19. Mai 2018, 18:50 Uhr

Milchpreise

Trübe Aussichten für Milchbauern im Kreis

Nach einem kleinen Anstieg 2016 sinken die Milchpreise wieder. Auch für Landwirte im Kreis Gießen ist die Lage schwierig. Ein kleiner Lichtblick: Mit Butter lässt sich wieder etwas mehr verdienen.
19. Mai 2018, 18:50 Uhr
Derzeit erhalten die Bauern im Schnitt 31,5 Cent pro Liter Milch. (Symbolfoto: pad)

Wirklich überraschend kam diese Nachricht nicht: Die Milch im Supermarkt ist wieder billiger geworden. Aldi Süd und Nord haben die Preise für Frisch- und H-Milch seit 1. Mai von 78 auf 69 Cent je Liter Vollmilch gesenkt. Andere Ketten haben nachgezogen.

Was viele Verbraucher freuen mag, ist für Landwirte unerfreulich. Heiko Hofmann, Milchbauer in Langd, hat kürzlich die Abrechnung für April gemacht. Er kommt auf 30 Cent je Liter, »ab Mai rechne ich mit Abschlägen von etwa zwei Cent«. Was bleibt, das sei bei Weitem zu wenig, um gut über die Runden zu kommen. »Um sich überhaupt mit anderen Branchen messen zu können, bräuchten wir 40 Cent.«

 

Langfristige Planung schwierig

Der Hessen-Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter stellt eine ähnliche Prognose: Derzeit liege der Preis, den Bauern durchschnittlich je Liter bekommen, bei etwa 31,5 Cent, sagt Dieter Müller. Er rechnet damit, dass die Molkereien ihren Milchlieferanten in den kommenden Monaten nicht mehr als rund 29 Cent zahlen werden.

Einzelhandel und Molkereien vereinbarten Preise halbjährlich, jeweils ab Mai und November. Die Molkereien, so Müller, legten sich aber selten über einen Monat hinaus fest, was sie Bauern für die Milch zahlen. Das hänge von der Gesamtmenge auf dem Markt ab. Die Planung der Milchviehhalter wird dadurch umso schwieriger.

»Im Frühjahr kommt mehr Milch auf den Markt«, sagt Hofmann. Das drückt den Preis. Die Abschaffung der Milchquote, also festgelegter Produktionsmengen für EU-Staaten vor drei Jahren, habe die Lage verschärft.

 

Kritik an Milchquoten-Aus

»Es ist das eingetreten, was ich befürchtet habe«, erklärt der studierte Agraringenieur: »Ein übervoller Markt.« Er selbst habe nach dem Quoten-Aus von 270 auf 300 Tiere aufgestockt, will nun aber wieder reduzieren, damit er nicht auf seiner Milch sitzen bleibt.

Zwar, so Hofmann, werde die Hälfte der in Hessen getrunkenen Milch importiert, aber insgesamt herrsche ein Überangebot. »Wir kriegen seit zehn Jahren gesagt: Ihr müsst für den Weltmarkt produzieren.« Doch die Überproduktion helfe weder hiesigen Produzenten noch jenen auf anderen Kontinenten: Aufgrund der Schwemme aus Europa könnten sich etwa Kleinbauern in Afrika kaum behaupten.

Auch Verbandsfunktionär Müller hält die Abschaffung der Quote für einen Fehler. »Sie hätte reformiert werden müssen, um flexibel reagieren zu können.«

 

Milchmädchenrechnung?

Welche Stellschrauben bleiben Milchvieh-Höfen, um nicht unterzugehen? »Man versucht, die Leistung der Tiere weiter mit Futter zu steigern«, erklärt Landesverbandschef Müller. Das mag aus betriebswirtschaftlicher Sicht einleuchten: Je mehr Milch sich einer Kuh absaugen lässt, desto geringer ist der Produktionsaufwand je Liter. Doch dieser Ansatz läuft Gefahr, zur Milchmädchenrechnung zu werden: Die »Nutzungsdauer« von Milchkühen sei massiv zurückgegangen, so Müller.

Inzwischen gäben Kühe im Schnitt insgesamt 25 Monate lang Milch, jeweils nach dem Kalben. »Sie geben zwar mehr Milch, viele sind aber nach wenigen Jahren krank und müssen geschlachtet werden.« Die angespannte Situation scheint sich auch am untersten Ende der Kette auszuwirken. Müller: »Eine Art ›Burnout‹ gibt es auch bei Kühen«, mitunter blieben Trächtigkeiten aus.

 

Butterpreis gestiegen

Hofmann sieht das etwas anders: Seit einigen Jahren züchte man »wieder stärker auf Langlebigkeit«. Auch er setzt darauf. Die Möglichkeiten, weiter einzusparen und noch effektiver zu wirtschaften, seien jedenfalls ausgereizt. Doch wo ließe sich ansetzen, damit sich der Milchmarkt abkühlt? »Die Menge der Nachfrage anzupassen, wäre wohl die einzige Möglichkeit«, sagt Hofmann.

Ohne die höheren Butterpreise wäre die Lage der Bauern noch schlimmer

Dieter Müller, Landesvorsitzender des Milchviehhalter-Verbands

Während Milch wieder billiger wird, steigt der Preis für Butter und andere fetthaltige Milchprodukte. »Ohne die höheren Butterpreise wäre die Lage der Bauern noch schlimmer«, erläutert Müller. Doch woher rührt dieser gegenläufige Trend? »Die These, dass Butter nicht gesund ist, scheint widerlegt«, sagt der Landesverbandschef.

 

Verbraucher haben Einfluss

Butter und Käse mit hohem Fettgehalt seien seit etwa anderthalb Jahren stärker gefragt, daher stiegen auch die Preise. Hofmann bestätigt Müllers These: »Es gibt ein Umdenken in der Ernährung. Inzwischen werden wieder mehr fetthaltige Produkte gesucht.«

Mit der Nachfrage steigt der Preis, und damit auch der Ertrag. Verbraucher haben also einen Einfluss darauf, was bei den Bauern am Ende ankommt. Doch was das Kaufverhalten in Sachen Milch betrifft, ist Hofmann wenig optimistisch: »Die Leute sagen zwar, sie würden auch mehr für Milch bezahlen, aber das passiert nicht. Da ist kein Umdenken in Sicht.«

Info

Milchkühe im Kreis Gießen

Laut statistischem Landesamt wurden im November 2017 im Kreis Gießen 3631 Milchkühe gehalten, 2012 waren es noch 4122. Die Zahl der Milchviehhöfe im Kreis lag im November 2017 bei 68.Bundesweit nimmt die Zahl der Betriebe ab, während die Größe der Herden steigt. Experten führen das auch auf die Abschaffung der Milchquote zurück, da sich größere Höfe besser behaupten könnten.

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