15. Oktober 2018, 21:51 Uhr

Vom Schatten der Vergangenheit

15. Oktober 2018, 21:51 Uhr
Avatar_neutral
Von Volker Mattern
Valerie Jakob liest aus ihrem ersten Roman. (Foto: m)

Es wurde geschmunzelt, auch gelacht, es gab aber auch Momente der nachdenklichen, ja fast bedrückenden Stille, denn für fast alle Gefühlsregungen bietet »Hôtel Atlantique« Stoff. Der Erstlingsroman der gebürtigen Pfälzerin und in Berlin lebenden Valerie Jakob hatte genau dies. Die Autorin hatte bei ihrer Lesung in der Kunsthalle des Kunst- und Kulturkreises Wettenberg (KuKuK) verschiedene Passagen ihres Debutromans ausgesucht, um sie, in komprimierter Form in 60 Minuten passend, einem interessierten und dankbaren Publikum von knapp 100 Gästen zu präsentieren.

Das Ganze geschah auf Einladung der Wettenberger Deutschfranzosen, deren Vorsitzender Norbert Schmidt Gäste und Autorin willkommen hieß. Ein besonderer Gruß galt dem Ehrenvorsitzenden und Mitbegründer der DFG, Günter Feußner, und dem Vize, Ehrenbürgermeister Gerhard Schmidt, ein Mutmacher in den Reihen, wie der Vorsitzende ihn bezeichnete, und das war durchaus auch politisch zu verstehen.

Deutsch-französische Perspektive

Um das Thema »Europa« und wohin sein Weg führen wird, kam man nicht herum, denn dazu bot der Kriminalroman – der nicht nur ein solcher ist – teils schwere Kost. Nähert sich der Leser dem Schluss der 480-seitigen Lektüre, lernt er die bittere Tragik kennen, die den rätselhaften Kriminalfall um den Tod der Romanfigur, Aurélie de Montvignon, überlagert: Die Beschreibung von Szenen im befreiten Paris – der Krieg war noch nicht zu Ende – wo sich der Volkszorn vor allem gegen Frauen entlädt, die während der Nazi-Besatzung, warum und in welcher Form auch immer, mit dem Feind Verhältnisse eingingen oder auch nur für ihn arbeiteten und dafür in fürchterlichster Weise öffentlich stigmatisiert wurden.

Nun, es wäre nicht die Ausgewogenheit, die von großer Romankunst zeugt, bei der trotz umfassender Komplexität die Spannungshandlung nie abzureißen scheint. Fesselnd also und mehr als Unterhaltungslektüre. Eine einfühlsame Beschreibung von Land und Leuten, mit ebenso witzigen und tiefgründigen wie scharfsinnigen Dialogen zwischen den Protagonisten. Zudem eine Rezeptur aus »la douce Frankreich«, inklusive Kulinarik, lavendelblauer Bilder und einem Hauch erotischer Freiheit, alles so dosiert, dass es nicht ins Triviale abgleitet und die Autorin ernst genommen wird.

Die Handlungen spielen an der Biskaya, im französischen Teil des Baskenlandes. Wieso Frankreich, fragte Norbert Schmidt die Pfälzerin. Weil dort ihre Tante und ihr Onkel kurz nach dem Krieg heirateten und sie viele Sommer in ihrer Kindheit dort verbracht habe und auch jetzt noch die Urlaube sie oft und gerne an die französische Atlantikküste zögen, erklärte sie.

Zur Bildungsbiografie von Valerie Jakob gehört das Studium der Geschichte und Germanistik. Sie ist zudem eine der erfolgreichsten Übersetzerinnen aus dem angloamerikanischen und französischen Sprachraum. Mal eben von der Bundeshauptstadt nach Wißmar und nach ihrer Lesung wieder dorthin zurück, war ihr die Mühe nicht zu viel und ihr Chauffeur zwischen Flughafen und Wißmar, Norbert Schmidt, freute sich, dass die DFG – einmal mehr im Schulterschluss mit dem KuKuK und Sabine Loh von der »Büchertreppe« – durch die Lesung im Rahmen des Gießener Krimifestivals Teil des literarischen Mosaiks von Buchmesse und Friedenspreis sein durfte.

Interessante Einblicke in das Werden und Vermarkten eines Buches boten nach der Lesung die Autorin und ihre Lektorin Ditta Friedrich im Werkstattgespräch. »Für mich ist dieser Roman nicht nur ein Krimi, sondern darin eingebettet auch die Darstellung von deutsch-französischen Perspektiven«, sagte Jakob. Die Lesung konnten die Gäste auch mit kleinen Gaumenfreuden wie Kaffee, Espresso, Croissant und Pain au chocolat genießen. Die Veranstaltung, so der DFG-Vorsitzende, widme man den beiden kürzlich verstorbenen Mitgliedern Gabi Voll und Rena Kubens.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos