29. September 2017, 18:53 Uhr

Totgesagte leben länger

120 Jahre Horlofftalbahn werden am Dienstag groß gefeiert. Dabei liegt der Jubilar teilweise seit fast 15 Jahren im Koma: 2003 wurde der Zugverkehr auf dem Abschnitt zwischen Hungen und Wölfersheim-Södel eingestellt. Aber, wie sagt man so schön: Totgesagte leben länger. Kommt jetzt die Zeit des Erwachens?
29. September 2017, 18:53 Uhr

Von einem »Freudentag für einen großen Theil der Wetterau« sprach der Oberhessische Anzeiger am 2. Oktober 1897: Mit der Eröffnung der Bahnstrecken von Friedberg nach Nidda und Hungen war der Osten der hessischen Kornkammer »dem Weltverkehr näher gerückt«. Abgesehen von den Weltkriegsjahren hielt der Fortschritt, was er versprochen hatte: Die Bahn brachte die Hungener, Inheidener, Berstädter, Wölfersheimer, Beienheimer in einer bis dahin kaum für möglich gehaltenen Zeit nach Friedberg und Frankfurt. Noch in den 1950er Jahren wurde in die Horlofftalbahn investiert, die Höchstgeschwindigkeit auf 50 Stundenkilometer erhöht, ein neuer Schienenbus eingesetzt. Doch bald danach dünnte die Bundesbahn ihr Angebot auf den Nebenstrecken immer weiter aus, an den Wochenenden fuhren bald gar keine Züge mehr. 1983 fiel zum ersten Mal das Wort »Stilllegung«. 20 Jahre später wurder sie Realität.

Volle Züge in den Sechzigern

Wolfgang Macht kennt die Strecke Hungen –Frankfurt nur allzu genau. Er ist Pendler und legt den Weg seit 1990 an jedem Arbeitstag zurück. In den ersten Jahren saß er noch im roten Schienenbus, später in den modernen Triebwagen, die die Landkreise Gießen und Wetterau sowie die Anrainerkommunen Hungen und Wölfersheim mitfinanziert hatten. »Das war ja alles ganz hübsch«, erinnert sich Macht. Aber am Betriebskonzept von vorgestern habe sich nichts geändert. Und das bedeutete für die Strecke Hungen–Friedberg Fahrtzeiten von 40 Minuten und mehr, teilweise mit zweimal Umsteigen.

Nach Einschätzung des langjährigen Fraktionsvorsitzenden der Hungener Grünen hätte es seinerzeit mehr Nachdruck gebraucht, um den RMV zu Investitionen in die Strecke zu bewegen. »Von der Stadt Hungen und dem Kreis Gießen kam damals zu wenig«, sagt er. Mittlerweile ist Macht zuversichtlich, dass die Versäumnisse von damals wiedergutgemacht werden können. »Es geht nicht um Schienenromantik, sondern um handfeste Standortpolitik«, sagt er. Der Ankauf der Gleise durch die Anrainerkommunen Hungen und Wölfersheim vor gut sechs Jahren sei wichtig und richtig gewesen, um eine Entwidmung der Strecke zu verhindern. Zuletzt habe die positive Nutzen-Kosten-Untersuchung der renommierten Intraplan Consult GmbH der ganzen Sache eine enorme Eigendynamik verliehen.

Macht setzt seine Hoffnung aufs kommende Jahrzehnt. Damit vielleicht 2022 oder 2023 wieder Züge auf der Strecke zwischen Hungen und Friedberg fahren können, sei es aber unbedingt erforderlich, den Bahnhof Beienheim zu modernisieren, damit die Züge aus Richtung Nidda und Wölfersheim gekuppelt werden können und sich das Umsteigen dort erübrigt. Die Strecke sei nur attraktiv, wenn sich die Fahrtzeit von Hungen nach Frankfurt auf unter eine Stunde drücken lasse, sagt Macht.

Er selbst braucht momentan deutlich länger. Seitdem der Zug nach Södel nicht mehr verkehrt, fährt er von Hungen bis Friedberg mit dem Auto und von dort weiter mit dem Zug nach Frankfurt. Vor allem morgens steht er im Stau. »Zwei-, drei- oder viermal pro Woche«, sagt er. Dann braucht er allein für die knapp 25 Kilometer lange Strecke von Hungen zum Friedberger Bahnhof 40 Minuten oder länger.

Einer, der die besten Zeiten der Horlofftalbahn noch miterlebt hat, ist Eckhard Wolf. Als der heute 62-jährige Berstädter nach dem 4. Schuljahr aufs Gymnasium nach Hungen wechselte, waren die Züge noch brechend voll. Wolf blieb auch später der Bahn treu. Nach dem Abitur fuhr er nach Friedberg in die Lehre, später pendelte er nach Frankfurt. Und er engagierte sich für die Schiene, denn schon Mitte der 1970er war ihm und seinen Mitreisenden aufgefallen, dass die Bahn die Strecke zu vernachlässigen schien – in die Gleisanlagen und die Bahnhöfe sei kaum noch investiert worden.

Auch Wolf ist der Meinung, dass um die Jahrtausendwende in Hungen an Unterstützung für die Horlofftalbahn gemangelt habe. Die Bahnschranken mitten in der Stadt seien wohl lästig geworden in den Zeiten des stark zunehmenden Straßenverkehrs, vermutet er. So sei der Abschnitt von Beienheim nach Hungen mehr und mehr ins Visier der Ökonomen geraten. Fahrgastbefragungen der Bahn-Befürworter indes hätten ein großes Interesse am Erhalt belegt: Etwa 500 Personen stiegen Ende 2002 täglich in Hungen, Inheiden und Berstadt ein und aus, das Gros davon in Berstadt.

Bahn und Politik ließen sich jedoch nicht mehr umstimmen. Im November 2001 plädierte der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) für eine Kappung der Teilstrecke Wölfersheim – Hungen, Ende Februar 2003 empfahlen vom RMV und der Wetterauer Verkehrsgesellschaft (WVG) beauftragte Gutachter die Stilllegung der Strecke. Am 4. April 2003 fuhr der bis heute letzte Zug aus Friedberg in den Hungener Bahnhof ein. Die Strecke endet seitdem in Wölfersheim, nach Hungen fahren nur noch Busse.

Eckhard Wolf und seine Pendlerkollegen aus Berstadt hatten fortan nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Mit dem Auto können sie nach Wölfersheim oder Dorheim zum Bahnhof fahren, sie können rund um den Friedberger Bahnhof auf Parkplatzsuche gehen, oder sie fahren gleich bis nach Frankfurt (Wolf: »ein ökologisches Desaster«). Und mit dem Bus müssen sie Morgen für Morgen bangen, dass sie ihren Zug nicht verpassen. Dass der 130. Geburtstag wieder mit einem vollständig gesunden Jubilar gefeiert werden kann, hoffen deswegen nicht nur Wolfgang Macht und Eckhard Wolf. (Fotos: pad/sto)

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