12. Januar 2017, 18:32 Uhr

Turbulenzen im Gästehaus

Seine Brötchen verdient er als Journalist namens Erhard Jakobs im Zentralbereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen. »Im richtigen Leben« indes heißt der aus der hinteren Eifel stammende Gonterskirchener mit Vornamen Seep und ist Schriftsteller. Dieser Tage erschien sein neues Buch. Titel: »Kommen und Gehen«. Blick in ein turbulentes Gästehaus.
12. Januar 2017, 18:32 Uhr

Ortstermin ganz weit im Osten des Landkreises. Besuch bei einem Kulturschaffenden, der von der Liebe zur Literatur lebt, von der Freude am Umgang mit Worten und Sätzen, nicht von den ganz großen Auflagezahlen. Mitte der 1990er erfreute er sein Publikum mit dem Debütroman »Das Buch vom Kopp«, später mit »Der Wartenarr« (Roman, 2002) und der Geschichtensammlung »Lawinenschrank« (2003), mit den Tiergedichten unter dem Titel »Bin kein Schießer, bin ein Fleischer« (2006) und dem Roman »Der Hergänger« (2011), einem äußerst anregenden Buch über eine Wanderung vom Vogelsberg bis in die Cevennen. Kurz vor dem Jahreswechsel gab es Neues von Seep Jakobs: In der noch jungen Hunsrücker »edition buschwerk« erschien »Kommen und Gehen«, ein 216-seitiges Buch mit zwölf, von Verlegerin Bärbel Busch illustrierten Erzählungen. Sie ist Künstlerin und Designerin, kennt den in Trier geborenen Gonterskirchener seit Jahrzehnten und hat vielfach mit ihm zusammengearbeitet.

In »Kommen und Gehen« pflegt Jakobs seine gewohnt klare Sprache – und den mithin bissigen, kauzigen Zungenschlag, mit dem er Erlebtes, Beobachtetes und Ersonnenes beschreibt: Jede von ihm erzeugte Stimmung wendet sich binnen weniger Zeilen ins Gegenteil oder nimmt eine andere Fährte auf. Der geneigte Leser weiß damit umzugehen. Und wer erstmals einen Seep Jakobs in den Händen hält, wird es schnell lernen und dann seinen Spaß haben – vor allem an den Passagen mit absurd erscheinenden Sichtweisen auf das Dasein.

Vom Trubel in der Jugend

Überraschend ist die Konstruktion des Buches, das sich ans Leben lehnende Schema, ohne eine reale Chronik zu sein. Man müsse sich das wie eine Gästehaus vorstellen, sagte der 57-Jährige im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung, in dem ein stetes Kommen und Gehen vorherrsche, »eine hohe Personalfluktuation«. Ein Gebäude mit vier Fluren, bei deren Betreten sich jeweils eine andere »Biospektive« ergebe. Basis waren sieben seiner zwölf »Monatsgeschichten« aus 2009, die Jakobs mit älterem und neuerem Material ergänzte. Es beginnt 1976, mit einer turbulente Herbstnacht.

Dem geradezu humoristischen Rückblick auf »den orientierungslosen Trubel der Jugend« folgen minutiös beobachtete Szenen mit gealterten Berufstätigen, deren Alltag, wie Verlegerin Busch meint, »manche Desillusionierung zu bieten hat, aber auch Stunden des Gegenglücks«. Flur um Flur, Zimmer um Zimmer, umkreisten die Erzählungen »ein zentrales Thema des Autors, das lebenslange Drama der Adoleszenz«. Ach, so schlimm, das mit dem Erwachsenwerden?

Und sonst? »Würde man auf jeder Schwelle lauschen, hätte man vor dem ersten Flur den Eindruck, dass dort junge Leute zugange sind, und vor dem vierten, dass hier welche wohnen, die ein Lied von der Lädiertheit singen können«, meint Jakobs. Dazwischen liegen »das Quartier der Vorfreude, die keine Ankunft verträgt, und die Männerstation«. Am Schluss stehe der Blick in einen frostigen Januar, damals 2009. »Oder doch die Wärme, die zwei füreinander aufbringen. Jedenfalls das Leuchten eines Innenraums.«

Jakobs macht bis heute keinen Hehl daraus, dass der Brotberuf eben ein solcher sei: »Irgendetwas musste ich ja machen.« Aber nicht zu viel davon, damit für die Passion genügend Zeit bleibt. »Nicht dass man täglich Allergien entwickelt. Bloß nicht Gefangener des eigenen Erfolges werden.«

Seine Lebensschule, in »Kommen und Gehen« blitzt sie auf, das waren die Aufenthalte beim Künstler- und Bildhauersymposion in Weißenseifen. Nicht nur, weil er dort seine aus dem Gießener Land stammende Frau Jutta Gottwals traf, die es als Mainzer Studentin und angehende Kunstlehrerin auf die Waldlichtung bei Bitburg und Prüm gezogen hatte. Was auf der Lichtung stattfand, genoss bei der konservativen Bevölkerung in den Dörfern ringsum – zumindest in den Jahren seiner, Jakobs’, Jugend – einen eher zweifelhaften Ruf. Sinngemäß hieß es bei den Altvorderen, dort aalten sich die Langhaarigen, tanzten mit ihren Frauen nackt ums Feuer, frönten der freien Liebe und dem unentwegten Genuss berauschender Mittel. Zugegeben, so räumt er gut drei Jahrzehnte später ein: Manche der Zuschreibungen seien nicht weit entfernt gewesen von der Realität.

Die kommunardesken Künstlertreffen waren genau die rechte Götterspeise fürs nicht altern wollende Jünglein aus Schönecken bei Prüm: »Da lebst du ahnungslos hinterm Wald und erfährst auf einmal, dass es ganz in der Nähe etwas gibt, zumal im Überfluss, was man braucht, um sich an Kunst und Literatur zu laben.«

Helden mit ganz eigener Würde

Wer sich in einem solchen Biotop wohlfühlt, muss immer wieder Zweifel haben beim Blick auf das, was man wirkliche Welt nennt. Der alte Bildhauer Albrecht Klauer-Simonis habe es ihm beigebracht, betont Jakobs: Das »eigene Ding« machen und nicht auf Einträglichkeit achten. Das habe er gelernt, das sei ihm Richtschnur geblieben: »Regionalkrimis schreibe ich nicht!«

So betrachtet, ist Jakobs’ »Kommen und Gehen« intelligent verfasste, gleichwohl leicht zu genießende Kost. Des Gonterskircheners Helden – darunter der gute, alte Kopp – kommen, so heißt es im Klappentext, ohne triumphale Geste daher. Sie erlangten ihre ganz eigene Würde durch die Unbeugsamkeit, mit der sie dem trotzigen Eigensinn ihrer Figuren die Treue bewahrten.

Das klingt vollends autobiografisch – und ist es wohl auch. Seep Jakobs sagt, er beschreibe »am liebsten, was mir vertraut ist, was ich kenne«. Und das ist eine ganze Menge, schließt zudem – es sei erwähnt – den Hochschulverwaltungsbetrieb nicht aus.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Albrecht Klauer-Simonis
  • Brötchen
  • Bücher
  • Erzählungen
  • Journalisten
  • Verleger
  • Norbert Schmidt
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos