26. April 2019, 05:00 Uhr

Völkermord im Osmanischen Reich

Umstrittenes Völkermord-Denkmal in Pohlheim: Termin für Einweihung steht

Ein geplantes Denkmal in Pohlheim für die Opfer des Völkermords im Osmanischen Reich hat für Proteste der türkischen Regierung gesorgt. Nun steht fest, wann es eingeweiht werden soll.
26. April 2019, 05:00 Uhr
Blick auf die Genozid-Gedenkstätte in Eriwan (Armenien). Auch in Pohlheim soll nun ein Denkmal an den Völkermord an christlichen Minderheiten 1915 im Osmanischen Reich erinnern. (Foto: dpa)

Ein Denkmal soll in Pohlheim an den Völkermord an christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich 1915 erinnern. Nun steht fest, wann es eingeweiht werden soll. »Es wird unverwechselbar sein«, sagt Isray Budak, einer der Initiatoren, im Interview.

Der Beschluss, in Pohlheim ein Denkmal für die Opfer des Völkermords an Christen im Osmanischen Reich 1915 zu errichten, ist nun eineinhalb Jahre her. Ist abzusehen, wann es fertiggestellt und errichtet wird?

Isray Budak: Es soll am 15. Juni eingeweiht werden – wenn alles gut klappt. Der Beirat, in dem auch die syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden vertreten sind, hat sich auf die Gestaltung und die Form mit Vertretern der Fraktionen und Bürgermeister Schöffmann, nach langen Diskussionen und vielen Gesprächen, festgelegt. Die Firma ist vor einigen Tagen beauftragt worden.

Uns wurden die Vergangenheit und die Identität weggenommen

Isray Budak

Auf welche Gestaltung hat sich der Beirat festgelegt?

Budak: Das Denkmal wird einen hohen Wiedererkennungswert haben. Es wird unverwechselbar sein.

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Was heißt das konkret?

Budak: Die endgültige Fassung habe ich selbst noch nicht gesehen. Aber es wird mannshoch. Das Denkmal hat die Form eines Zylinders. Die Geschichte des Genozids, die Geschehnisse der Jahre 1915 bis 1917 werden bildlich dargestellt sein.

Das heißt, es werden Szenen von Mord und Vertreibung zu sehen sein?

Budak: Es wird die Geschehnisse symbolisch darstellen. Aber es wird eindeutig jugendfrei sein. Diesen Grat zu bewältigen ist in meinen Augen Kunst.

Gegen das Vorhaben gab es bereits Protest der türkischen Regierung. Befürchten Sie, dass das Denkmal beschädigt oder beschmiert werden könnte.

Budak: Es wird nicht einfach zu beschädigen sein. Und es werden auch Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.

Das Denkmal soll südlich der Christuskirche in Watzenborn-Steinberg errichtet werden. Welche Bedeutung hat das Vorhaben für Sie als Pohlheimer mit aramäischen Wurzeln?

Budak: Das Stadtparlament hat ja im November 2017 einstimmig beschlossen, den Bau des Denkmals zu unterstützen. So einen Moment vergisst man nicht. Die Volkshalle war voll, viele Menschen der »Suryoye«-Gemeinden waren da, also der Volksgruppe der Aramäer, Assyrer und Chaldäer. Es war ein sehr emotionaler Moment, denn zum ersten Mal fühlten sich die Bürger mit »Suryoye«- Wurzeln verstanden und akzeptiert. Gestandene Männer und Frauen sind in Tränen ausgebrochen und waren den Politikern sehr dankbar. Es gab bislang keine vergleichbare Sitzung des Pohlheimer Stadtparlaments mit so vielen Besuchern.

Kurz nach dem Beschluss gab es eine Reaktion des türkischen Generalkonsuls. Er hat die Stadt Pohlheim darum gebeten, das Vorhaben zurückzunehmen.

Budak: Der Bürgermeister, und die Fraktionsvorsitzenden der SPD und CDU haben das damals zur Kenntnis genommen und haben sich nicht weiter mit dem Schreiben der Leugner beschäftigt. Die Stimmen der Befürworter des Denkmals waren lauter und in der Mehrheit.

Was könnte, was soll das Mahnmal erreichen?

Budak: Es geht zu einem um Integrationsarbeit. So soll zum Beispiel stärker ins Bewusstsein der heimischen Bevölkerung rücken, dass wir Christen sind. In erster Linie aber geht es um Erinnerungskultur an einem öffentlichen Platz. Es ist von zentraler Bedeutung, dass man die Wahrheit des Genozids im Osmanischen Reich, den Sayfo, kennt und öffentlich macht. Meine Großväter mütterlicher- und auch väterlicherseits waren Zeitzeugen. Wir haben aber nie öffentlich über die damaligen Geschehnisse gesprochen. Uns wurde damals die Vergangenheit, aber auch die Identität weggenommen. In meinem Pass steht, dass ich Isray Budak heiße. Das ist aber nicht mein wirklicher Name. Den hat mir nur ein türkischer Beamter willkürlich gegeben.

Wie lautet Ihr richtiger Name?

Budak: Israel Be Josef. In der Türkei leben heute schätzungsweise nur noch 20 000 Suryoye. In Schweden gibt es eine Stadt namens Södertälje, da leben mehr Suryoye als in der gesamten eigentlichen Heimatregion. In Deutschland sind es heute über 120 000 Suryoye, die eine neue Heimat gefunden haben.

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