25. Juli 2019, 10:00 Uhr

Hitzewelle

Ventilatoren für Kühe, Belüftungssysteme für Fische - so trotzen Menschen und Tiere der Hitze

Die Hundstage machen Mensch und Tier zu schaffen. Wie kommen sie mit den Temperaturen klar? Nachgefragt bei Bauern, Straßenarbeitern, Fischzüchtern und anderen Betroffenen im Gießener Land.
25. Juli 2019, 10:00 Uhr

Extreme Hitzeperioden wie diese gab es schon immer mal«, schickt Hans-Martin Sames voraus. Der Geschäftsführer des Bauernverbandes Gießen-Wetzlar-Dill will damit auch sagen, dass seine Berufskollegen mit den erschwerten äußeren Bedingungen umzugehen wissen. Nicht zuletzt im Sinne des Tierschutzes.

Als ein Beispiel verweist er auf die vollständig klimatisierten Schweinezuchtbetriebe. Oder die Haltung von Mastvieh auf den Weiden, wo für natürliche oder künstliche Unterstände, ausreichend Wasser und im Bedarfsfall zusätzliches Futter Sorge zu tragen ist. Was aber ist mit den Deutschen Rotbunten, Schwarzbunten oder Holsteinern, wie die hierzulande häufigsten Milchviehrassen heißen, bei denen die Stallhaltung die Regel ist? Bewegungsfreiheit, gute Durchlüftung, Auslauf ins Freie, nennt Sames als die vorrangig-wünschenswerten Haltungsbedingungen. Denn klar ist auch: »Mit dem Anstieg der Temperaturen sinkt die Milchleistung.«

Ventilatoren für Kühe

Ein konkretes Beispiel liefert der Hof von Hans und Thorsten Klug in Heuchelheim. Für die 190 Milchkühe wird die Hitzewelle zum puren Stress. Die Paarhufer fühlen sich bei Temperaturen bis zu 22 Grad wohl. Alles darüber schlägt sich auf den Kreislauf nieder, erklärt Juniorchef Thorsten Klug.

Bei solchen Temperaturen bleiben die Tiere bevorzugt im Stall. Gerade wenn dort - neben dem Sonnenschutz - ein angenehmer Windzug herrscht. Jedes Tier nimmt in diesen Tagen bis zu 120 Liter Wasser zu sich. Dafür wird auf dem Hof Klug natürlich gesorgt. »Erst am Abend, wenn die Sonne sich verzogen hat und es etwas abgekühlt ist, zieht es sie auf die Weide«, berichtet der Landwirt. Um den Tieren zusätzlich Linderung zu verschaffen, rückt Thorsten Klug nach Bedarf mit einem großen Ventilator an, die für eine kühle Brise sorgen. Im Extremfall kann sogar eine Sprinkleranlage hinzugeschaltet werden. Auch im Melkstand, wurde ein Belüftungssystem eingerichtet. In den kommenden Jahren soll der Stall zusätzlich mit festmontierten Deckenventilatoren ausgestattet werden.

Vorverlegter Arbeitsbeginn

Doch nicht nur den Tieren macht die Hitze zu schaffen, auch für viele Arbeiter ist sie eine Belastung. »Wenn es gar zu heiß wird, dann fangen wir früher an«, sagt Dachdeckermeister André Vogler aus Biebertal. Nach Möglichkeit um 7 Uhr. Wenn es geht und keine Anwohner gestört werden, dann auch noch früher, so der Innungsobermeister. Dafür wird mittags eher Schluss gemacht. Pausen darf bei Vogler bei diesen Temperaturen jeder so einlegen, wie er Bedarf hat. Kappen und Sonnenschutz sind selbstverständlich, ebenso reichlich Getränke. Letztlich obliegt es dem Arbeitgeber, eine Gefährdungsbeurteilung vorzunehmen - und dazu gehört auch der Hitzeschutz der Mitarbeiter. »So, wie wir bei Regen nicht alles machen können, geht auch bei dieser Hitze nicht alles«, sagt Vogler: Da wird dann eben das Flachdach gemieden und stattdessen an einer Fassade gearbeitet, die denn etwas Schatten bietet.

Auch Dachdeckermeister Thomas Waechter aus Kinzenbach stellt seinen vier Mitarbeitern die Getränke und sieht zu, dass die Männer auf Baustellen arbeiten, auf denen erträgliche Bedingungen herrschen. So wurde gestern um 13 Uhr die Arbeit auf den Dächern eingestellt, stattdessen mit einer Fassadenverkleidung und einer Kellerabdichtung begonnen. Für Waechter ist ganz klar: Er hat eine Fürsorgepflicht. Ohnehin wird bei ihm mit Zeitkonten gearbeitet: Wenn aktuell die Arbeitszeit aus Wettergründen etwas reduziert wird, dann kann das mit Plus-Stunden früher oder später wieder ausgeglichen werden.

»Dienst ist Dienst« auf der Baustelle

Eine weitere Berufsgruppe, die die Hitze hart trifft, sind die Straßenarbeiter. Bei ihnen gibt es jedoch keine besonderen Maßnahmen, um die Hitze ertragbarer zu machen. Nach dem Motto »Dienst ist Dienst«, geht alles seinen gewohnten Gang, erfährt der Besucher der Baustelle auf der A 485 bei Großen-Linden. Sonnenschutz und ausreichend Getränke werden zur Verfügung gestellt. In Extremfällen könnten auch die Arbeitszeiten angepasst werden, indem etwa früher angefangen und aufgehört wird, erzählt Bauleiter Wolfgang Nusch. Am Abend erwartet die Arbeiter unweit der Brückenbaustelle ein privater und klimatisierter Bauwagen.

Belüftungssystem für Fische

In Wetterfeld macht die Hitze nicht nur den rund 1000 Menschen zu schaffen: Auch für einige Tausend Kiemenatmer ist erhöhte Achtsamkeit angesagt. Die sind am Ortsrand des Laubacher Stadtteils zu Hause, im Fisch- und Forschungszentrum von Dr. Ulrike Lierz. Da zurzeit im wohlverdienten Urlaub, kümmert sich Betriebsleiter Kevin Pommerenke um die Teichbewohner.

»Ja, die Hitze ist ein Problem, vor allem für die Kaltwasser-Arten«, erklärt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Dazu zählen die hierzulande besonders beliebten Speisefische wie Regenbogen- und Bachforelle oder der Saibling. Wohl fühlen die sich bis zu einer Wassertemperatur von 20 Grad, liegt die darüber, können die Tiere »Kreislauf« bekommen. Der Stoffwechsel funktioniert nicht mehr richtig, sie kollabieren. Hinzu kommt: Je wärmer das Wasser, desto geringer der Sauerstoffgehalt. Als Gegenmaßnahme sorgt der Betrieb für ausreichend Nachschub an kühlem Wasser, erleichtert durch die Lage an einem natürlichen Bach. Zudem lässt man die ganze Nacht hindurch eine Belüftungsanlage laufen: ein Propeller, der auf den Teichen schwimmt, das Wasser verwirbelt, um so Luftsauerstoff ins warme Nass zu transferieren. Besser dran sind in diesen Hundstagen Goldfisch, Koi-Karpfen und Goldrotfeder, die ohnedies in den größeren, sich daher langsamer erwärmenden Naturteichen unterwegs sind. Wie Betriebsleiter Pommerenke weiß, bekommen diese Arten erst ab 27 Grad »Kreislauf«.

Hitzeschlacht hinterm Grill

Imbissbudenbesitzer leiden besonders an diesen Hundstagen. Bei 37 Grad wird die Schicht hinterm Grill zur Hitzeschlacht. Da hilft nur eins: Vor den Ventilator, wenn sich die Gelegenheit bietet und gerade kein Kunde eine »Pommes Bahnschranke« verlangt.

Auch bei den Kunden macht sich das Wetter bemerkbar. Besonders deutlich wird es zur Mittagszeit. »Es entsteht ein regelrechtes Mittagsloch«, beschreibt Katja Kerder., Mitarbeiterin des »Landgrills« in Heuchelheim. Auch werden weniger warme Beilagen wie bestellt, stattdessen werde bevorzugt zum Brötchen gegriffen. Erst, wenn es abends abkühlt, normalisiert sich der Betrieb - und die Wünsche der Kunden. Dass man die Hitze mit Humor nehme, versichert Kollegin Marie Heeck: »Wir haben momentan Sauna umsonst.«

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