29. März 2019, 22:08 Uhr

Viele Scherben, keine Römer

29. März 2019, 22:08 Uhr
Die alte Pflasterstraße im Untergrund. Die Fahrrillen zeigen, dass das Pflaster aus der Zeit des Spätmittelalters stammt. (Repro: rge)

Die Archäologin Dr. Katharina Mohnike brachte am Donnerstagabend etwas mehr Licht in die 1220 Jahre währende Geschichte Grüningens. Eigentlich waren es aber die laufenden Bauarbeiten an der Landesstraße mitten durch den Stadtteil von Pohlheim, welche die »Vergangenheit unter unseren Füßen« ans Tageslicht holten. Natürlich unter fachkundiger Unterstützung von Grabungen, denn man wusste, dass man dort fündig werden würde.

Grüningen ist eine alte Stadt und war seit 799 wichtige Drehscheibe über die Jahrhunderte hinweg. Für die heutigen Grüninger war es interessant zu hören, wo ihre Wurzeln liegen und was die Archäologin aus den gefundenen Spuren aus Fundamenten, Straßenbelägen, Brunnen und Scherben lesen kann.

»Es liegt wohl am Thema« sagte Heimatforscher und Aktiver vom einladenden Heimatverein Grüningen, Werner Bender, der nicht schlecht staunte über einen restlos gefüllten Gemeindehaus-Saal der evangelischen Kirchengemeinde. Mohnike, die an den Universitäten Florenz und Marburg Archäologie studiert hatte und heute für zahlreiche Grabungen in der Bau- und Bodendenkmalpflege verantwortlich zeichnet, war mit Kollegen fast zwei Jahre lang regelmäßig vor Ort und begleitete die Arbeiten an der Landesstraße in der Taunusstraße.

Seit 1397 Marktflecken

Vermutet wurde lange, dass es in Grüningen im tiefen Boden noch einiges zu entdecken gilt. Schnell stießen die Arbeiter auf erste Spuren, die bis in vier bis fünf Meter Tiefe reichten. Dies ermöglichte einen Blick in sämtliche geologische Flächen, sagte die Expertin. Grüningen war stets ein zentraler Ort: Zunächst ab 1397 als Marktflecken, 1421 erhielt man die Stadtsiegelankündigung und entwickelte sich ab 1459 als Stadt mit Burg weiter.

Die Forscher konzentrierten sich bei den Grabungen auf das Altstadtgebiet entlang der Taunusstraße mit Kirche, Burg und Diebesturm, das seine Blüte im Spätmittelalter um 1500 erlebte. Schnell stieß man bei den laufenden Arbeiten auf Hinterlassenschaften am damaligen Gießener Südtor und Butzbacher Nordtor von Grüningen. Die Befestigungen wurden seit dem 14. bis ins 16. Jahrhundert kontinuierlich ausgebaut. 1840 waren die Reste der Tore abgebrochen worden. So fand man Basaltfundamente und Mauerreste mit einem Fortsatz der Stadtmauer des Nordtores. Spuren gab es zudem von vorgelagerten Vorwerken, die als Sicherheits- beziehungsweise Zollschleusen vor dem eigentlichen Tor dienten. Gerade in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges sei dies wichtig gewesen, erklärte die Archäologin.

Altertümliches Straßenpflaster wurde auf 30 Meter freigelegt. Ihr hohes Alter bewiesen die tiefe Lage sowie die eingefahrenen Fahrspuren der eisenbeschlagenen Fuhrwerke sowie der gemessene Achsabstand von 1,10 Meter, die auf spätmittelalterliche Nutzung hinweisen. Damals war zudem schon die Wasserver- und -entsorgung mit Brunnen, Kanälen und Leitungen ein zentrales Thema. Man fand überraschend einen alten Wasserbrunnen »mitten auf der Gass« vor der Taunusstraße 28–30. Der war vermutlich öffentlich und typisch für das Grüninger Versorgungssystem, das bis ins 20. Jahrhundert meist aus eigenen Hausbrunnen bestand. Im südlichen Teil außerhalb der Altstadt gefundene Reste eines Brunnenhauses bezeichnete die Archäologin als »Brunnen vor dem Tore«.

Unmittelbar bei der Kirche macht man keine Funde, aber direkt in der Nachbarschaft wurde ein Grube mit Abfall und Scherben freigelegt. Aus diesen Funden rekonstruierten die Experten Krüge und Behältnisse aus Keramik, Ton und Glas und datierten dies auf die Zeit um 1500. Ihre Entdeckungen dokumentierten die Archäologen in Zeichnungen und Fotografien, zeigte Archäologin Mohnike auf der Leinwand den Besuchern eindrucksvoll auf.

»Man staunt immer wieder, welche Gedanken und Lösungen die damaligen Menschen für ihr Leben gefunden haben«, wie auch in Grüningen ersichtlich. Sie betont die Arbeit der Archäologen als für die Menschheit lohnenswert und nicht in Geld zu bemessen. In den laufenden Straßenbauarbeiten hätten die Untersuchungen und Grabungen stattgefunden und hätten diese nur berechnete vier Wochen verzögert, zog sie positiv Bilanz. Nur eine Hoffnung der Archäologen wurde übrigens nicht erfüllt. Es wurden keine Funde aus der Römerzeit gemacht, obwohl schon damals das römische Imperium das günstige Gelände um Grüningen für sich intensiv als nördlichsten Punkt ihres Limes-Grenzsystems zu den Barbaren nutzten.

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