06. April 2018, 21:33 Uhr

Die Kinokritik

»Transit« setzt gezielte Irritationsmomente

Die Inszenierung hat experimentelle Züge. Dennoch ein starker Film, findet unser Kinokritiker Sascha Jouini.
06. April 2018, 21:33 Uhr

Besonders interessant an dieser Verfilmung von Anna Seghers’ gleichnamigem Roman scheint, in welch hohem Maße Regisseur Christian Petzold gezielte Irritationsmomente einsetzt. So stiftet Verwirrung, dass man den Ich-Erzähler (Matthias Brandt) erst zum Schluss sieht. Der ganzen Inszenierung haften experimentelle Züge an, lässt sich die Handlung doch auf unterschiedliche Weise deuten.

Vordergründig geht es um den Handwerker Georg (Franz Rogowski), der Anfang der 1940er Jahre im von deutschen Truppen besetzten Paris nach Marseille flieht mit dem Ziel, nach Mexiko auszuwandern. Dabei verwendet er die Ausreisepapiere des Schriftstellers Weidel, der sich kurz zuvor in einem Hotel umgebracht hat. In der Hafenstadt begegnet er Weidels Frau Marie (Paula Beer), verheimlicht ihr indes das Schicksal ihres Mannes.

Der Clou: Die Geschichte ereignet sich in der heutigen Umgebung. Daraus entwickelt der Regisseur ein raffiniertes Spiel mit Doppeldeutigkeiten. Einerseits lässt sich die Handlung romangetreu auffassen als Flüchtlingsporträt in der nationalsozialistischen Zeit. Zugleich indes lassen sich die Ereignisse auch auf die Gegenwart beziehen, könnte es sich bei den Figuren ebenso um Flüchtlinge von heute handeln.

Ohne die Gräueltaten des Hitler-Regimes zu verharmlosen gelingt es Petzold, dem Zuschauer eklatante Parallelen vor Augen zu führen: Ähnlich den Vertriebenen im Zweiten Weltkrieg, die befürchteten, interniert zu werden und die alternativlos ihre bisherige Existenz aufgeben mussten, leben die Flüchtlinge der Jetztzeit in unsicheren Verhältnissen. Der verletzte Gefährte Heinz, mit dem Georg im Zug gen Süden flieht, stirbt gar auf der Fahrt. In Marseille lernt er dessen taubstumme Frau Melissa (Maryam Zarée) und Sohn Driss kennen.

Am Beispiel der aus dem Maghreb stammenden Frau beleuchtet Petzold die Problematik illegaler Einwanderer in Frankreich, denen eine würdige Existenz verwehrt bleibt. Als Driss einen Asthmaanfall erleidet, kann Melissa mit ihm nicht einfach ins Krankenhaus gehen, muss sie doch damit rechnen, abgeschoben zu werden. Die Omnipräsenz der Ordnungshüter unterstreicht noch, in welch heikler Situation sich die Nordafrikaner befinden.

Auch Georg droht ständig verraten zu werden. Schamlos nutzt die Betreiberin des Hotels, in dem er Unterschlupf sucht, seine Lage aus. Der junge Mann verliebt sich in Maria. Die wirkt hin- und hergerissen zwischen ihm und dem Arzt Richard, der ebenfalls nach Mexiko emigrieren will. Zudem denkt sie an Weidel zurück, hofft auf ein Wiedersehen und kann sich deshalb zunächst nicht durchringen zu fliehen.

Die komplexen Beziehungen beleuchtet der Regisseur sehr feinfühlig. Aus dem starken Ensemble ragt Franz Rogowski als Hauptfigur heraus. Mit untrüglichem Instinkt vermittelt er, in welchem Dilemma sich Georg befindet zwischen nacktem Überlebenswillen, selbstloser Liebe und Gewissensbissen. Ähnlich gut gefällt Paula Beer als sensible Liebhaberin. Unterm Strich ein starker Film. Sascha Jouini/ (Foto: -/Piffl Medien GmbH/dpa)

Der Film läuft bis Dienstag im Kino Traumstern in Lich.

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