26. November 2018, 21:33 Uhr

Trost in Zeiten der Trauer

26. November 2018, 21:33 Uhr
Kantor Christof Becker (M.) mit der Marienstiftskantorei und der Kammerphilharmonie Bad Nauheim. (Foto: dw)

Am Sonntag widmete sich Marienstiftskantor Christof Becker diesem anspruchsvollen Werk mit der Marienstiftskantorei und der Kammerphilharmonie Bad Nauheim. Ein eindrucksvoller Beweis aller Beteiligten, warum das Requiem nicht nur Clara Schuhmann beeindruckte, sondern zu den populärsten des Komponisten gehört.

Trauer liegt in der Luft. In der restlos gefüllten Marienstiftskirche entfalten sich unter den steinernen Säulen die vielschichtigen Melodieeinsätze. Der Totensonntag ist ein Gedenktag für die Verstorbenen, das »Deutsche Requiem« eine adäquate Wahl. Doch ein an der katholischen Liturgie der Totenmesse orientiertes Werk ist es nicht. Denn der vom evangelisch-lutherischen Glauben geprägte Brahms stellt der Trauer biblische Worte des Neuen und Alten Testaments und ergreifende Klangwelten tröstend entgegen.

In Anlage und Besetzung gab Brahms seinem Requiem einen oratorischen Rahmen. In tiefen Klangfarben macht das Orchester die Trauer greifbar, die der Chor leise und sanft aufgreift. Vielstimmig und in feinen Nuancen treten Chor, Orchester und Solisten unter der Leitung von Christof Becker in einen Dialog. Mit tiefen, wuchtigen Bässen und dramatischen Akkorden entspannt sich im zweiten Akt ein Trauermarsch. Wie Paukenschläge legt sich die beklemmende Erkenntnis der Endlichkeit allen irdischen Lebens schwer auf die Seele: »Aber des Herren Wort bleibt in Ewigkeit.« In energischen Klängen stellt sich der Chor dem Schmerz und Seufzen entgegen. Mit großer Intensität und stimmlicher Präzision greift Florian Plock (Bariton) die Verzweiflung auf, um die entscheidende Frage zu stellen: »Nun Herr, wes soll ich mich trösten?«. Aus der Tiefe baut der Chor in fugierenden Klängen gewaltig und strahlend die Antwort auf: »Ich hoffe auf dich.«

Wie ein Blick ins Paradies

Lieblich und schön ist nun die Klangfarbe im vierten Satz, wie ein Blick ins Paradies. Wie eine ruhende Insel breiten sich die hoffnungsvollen Melodien aus. Zu einem dialogischen Klingen kommt es im fünften Satz, in dem der Chor das »Ihr habt nun Traurigkeit« mit einem »Ich will euch trösten« beantwortet. Zärtlich wie mütterlicher Trost entfaltet sich der fünfte Satz, den Brahms erst nachträglich in sein Werk einfügte. In ihrer Arie verleiht Sopranistin Helena Günther den tröstenden Worten mit kraftvoller Stimme und ergreifender Klarheit überzeugend Ausdruck. Der Widerstreit zwischen Trauer und Trost kumuliert im sechsten Satz. Im dramatischen Höhepunkt des Werkes führt Christof Becker seine Musiker noch einmal zu Höchstleistungen zusammen. Die über allem stehende Botschaft, dass Leid und Trauer im Glauben Überwindung finden, dringt in jeden Winkel des Kirchenschiffs.

So schließt Brahms den Bogen im letzten seines – in zehn Jahren Arbeit entstandenen – sieben Sätze umfassenden Werkes. Die Gewissheit der Unsterblichkeit der menschlichen Seele findet noch einmal in einem riesigen instrumentalen Klangkörper zusammen. Mit großer Ruhe führt Becker zielstrebig durch das Werk. Sicher verbindet er die solistischen Elemente mit den Chorstimmen und dem tiefen Orchesterklang. Die große Präsenz der Marienstiftskantorei, die stimmliche Transparenz der Solisten und die hohe Präzision des musikalischen Ausdrucks der Kammerphilharmonie verschmelzen so zu einem ergreifenden Klangkörper.

In den symphonischen Variationen über den Choral »Wer nun den lieben Gott lässt walten« von Georg Schuhmann haben die Kammermusiker ihr Können bereits zu Beginn unter Beweis gestellt und eindrucksvoll auf das Brahms’sche »Requiem« eingestimmt. Minutenlanger Applaus und stehende Ovationen zollen der herausragenden Leistung aller Beteiligten ein verdientes Lob, das noch lange tröstend nachklingt.

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