14. Juli 2017, 23:03 Uhr

Bauern klagen an

Trübe Aussichten Triste Aussicht für regionale Landwirtschaft

Der Kreisbauernverband verzeifelt an den Verordnungen der Politik. Dabei steht die Zukunft der regionalen Landwirte auf dem Spiel. Wir erklären die Hintergründe des Konflikts.
14. Juli 2017, 23:03 Uhr
Wie wollen wir in Zukunft mit unser Landwirtschaft umgehen? (Foto: esa)

Pünktlich zu Beginn des Erntegesprächs auf dem Sternhof von Peter Blecher in Hüttenberg verdecken Wolken die Sonnenstrahlen. Es ist ein Sinnbild für das, was der Kreisbauernverband Gießen/Wetzlar/Dill in der kommende Stunde präsentiert.

Die Zahlen waren schnell abgearbeitet. Im Jahr 2016 wurden nur noch 400 Betriebe mit Viehhaltung gezählt, berichtet Geschäftsführer Hans-Martin Sames, bei der letzten statistischen Erhebung im Jahr 2007 waren es noch 592. Die Anzahl der Schweine im Landkreis ging auf 15 234 Tiere zurück, 3632 weniger als 2007. Auch die reinen Ackerbaubetriebe mussten seit 2007 einen Rückgang von 293 auf 252 Hofreiten verkraften. Kühe findet man im Landkreis nur noch auf 62 Höfen, acht weniger als im Vorjahr. Trend steigend.

Durchschnittliche Erwartungen

Der bisherige Ertrag auf den Feldern wird unisono als »durchschnittlich« bezeichnet. Bei Prognosen zeigt man sich vorsichtig, erwartet aber eine ähnliche Ernte wie im Vorjahr. Das niedrige Grundwasser sorge mancherorts im Landkreis für schmale Erträge. Bislang am schlimmsten in diesem Jahr hat es aber die Obstbauern durch die späten Nachtfröste getroffen. Von »Totalausfällen« ist da mitunter die Rede. Christoph Blecher, beim Vater angestellt, beziffert die Einbußen auf bis zu 85 Prozent. Am Wetter könne man nichts ändern, heißt es.

Das komplette Gegenteil ist der Fall, als sich die Landwirte die Politik zur Brust nehmen. »Da sind keine Leute mit Ahnung am Werk. Teilweise fühlen wir uns verarscht« schimpft Blecher senior. Manfred Paul, Vorsitzender des Bauernverbands, schlägt in die gleiche Kerbe: »Wir machen seit über 300 Jahren Landwirtschaft. Wir wissen schon, was wir tun«, ärgert er sich über »völlig praxisferne Vorschriften der EU«, die von Portugal über Bulgarien bis Finnland reicht, »dabei ist es schon im Nachbardorf eine ganz andere Situation«. Eigentlich müsse man Bürokratie abbauen, aber es werde immer mehr, empört er sich. »Es gibt keine Planungssicherheit mehr, und das tut den Betrieben richtig weh.« Ab Januar 2018 nimmt eine neue Düngeordnung Einfluss auf die Weizen-Qualität, in Dänemark sei man mit der gleichen Verordnung schon lange zurück gerudert, erzählt Paul. Und dies sei nur ein Beispiel.

Es gibt zwar auch positive Nachrichten, doch diese werden immer mit bürokratischem Ärger garniert. Beispielsweise beim Thema Artenvielfalt. Wie Sames berichtet, habe man in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Imkerverband Blühflächen angelegt, allein im Kreisgebiet seien 35 Prozent des in Hessen zur Verfügung gestellten Saatguts ausgebracht. Weicht man dabei nur minimal von den Vorschriften ab, gibt es Sanktionen statt Prämien.

In der Wieseck erklärten sich Landwirte bereit, mit dem Schnitt zu warten, bis der Wachtelkönig ausgebrütet hat. Die Folge: Qualitätsverlust beim Futter für die Kühe. Und schon wieder platzt eine Hutschnur: »Das Land Hessen ist ein schlechter Vertragspartner«, wettert Sames. Hintergrund: Landwirte schließen auf freiwilliger Basis einen Vertrag mit dem Land, wonach sie sich zum Artenschutz verpflichten. Das geht durch verschiedene Maßnahmen, die aber immer mit Nachteilen für den Landwirt verbunden sind. Für den Ausgleich zahlt das Land eine Prämie. Doch die Auszahlung dauerte teilweise bis zu einem Dreivierteljahr, erzählt Sames. Erst ein Sonderprogramm des Kreises übernahm einen Teil der Entschädigung. »Die Landwirte bringen die Vorleistung und warten dann auf die Ausgleichszahlung. Das wird in Zukunft kaum noch einer machen«, ist er sich sicher.

Nachfolger bleiben fern

Kritik gegenüber den Landwirten, einen großen Teil an der verschwindenden Vielfalt der Tierwelt zu tragen, kontert Paul: »Wir hatten zwei trockene und kalte Frühjahre, also keine Insekten, ergo kein Futter für die Schwalben. Es kann nicht sein, dass wir daran Schuld sein sollen.«

Beim Stichwort Schwalben meldet sich Blecher senior wieder zu Wort: Einmal habe das Veterinäramt bei einer Kontrolle ein Schwalbennest im Stall entdeckt. Die gehören nicht in den Stall, hieß es. »Die Folge ist, dass sich Maden bilden, das Futter verunreinigen und ich chemische Mittel einsetzen muss«, klagt er. Für ihn bedeutet das in der Summe weniger Gewinn. Der Betrieb muss unterhalten und die Familie ernährt werden – und dann soll noch ein bisschen was übrig bleiben. Nur das wird uns im Moment sehr schwer gemacht«, ärgert sich Paul. Auf Kosten der großen Industrie? So recht bejahen will diese Frage keiner. Zwischen den Zeilen weiß wohl jeder, woher der Wind weht.

Und wie lange geht das mit der regionalen Landwirtschaft noch gut? Kurze Stille, dann ergreift der Hausherr das Wort: »Ich muss noch neun Jahre machen, dann weiß ich es nicht«, sagt Blecher senior resignierend und schaut seinen Sohn fast mitleidig an. »Wohin die Reise geht, wissen wir nicht«, pflichtet ihm Paul bei. »Der Umbruch, dass die nachfolgenden Generationen sich das nicht mehr antun, ist schon in vollem Gange.« In zehn Jahren, so heißt es, könnte schon alles vorbei sein.

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