18. Mai 2018, 18:00 Uhr

Ungewöhnliches Hobby

Tierische Skelette und Schädel lagern im Keller

In einem Keller in Ober-Bessingen lagern tierische Überreste, die von ihrer Besitzerin selbst präpariert wurden. Anita Lang hat eine besondere Schwäche für nicht geschützte Arten.
18. Mai 2018, 18:00 Uhr

Es riecht streng in dem kleinen Kellerraum. Nicht muffig oder faulig, eher nach Chemikalien. Durch das einzige Fenster fällt nur wenig Licht. Direkt daneben steht eine Werkbank, darauf das Skelett eines Hundes.

Anita Lang hat es präpariert. Denn Knochen sind ihre Passion. Wie ausgeprägt diese ist, zeigt sich auf der anderen Seite.

Direkt hinter der Tür befinden sich in einem großen Regal jede Menge tierische Überreste. Das meiste sind Schädel, wohl an die 1000 Stück. Dazu rund 30 Skelette. Feinsäuberlich sind sie in Folie verpackt, teils auch in Kisten. Sie sind der Grund für den auffälligen Geruch.

 

Besonderes Faible für Tiere

 

Anita Lang lebt in Ober-Bessingen und ist hauptberuflich Krankenschwester. Doch die 45-Jährige hatte immer ein besonderes Faible für Tiere.

»Schon als Teenager habe ich mich dafür interessiert, was in ihnen drin steckt«, erinnert sich die gebürtige Baden-Württembergerin. Und ob Rehschädel oder Kaninchenknochen – was in der Gemarkung so herumlag, wurde mit nach Hause genommen und genau inspiziert. Mit ihren Eltern war sie immer viel in der Natur unterwegs.

 

Knochen herausgesiebt

 

Als 16-Jährige versuchte Lang zum ersten Mal, das Skelett eines toten Tieres zu separieren.

Eine ihrer Hausmäuse steckte sie nach deren Ableben in einen Joghurt-Becher, füllte ihn mit Sand und verschloss das Ganze mit einem Deckel. Lang: »Nach einem halben Jahr habe ich ihn wieder geöffnet und versucht, die Knochen herauszusieben.«

Angesichts der winzigen Teile ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, zumindest mit Blick auf die Vollzähligkeit der Überreste.

 

Wie ein 3-D-Puzzle

 

Einmal hat Lang auch ein Stallkaninchen im Garten be- und nach sechs Monaten wieder ausgegraben, um anschließend die Knochen zusammenzusetzen. »Das ist wie ein 3-D-Puzzle, total spannend«, erklärt sie ihre Motivation.

So aufwendig und langwierig ist ihre Vorgehensweise bei der Präparation heute nicht mehr. Denn mittlerweile weiß sie aus Fachbüchern, welcher Hilfsmittel sie sich bedienen kann. Sie benutzt Speckkäfer, welche die Knochen abfressen oder spezielle, Eiweiß auflösende Enzyme. Zwei Tage dauert das.

Weitere zwei Tage kommen die tierischen Überreste in 55 Grad warmes Wasser. Lang: »Dadurch löst sich das Fleisch vollständig ab.«

 

Fixiert mit dem Gewindestab

 

Zum Entfetten gibt sie die Knochen anschließend vier Wochen in Aceton und zwecks Bleiche einen Tag in Wasserstoffperoxid. Nach einem guten Monat ist das Skelett fertig für die »Endmontage«

Die Wirbelsäule wird bei größeren Tieren mittels Gewindestab fixiert, die anderen Knochen mit dünnem Draht und Klebstoff.

Für einen Hund braucht Anita Lang etwa 30 Stunden, für eine Maus gerade mal zwei.

Pro Jahr präpariert sie etwa 20 komplette Skelette und rund 300 Schädel. Denn mittlerweile hat sie ihr Hobby zum Nebenberuf gemacht.

Über das Internet vertreibt sie seit 2011 zerlegte, ganze oder teilmontierte Exemplare.

 

Überwiegend Anschauungsmaterial

 

Gemeinsam haben sie alle eines: Es handelt sich ausschließlich um Präparate von nicht geschützten Arten.

Zu Langs Kunden zählen beispielsweise Mediziner, Physiotherapeuten, Chiropraktiker oder Osteopathen, die sich auf Tierbehandlung spezialisiert haben, außerdem Museen, Jagdverbände.

»Die Knochen dienen überwiegend als Anschauungsmaterial«, sagt sie. Aber es wenden sich auch Menschen an die Ober-Bessingerin, die ihr Haustiere präpariert haben möchten. Für Lang selbst käme das nicht in Frage. »Hühner und Kaninchen ja, aber meine Hunde werden beerdigt.«

 

Forschungsprojekt auf Grönland

 

Ihren Mann stört die etwas außergewöhnliche Leidenschaft seiner Frau nicht. Im Gegenteil.

Er ist Biologe und Jäger, also mit Tieren und ihren Überresten bestens vertraut. Kennen gelernt haben sich die beiden während einer Wanderfreizeit auf Island. »Es war Zufall, aber es hat gut gepasst«, sagt Lang.

In Nord-Ost-Grönland arbeiten sie jeden Sommer an einem Forschungsprojekt mit – beringen Vögel, zählen Nester, statten Tiere mit Sendern aus. Lebende, versteht sich.

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