25. November 2017, 18:00 Uhr

Feuerwehr

»Tagsüber ist bei 25 Prozent des Landkreises die Hilfsfrist nicht gesichert«

Den Wehren fehlt der Nachwuchs, dennoch muss überall der Brandschutz sichergestellt sein. In manchen Kommunen ist das tagsüber aber nicht mehr möglich, sagt Kreisbrandinspektor Mario Binsch.
25. November 2017, 18:00 Uhr
Vor allem bei Unfällen sind heute die Freiwilligen Feuerwehren gefordert, doch fehlt es vielerorts an Nachwuchs. Kreisbrandinspektor Mario Binsch sieht Handlungsbedarf, doch keinen Grund zur Panik. (Archivfoto: con)

Herr Binsch, braucht wirklich jedes Dorf eine Feuerwehr?

Mario Binsch: Ja, die Frage ist nur, ob sie im Dorf sein muss.

Und, muss sie das?

Binsch: Das hängt davon ab, wie weit die Orte auseinander liegen. In Staufenberg sind Mainzlar und Daubringen praktisch mit der Kernstadt verschmolzen. Von einer gemeinsamen Station aus können alle drei Ortslagen in fünf Minuten erreicht werden.

Wie viele Freiwillige Feuerwehren gibt es im Kreis Gießen, wie schnell müssen die Rettungskräfte im Notfall vor Ort sein?

Binsch: 93 – ohne die sieben Freiwilligen Feuerwehren und die Berufsfeuerwehr der Stadt Gießen. Die Hilfeleistungsfrist beträgt zehn Minuten.

Sind alle bestehenden Feuerwehrstationen nötig, um die kreisweite Einsatzbereitschaft zu sichern?

Binsch: An manchen Stellen ist es jetzt schon knapp. Tagsüber ist bei 25 Prozent des Landkreises die Hilfsfrist nicht gesichert, weil viele weiter entfernt arbeiten.

Im schlimmsten Fall könnte eine Kommune Bürger im Alter von 18 bis 50 zum Feuerwehrdienst verpflichten

Mario Binsch

Wo gilt das konkret?

Binsch: Ich möchte keine Ortsteile nennen, um niemanden in Panik zu versetzen. Wir behelfen uns damit, dass wir in solchen Fällen gleich mehrere benachbarte Feuerwehren auf einmal alarmieren. Zudem gibt es zusätzliche Maßnahmen, in Hessen etwa die Rauchmelderpflicht. Bewohner werden sehr viel früher gewarnt, können ihr Haus im Brandfall verlassen. Die Rettungsfristen in Deutschland variieren stark. Im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen sind es acht Minuten, in Mecklenburg-Vorpommern 17 – und dort gibt es auch nicht mehr Brandtote.

 

Trotzdem kann dieser Zustand ja nicht andauern. Welche Lösungsideen gibt es?

Binsch: In Hessen gibt es die Feuerwehrpflicht. Im schlimmsten Fall könnte eine Kommune Bürger im Alter von 18 bis 50 zum Feuerwehrdienst verpflichten. Das würde allerdings zu vielen Rechtsstreiten führen, wäre sehr negativ für die Motivation dieser Leute. Eine Kommune könnte auch eine Berufsfeuerwehr einrichten. Deutlich kostengünstiger wäre, dass Mitarbeiter einer kommunalen Verwaltung automatisch Mitglieder der örtlichen Feuerwehr sein sollten. Darüber wird noch nachgedacht.

Könnten nicht dicht beieinander liegende Feuerwehren – etwa Kesselbach und Londorf – zusammengelegt werden?

Binsch: Das ist ein Fettnäpfchen. Die Feuerwehren müssen es selbst wollen. Aber grundsätzlich könnte – wie in Staufenberg – ein neuer Standort so gewählt werden, dass alle bewohnten Gebiete beider Orte in fünf Minuten erreichbar wären. Das ist aber auch eine Entscheidung der Kommune.

Eine Entscheidung, die bisher am Kirchturmdenken gescheitert ist?

Binsch: Es muss – wie gesagt – von allen Seiten gewollt sein. Die Gemeinde Rabenau hat kürzlich noch Geld in die Sanierung des Feuerwehrhauses Kesselbach gesteckt. Und noch ein anderer Aspekt ist wichtig: gesehen werden. Wenn Übungen stattfinden und die Ortsfeuerwehr unterwegs ist, bekommt das jeder mit, vor allem die Kinder und die Jugendlichen. Das ist ein Vorteil bei der Generierung neuer Mitglieder. Wenn es keine Ortsfeuerwehr mehr gibt, wird es noch schwieriger, die Menschen für eine Mitarbeit zu gewinnen.

Ist es teilweise so, dass Feuerwehren in einem Ort als zuletzt verbliebener Verein eher soziale Aufgaben übernehmen und deshalb erhalten werden?

Binsch: Man muss unterscheiden zwischen dem öffentlich-rechtlichen Teil der Feuerwehr und dem Feuerwehrverein – der eine löscht Brände und rettet Menschen, der andere organisiert soziale Veranstaltungen. Und klar, diese Zusammenkünfte haben eine Bedeutung. Ein Dorf wird vom sozialen Leben getragen, wenn gar nichts mehr los ist, stirbt es aus. Gerade bei uns in der Region spielen zum Beispiel auch die Musikabteilungen der Feuerwehr eine große Rolle, wir haben mit 26 die meisten aller hessischen Landkreise.

Bei Einsätzen auf der Autobahn fragen sogar Polizisten, wer uns bezahlt

Mario Binsch

Zu welchen Anteilen werden die Feuerwehren von der Kommune, dem Landkreis und dem Land finanziert?

Binsch: Die Kommune zahlt zunächst 100 Prozent, kann aber Zuschüsse beantragen – sowohl vom Kreis als auch vom Land. Etwa 30 Prozent der Kosten für Fahrzeuge und Gebäude werden übernommen.

Wer entscheidet, welche Ausrüstungsgegenstände – etwa ein Drehleiterfahrzeug – eine Feuerwehr anschaffen muss?

Binsch: Das macht das jeweilige kommunale Parlament. Was gerade das Drehleiterfahrzeug betrifft, gibt es aber im Landkreis Gießen einen Sonderfall. Eigentlich müssten alle 18 Kommunen eines besitzen, um für Brände in mehrstöckigen Gebäuden – das gilt ab einer Rettungshöhe von acht Metern – gewappnet zu sein. Weil so ein Fahrzeug aber sehr teuer ist – rund 570 000 Euro – und die höheren Gebäude meist sowieso in den Kernorten stehen, haben wir sechs Fahrzeuge, die den ganzen Kreis abdecken: in Gießen, Heuchelheim, Buseck, Grünberg, Lich und Hungen. Ab Dezember läuft das Hungener Fahrzeug aus und wird durch eines in Pohlheim ersetzt. Mit dieser Regelung halten wir vorgeschriebene Rettungsfrist – das Drehleiterfahrzeug muss spätestens nach 20 Minuten vor Ort sein – überall ein.

Was ist teurer im Unterhalt – das Material und die Fahrzeuge oder die Gerätehäuser?

Binsch: Beides kostet sein Geld. Fahrzeuge und Geräte müssen häufiger erneuert werden. Mit einem hydraulischen Rettungsgerät, das 25 Jahre alt ist, kriegt man kein heutiges Auto mit modernem Seitenaufprallschutz geöffnet. Das Problem bei den Häusern ist, dass Fahrzeuge größer und breiter werden und die Gebäude irgendwann zu klein sind.

Weshalb machen nicht mehr so viele bei der Feuerwehr mit?

Binsch: Die Leute wollen sich nicht mehr so lange binden. Außerdem gibt es heute einen ganz anderen beruflichen Leistungsdruck. Deshalb wollen viele nach Feierabend wirklich Feierabend haben. Ich persönlich finde aber auch erschreckend, dass etliche Leute gar nicht wissen, dass bei der Freiwilligen Feuerwehr ehrenamtlich gearbeitet wird. Bei Einsätzen auf der Autobahn fragen sogar Polizisten, wer uns bezahlt.

Auch in 15 Jahren wird es noch Ortswehren geben

Mario Binsch

Was wollen Sie tun, um doch noch neue Mitstreiter zu finden?

Binsch: Wir müssen noch mehr Werbung machen. Aber wir müssen auch die Ausbildung verändern, etwa über E-Learning nachdenken. Womöglich müssen auch Lehrgänge verkürzt werden. Doch führt das dazu, dass die Leute dann weniger können, die Zahl der Universalisten wird abnehmen. Und wir werden die Führungskompetenz weiter schulen, weil es in der heutigen Gesellschaft ja den Trend gibt, alles zu diskutieren.

Und das funktioniert bei einem Feuerwehreinsatz nicht?

Binsch: Bei Gefahr im Verzug müssen Anweisungen befolgt werden – ohne Diskussion. Vor allem kann es aber nicht sein, dass die Wehrführer bis zu 70 Prozent ihrer Arbeit mit Verwaltungsaufgaben verbringen müssen, anstatt an Übungen oder Schulungen der Kameraden teilzunehmen. Hier arbeiten wir bereits an Konzepten, dass Mitarbeiter der Kreisverwaltung diese Aufgaben übernehmen.

Wie sieht die Freiwillige Feuerwehr in 15 Jahren aus?

Binsch: Es werden weniger werden, mit weniger Feuerwehrleuten, aber es wird noch Ortswehren geben. In der Not rückt man zusammen. Wichtig ist, dass mehrere Prozesse – etwa die Gerätewartung – gebündelt werden. Ein Schritt in diese Richtung ist das neue Gefahrenabwehrzentrum in Gießen, das ab 2018 gebaut werden soll.

Mario Binsch

Der erste Feuerwehrmann im Kreis

Mario Binsch (48) ist in Staufenberg geboren. Seit 1981 ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. 1986 wechselte er von der Jugend- in die Einsatzabteilung seines Heimatortes. Drei Jahre später ging Binsch zur Berufsfeuerwehr nach Gießen. Nach der Prüfung für den gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst wurde er 2010 zum Kreisbrandinspektor ernannt. Seit 2012 ist er zudem Fachdienstleiter für den Bereich Gefahrenabwehr. Zuletzt legte Binsch die Prüfung zum höheren feuerwehrtechnischen Dienst ab. Binsch lebt mit seiner Familie in Reiskirchen.

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