08. Dezember 2017, 10:21 Uhr

Völkermord

Türkei will Mahnmal in Pohlheim verhindern

Ein geplantes Mahnmal in Pohlheim für die Opfer des Völkermords 1915 im Osmanischen Reich schlägt hohe Wellen. Nun hat sich der türkische Staat eingeschaltet.
08. Dezember 2017, 10:21 Uhr
Kerzenlichter bilden Anfang November in Watzenborn-Steinberg die Jahreszahl 1915 – in Erinnerung an den Genozid im Osmanischen Reich vor rund 100 Jahren. Gegen den einstimmigen Beschluss des Pohlheimer Stadtparlaments für ein Mahnmal protestiert nun das türkische Generalkonsulat. (Foto: srs)

Es wäre bundesweit das erste Denkmal dieser Art auf öffentlichem Boden: In Pohlheim soll ein Mahnmal an den Völkermord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern und Angehörigen anderer christlicher Minderheiten zwischen 1915 und 1917 im Osmanischen Reich erinnern. Gegen den Beschluss des Pohlheimer Stadtparlaments für das Mahnmal wendet sich nun aber der türkische Staat.

Das geplante Mahnmal ist für die in Ihrer Stadt und in ganz Deutschland lebende türkische Bevölkerung zutiefst verletzend

Generalkonsul Burak Kararti

Das türkische Generalkonsulat in Frankfurt hat ein Schreiben an die Stadtverordnetenvorsteherin Pohlheims geschickt. Unmissverständlich hält Generalkonsul Burak Kararti darin fest: Im Namen der türkischen Gemeinde erwarte er, »dass Sie gemeinsam mit den Vertretern des Stadtparlaments diese Entscheidung überdenken und von dem Fortschreiten dieses Vorhabens abgesehen wird«.

Die Begründung des Konsuls: Das geplante Mahnmal sei »für die in Ihrer Stadt und in ganz Deutschland lebende türkische Bevölkerung zutiefst verletzend«. Das Vorhaben diene »keineswegs dem Frieden und der Versöhnung zwischen den Gesellschaften.«

Bürgermeister: Werden an Beschluss nicht rütteln

Bürgermeister Udo Schöffmann erklärte gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung, an dem Beschluss werde nicht gerüttelt. An Diskussionen mit der Türkei wolle er sich nicht beteiligen.

Das Stadtparlament hatte das Vorhaben für das Mahnmal Anfang November einstimmig beschlossen. Jubel brach damals während der Sitzung aus. 200 Besucher hielten Schilder mit der Aufschrift »Danke« in die Höhe. Im Landkreis Gießen leben mehr als 1000 aramäische, assyrische und chaldäische Familien, der überwiegende Teil von ihnen wohnt in Pohlheim.

In seinem Schreiben zitiert der türkische Generalkonsul aus dem Bericht der Gießener Allgemeinen Zeitung über den Beschluss für das Denkmal. Pohlheimer Stadtverordnete der CDU und der SPD hatten damals betont, das Mahnmal sei »ein Signal für die Unterstützung der Integrationsarbeit« und eine Einladung zur Versöhnungsarbeit«. Kararti widerspricht: »Ganz im Gegenteil«, schreibt er. »Es ist offensichtlich, dass so ein Mahnmal die umliegend lebende türkische Gemeinde beleidigen wird und große Reaktionen hervorrufen wird.« Der Begriff des Völkermords, so warnt er außerdem, dürfe nicht »einfach wahllos« verwendet werden – und schon gar nicht ohne Urteil eines zuständigen Gerichts. Der Generalkonsul fordert Pohlheim auf, dass eine Kommune nicht für Unfrieden sorgen dürfe, sondern »Menschen zusammenbringen« müsse.

Mit Protest gerechnet

Anfang November hatte der SPD-Abgeordnete Prof. Ernst-Ulrich Huster im Rahmen des Beschlusses für das Denkmal betont: »Sollte sich gegen das Mahnmal Widerstand regen, erwarten wir, dass die Stadt zusammensteht.« So ist auch zu erwarten, dass bei der Stadtverordnetenversammlung kommende Woche die Abgeordneten das Schreiben des türkischen Generalkonsulats zur Kenntnis nehmen – und daraufhin ihr Vorhaben für das Mahnmal untermauern. »Sollte es zur Sprache kommen, werde ich vorschlagen, das Schreiben an das Außenministerium in Berlin zu schicken, dann soll man sich dort damit befassen«, sagt Huster.

Man habe mit Protest gerechnet, erklärt der SPD-Abgeordnete Isray Budak. Er nehme es aber als übertrieben wahr, wenn der türkische Staat sich in kommunale Belange einmische. Ziel des Mahnmals sei »ein Ort der Versöhnung und der Erinnerung« für die Nachkommen der Opfer, die im Kreis wohnen. Zwischen 1915 und 1917 wurden die Armenier, das älteste christliche Volk, fast vollständig vernichtet. 1,5 Millionen Menschen fielen dem Genozid im Osmanischen Reich zum Opfer. Der Bundestag erklärte in einer Resolution im Juni vergangenen Jahres die Verbrechen zum Völkermord und hob eine Mitschuld des Deutschen Reiches hervor. Die türkische Regierung lehnt den Begriff Völkermord ab und spricht von Massakern.

Info

Errichtung an zentraler Stelle

Das Denkmal für die Opfer des Genozids vor 100 Jahren im Osmanischen Reich soll an zentraler Stelle in Pohlheim errichtet werden. Ein Beirat für die Ausgestaltung des Mahnmals gründet sich Anfang nächsten Jahres. Die Kosten sollen nicht aus der Stadtkasse aufgebracht werden, sondern insbesondere durch Spenden. Ein ähnliches Denkmal ist übrigens in Köln geplant, wo mit 5000 Mitgliedern die größte armenische Gemeinde in Deutschland lebt. Nach kritischen Stimmen türkischer Vereinigungen und von Moschee-Gemeinden ruht das Projekt allerdings seit mehreren Monaten.

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