstädter Georg Peter Pfannenschmidt, der es vom Streckenarbeiter 1869 zunächst zum Stationsassistenten und später zum Stationsvorsteher in Lang-Göns brachte. »Rund 3000 Nächte habe ich wegen der Nachtdienste nicht geschlafen«, hat er seinem Enkel später oft erzählt. Beschwert habe er sich immer darüber, dass ihm seine ersten 25 Arbeits- und Dienstjahre bei der Pension nicht angerechnet worden waren. Er war überzeugt: »Hieran sind die Preußen schuld.«

Zwölf Gaststätten und fünf Spezereiläden mit Schankrecht zogen im 19. Jahrhundert Gäste an. Die Rechnung wurde mit Kreide aufgeschrieben. Nachdem sie bezahlt war, wischte sie der Wirt mit einem Schwamm aus, daher der Ausdruck »Schwamm drüber«. Wandernde Handwerksburschen trugen oft einen Ohrring, der manchmal aus Gold war. Konnten sie ihre Zeche nicht zahlen, kam es vor, dass der Wirt ihnen den Ohrring heraus riss, sodass sie ein geschlitztes Ohr zurückbehielten. Solche Personen, »Schlitzohren« gescholten, galten fortan als unseriös.

Mit der Erzählung vom rettenden »Sprung von der Kanzel«, den Pfarrer Tobias Leun am 29. Juni 1624 vollführte, weil plötzlich ein Wandteil einstürzte, endete der virtuelle historische Rundgang.



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