25. Februar 2017, 18:00 Uhr

Jochen Schropp

»Tatort ist nicht jedermanns Sache«

Was Rosamunde-Pilcher-Filme dem Tatort voraushaben? Der in Langgöns aufgewachsene Schauspieler Jochen Schropp im Gespräch über Heimat und Stereotype.
25. Februar 2017, 18:00 Uhr
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Von Anja Schramm
Nominiert war Jochen Schropp bereits für den Deutschen Fernsehpreis, geklappt hat es mit der Auszeichnung allerdings noch nicht. (dpa)

Vier mal drei Meter misst die Couch in seiner Berliner Wohnung. Das alles zwar in L-Form, dennoch ist es ein ganz schönes Ungetüm. Ach was, sagt Jochen Schropp (38), die Couch sei »die beste Investition«, die er je getätigt habe. Etliche Stunden mit Freunden hat er darauf bereits verbracht, Serien geschaut, gequatscht, alles das eben, was er mit Wohlfühlen verbindet.

Sein »Rückzugsrefugium« nennt Schropp sein Sofa noch und auch »ein Teil Heimat«. Somit schlägt dieses Möbelstück ganz gut den Bogen zu seinem jüngsten Projekt: Am Sonntag spielt Schropp erneut bei einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung mit.
 

Herr Schropp, mal etwas ketzerisch gesagt: Der Erfolg der Pilcher-Reihe erklärt sich doch durch ein simples Rezept. Die Filme setzen der ganzen Globalisierung das Gefühl von heiler Welt, vom Ankommen oder dem Idealbild von Heimat entgegen. Gehen Sie damit d’accord?

Jochen Schropp: Ich glaube, es hat auf jeden Fall was damit zu tun, dass sich die Leute wohlfühlen wollen und insofern dann auch mit Heimat und Ankommen. Ein Tatort am Sonntagabend ist eben nicht jedermanns Sache. Bei Rosamunde Pilcher weiß man, es wird zum Schluss alles gut. Auch wenn vielleicht mal jemand auf der Strecke bleibt. Aber das Hauptpärchen findet sich am Ende immer. Insofern weiß man, was man bekommt. Man kann seelenruhig ins Bett gehen und ist auf die neue Woche vorbereitet.

Das spielt für Sie eine Rolle, seelenruhig ins Bett gehen zu können?

Schropp: Ich erzähle Ihnen eine Geschichte aus meiner Familie. Mein Vater ist vor mehreren Jahren an Krebs verstorben. Er hat Rosamunde-Pilcher-Filme immer verpönt. Aber als es ihm dann schlechter ging, hat er sich vom Tatort abgewandt. Der Tatort war zuvor seine Kirche. Sonntags war bei uns zu Hause immer Tatortabend. Aber dann, als er viel im Krankenhaus war, hat er dienstags »In aller Freundschaft« geschaut und jeden Sonntag die »Herzkinofilme«.

Können Sie das nachvollziehen?

Schropp: Ich fand das anfangs total absurd, aber ich konnte es irgendwann nachvollziehen. Er wollte sich nicht mit Dingen befassen, die ihn zusätzlich zu seinem Krankheitsbild noch mehr aufregen. Er wollte ein Stück heile Welt oder wenn sie so wollen eben auch Heimat.
 

"Heimat hatte damals etwas, wovon ich eher weg wollte"


Dann lassen Sie uns über Ihre Heimat reden. Sie sind in Langgöns aufgewachsen, sind als Schüler nach Kalifornien, haben in England studiert und wohnen seit Jahren in Berlin. Was ist für Sie Heimat?

Schropp: Für mich ist Heimat der Ort, wo ich Leute um mich herum habe, die ich mag.

Dann hat der Begriff für Sie nichts Geografisches?

Schropp: Genau, Heimat ist nichts Geografisches. Für mich hat das etwas mit Menschen zu tun. Meine Heimat ist jetzt definitiv Berlin. Und sie ist deswegen Berlin, weil ich hier einen Freundeskreis habe, den ich teilweise schon länger als zehn Jahre habe. Man sagt ja immer, wenn man in einer großen, anonymen Stadt wohnt, baut man sich seine Familie neu. Das habe ich getan, und das genieße ich sehr. Und deswegen kann ich es mir nicht vorstellen, woanders zu wohnen.

Vermissen Sie Hessen?

Schropp: Nein. Für mich ist Hessen und speziell Langgöns ein Teil meines Lebens, aber ich hänge der Vergangenheit nicht nach.

Weil sie Ihnen fremd geworden ist?

Schropp: Fremd nicht, aber mich zog es schon immer in die Großstadt. Schon als Jugendlicher. Ich bin mit 16 für ein Jahr nach Amerika. Ich hatte in Kalifornien all das, was ich mir immer erträumt hatte. Ich habe dort Theater gespielt, habe für die Schülerzeitung geschrieben. Ich konnte mich entfalten, das hat mir Kraft gegeben. Das Zurückkommen war dann wirklich hart. Deswegen hatte meine Heimat damals etwas, wovon ich eher weg wollte. Aber das lag eben nicht an Langgöns selber, sondern an den Umständen.


"Ich bin sehr direkt. Für manche ist das zu viel"


Nehmen wir an, Sie sollten einen typischen Protagonisten aus Hessen oder speziell dem Kreis Gießen spielen, welche Eigenschaften müsste er haben?

Schropp: Er müsste sehr direkt sein, teilweise auch distanzlos. Das überrascht mich immer wieder an den Hessen. Andererseits hat eine gewisse Direktheit natürlich auch etwas wahnsinnig Erfrischendes, wenn man sie von sich fernhalten kann, und es nicht persönlich nimmt. Und wenn man einen Hessen als Freund hat, dann ist er sehr verlässlich. Aber Hessen kümmern sich auch sehr gerne um anderer Leute Probleme. Mehr als um ihre eigenen. Es wird viel gequatscht. Das kann aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass ich aus einer kleinen Gemeinde komme.

Was ist dann typisch hessisch an Ihnen?

Schropp: Ich bin ebenfalls sehr direkt. Für manche ist das zu viel. Allerdings versuche ich, das nie verletzend zu machen. Ich kann Ihnen eine Geschichte vom Deutschen Filmpreis erzählen.

Bitte, erzählen Sie...

Schropp: … Ich habe mich dort neulich mit einer Schauspielkollegin getroffen. Sie hatte vorher keine Zeit mehr, zum Friseur zu gehen. Die Haare standen in alle Richtungen. Sie sah so lustig aus. Natürlich habe ich Sprüche darüber gemacht, und natürlich war das ihr wunder Punkt. Aber ich habe mich wahnsinnig darüber amüsiert. Das kann bei Leuten, die meinen Humor nicht kennen, die nicht wissen, dass das alles mit einem Augenzwinkern gemeint ist, nach hinten losgehen. Sie konnte zum Glück selber drüber lachen – und spielt absurderweise demnächst eine Friseurin!

Sie würden doch nicht jemanden, den Sie nicht kennen, so die Meinung geigen.

Schropp: Doch, warum denn nicht? Ich bin dabei doch nicht bösartig. Da ist ja der Unterschied. Ich frotzele zwar gerne. Aber wenn ich es wirklich so meinen würde, würde ich es nicht machen. Wenn ich weiß, ich tue damit jemandem weh. Aber so, das hat doch was Leichtes.


"Ich hatte vor den Vätern meiner Freunde oft Angst"


Sie haben mal den Satz gesagt: Egal, was man macht, man nimmt etwas mit. Was haben Sie aus Hessen mitgenommen, was hat Sie geprägt?

Schropp: Meine Eltern haben mich geprägt. Es waren sehr offene Menschen. Meine Eltern waren im Deutsch-Amerikanischen Freundschaftsklub. Wir hatten viele amerikanische Freunde, dadurch hatte unser Zuhause auch etwas Internationales. Vor allem aber hatten meine Eltern immer ein offenes Haus. Das hat mich sehr geprägt. Der gesellige, offene Mensch, der ich meine zu sein, der bin ich sicherlich durch meine Eltern geworden.

Typisch hessisch oder nicht?

Schropp: Doch, das ist typisch hessisch. Das mag ich sehr an den Hessen, sie sind sehr gesellige Menschen. Aber mein Vater war kein typischer Vater für die damalige Zeit.

Wie war er denn?

Schropp: Er hat meiner Mutter beim Putzen oder Kochen geholfen. Es gab bei uns nicht die klassische Aufteilung, der Mann bringt das Brot ran, und die Frau steht in der Küche. Auch wenn es Anfang der 1980er Jahre noch so Usus war. Ich hatte ehrlich gesagt vor den Vätern meiner Freunde oft Angst. Ich habe mich bei Kindergeburtstagen manchmal früher abholen lassen, weil ich dieser Vaterfigur entgehen wollte, die um fünf nach Hause kam, die Jogginghose angezogen hat, die Füße hochgelegt hat und gesagt hat, mach mir mal ein Bier auf. Da war meine Familie ganz anders. Und das hat natürlich auch mein Heimatbild geprägt.



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