06. April 2017, 22:12 Uhr

Urteil

Student muss nach Axtattacke in Psychiatrie

Ein schizophrener Student, der einen Mann mit einer Axt angriff, wird in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Das Gericht vermisst bei ihm Krankheitseinsicht.
06. April 2017, 22:12 Uhr
Weil das Gericht den psychisch kranken Beschuldigten für gefährlich hält, klicken auch nach dem Urteil die Handschellen. (Foto: sha)

Der junge Mann mit Brille und Zopf »wirkt vernünftig«. Man kann sich mit ihm »sehr gut unterhalten«. Und dumm ist er auch nicht, bestand sein Fachabitur mit der Note »gut«. Und trotzdem ist er äußerst gefährlich. Zumindest, wenn er seine Medikamente nicht nimmt. Dann wird der an Schizophrenie leidende 25-Jährige völlig unberechenbar. Im April vergangenen Jahres ging er nahe Odenhausen mit einer Axt auf einen Fahrradfahrer los und versuchte später, ein 13-jähriges Mädchen zu vergewaltigen. Damit so etwas nicht mehr passieren kann, entschieden die Richter der Ersten Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts am Donnerstag, dass der frühere Philosophie-Student in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wird. Eine medizinische Gutachterin hatte betont, dass der Beschuldigte auch ohne die zuvor konsumierten Drogen unter Wahnvorstellungen leide. Die Krankheit werde ihn sein Leben lang begleiten, unterstrich die Ärztin. Aus diesem Grund müsse sichergestellt sein, dass der junge Mann die notwendigen Medikamente auch tatsächlich nehme. Denn obwohl er nach den Attacken in Odenhausen bereits in einer Klinik eingeliefert worden war, habe der Beschuldigte noch nicht akzeptiert, dass er krank sei. Die Schizophrenie habe sich dauerhaft ausgeprägt und ohne Medikamente seien weitere schwere Straftaten von dem 25-Jährigen zu befürchten.

Verteidigerin Gabriele Steck-Bromme bezweifelte, dass ihr Mandant tatsächlich »überdauernd« an Schizophrenie leidet. Sie hatte der Medizinerin vorgeworfen, einseitig gearbeitet zu haben. Die Psychiaterin habe aus Protokollen bewusst für den Beschuldigten negative Beurteilungen herausgesucht und die positiven weggelassen. Deshalb beantragte Steck-Bromme, die Kammer müsse ein neues Gutachten beantragen. Das lehnte das Gericht jedoch ab.

Richter Prof. Patrick Gödicke nahm das Kopfschütteln der in der ersten Zuschauerreihe sitzenden Eltern auf: Es sei »sehr, sehr schwierig«, eine solche Diagnose zu ertragen.

Krankheit nicht akzeptiert

Vor allem, wenn sie endgültig sei und das ganze Leben dominieren werde. Sich dagegen zu wehren, sei »menschlich«. Zumal sich Eltern – auch wenn es in so einem Fall irrational sei – immer Vorwürfe machten. Auch die Richter der Kammer hätten sich mit dem Beschuldigten »so gut wie selten in einem Verfahren« unterhalten. Trotzdem zähle allein die Gefährlichkeitsprognose. Und da habe die ärztliche Gutachterin klar geäußert, dass bei dem 25-Jährigen »nicht in allen Situationen eine verlässliche Krankheitseinsicht« vorliege. Bereits 2015 war der Beschuldigte vorübergehend in einer Klinik untergebracht worden. Er hatte im Haus seiner Eltern randaliert und eine fremde Frau während einer Zugfahrt angegriffen.

Zwar könne er nachvollziehen, dass der ehemalige Student gegen die Diagnose rebelliere, äußerte Gödicke. Das sei »sein gutes Recht«. Aber: »Gleichzeitig wollen wir entschieden nicht, dass noch einmal jemand mit einer Axt angegriffen wird.« Die Opfer litten bis heute unter den Eindrücken der Übergriffe. Er hoffe, es lasse sich für die Betroffenen etwas leichter ertragen, wenn sie wüssten, dass der Täter psychisch krank ist. Der Beschuldigte hatte vor einem knappen Jahr einen Fahrradfahrer auf der Landstraße mit einer Axt attackiert. Das 40-jährige Opfer erlitt eine Verletzung am Unterarm, konnte aber glücklicherweise fliehen. Kurz danach hatte der Schizophrene ein 13-jähriges Mädchen in der Nähe des Odenhäuser Bürgerhauses angegriffen. Er würgte das Kind und versuchte, es hinter einen Lieferwagen zu zerren. Bei einer späteren Vernehmung soll er geäußert haben, dass er die 13-Jährige habe vergewaltigen wollen. Dazu war es jedoch nicht gekommen, weil Zeugen das Mädchen befreiten und die Polizei riefen.

Erfahrungsgemäß dauere es etwa fünf Jahre, bis ein Proband seine Diagnose akzeptiere, sagte Gödicke. Wie schnell dies tatsächlich gelinge, hänge davon ab, wie gut sich der Beschuldigte einfüge. Der »strenge therapeutische Rahmen« sei dabei eine notwendige Hilfe. Er hoffe, dass der 25-Jährige sich darauf einlasse.

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