16. April 2018, 21:13 Uhr

»Struwwelpeter« hinter alten Mauern

»Für immer jung« – der Titel der Jahresausstellung 2018 der Schlossbibliothek Laubach trifft zumindest auf Klassiker der Jugendliteratur zu. Auch viele Erwachsene lassen sich von Werken wie »Robinson Crusoe« oder »Moby Dick« faszinieren. Nicht nur für sie lohnt der Besuch der Ausstellung historischer Kinder- und Jugendbücher in der Privatbibliothek des Grafen zu Solms-Laubach.
16. April 2018, 21:13 Uhr
Leitet seit vielen Jahren die Schlossbibliothek Laubach: Traudel Wellenkötter.

Wenn Du für die Jugend schreiben willst, so darfst Du nicht für die Jugend schreiben…« Dieser scheinbar widersinnige Satz von Theodor Storm enthält einige Wahrheiten. Vielleicht die folgenden: Man soll den kindlichen Leser ernst nehmen wie einen erwachsenen und ihn in den geachteten Stand versetzen, schwierige Fragestellungen auch selbst zu erkennen und zu verstehen. Und: gute Kinder- und Jugendliteratur ist auch etwas für Erwachsene.

Leider haben viele Menschen ihre Kinderbücher irgendwann entsorgt. In der gräflichen Schlossbibliothek Laubach wurde freilich nichts weggeworfen, denn hier war Platz.

Von Beginn der spezifischen Literatur für Kinder und Jugendliche bis zur Gegenwart wurden Bücher dieser Art angeschafft, in den oft kinderreichen Familien des Grafenhauses gelesen oder vorgelesen und dann dem riesigen Fundus der Bücherschätze einverleibt. Zuletzt war das die Sammlung der verstorbenen Prinzessin Monika zu Hannover.

Wie in der Jahresausstellung 2018, von Büchereileiterin Traudel Wellenkötter unter Mitwirkung ihres Mannes Burkhard mit viel Liebe zum Detail zusammengestellt, nachzuvollziehen: Vor der Entstehung der eigentlichen Kinder- und Jugendbücher hatte man auch schon den jungen Leser im Blickfeld. Kinder waren kleine Erwachsene, und Aufgabe von Eltern und Lehrern war es, sie zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen.

Am Beginn der Neuzeit war es unweigerlich die Kirche, die diese Aufgabe übernahm. Luthers Katechismus für Kinder; »Biblische Geschichte(n)« sowie Gebetbüchlein aller Art sollten Sorge tragen für eine christliche Unterweisung.

Früh schon, im Zeitalter der Entdeckungen und der Herausbildung eines neuen Weltbildes, kam auch die Sachliteratur zur Geltung. Der »Orbis Sensualium Pictus« (Bilder der sichtbaren Welt) des Johann Amos Comenius (zuerst 1658) liegt in verschiedenen Ausgaben vor.

Der erhobene Zeigefinger fand sich auch in unterhaltsamer Literatur, vor allem in Fabeln. Deren Blütezeit bricht zu Beginn des 19. Jahrhunderts an. Volks- und Hausmärchen, nicht nur der Brüder Grimm, fanden zunehmend Einzug in die Kinderstuben.

Während der erste Kinderbuchbestseller, Campes »Robinson der Jüngere«, noch ganz der Aufklärung verhaftet bleibt, enthält Heinrich Hoffmanns »Struwwelpeter« schon arg befremdliche und verstörende Elemente, die sich in die Rubrik »Negativbelehrung« nicht gänzlich einordnen lassen; das gilt ebenso für »Alice im Wunderland« wie auch »Max und Moritz«. Grausamkeiten haben in Zeiten, da man »Political Correctness« noch nicht gekannt hat, das Lesevergnügen nicht beeinträchtigt. Da wird munter drauflos geschlagen, ein Kind verbrennt und die bösen Jungs werden in der Häckselmaschine regelrecht atomisiert – sehr zur Befriedigung der Erwachsenen.

Im 19. Jahrhundert zeichnet sich auch eine Trennung nach Mädchen- und Jungenbüchern ab: Mädchen bevorzugen eine geordnete, Jungen eine bewegt-belebte Welt. Für sie gibt es Abenteuerbücher, die sich in ihrem Schwerpunkt auf »action« alle ähneln. Ferne Welten, fremde Völker faszinierten: Indianerbücher von James Fenimore Cooper bis Karl May, Erlebnisse auf See (»Die Schatzinsel«) sind ebenso spannend wie ein »Dschungelbuch«. Und auch die Großstadt kann einem Dschungelabenteuer gleichkommen: Kästners »Emil und die Detektive« ist ein Klassiker bis auf den heutigen Tag. – Im Zeitalter des Imperialismus wird leider auch der Krieg zum Abenteuer, manche der Bücher aus dieser Rubrik feiern den Heldentod für den Kaiser und das Vaterland, andere wie »Vater ist im Kriege« suchen die jungen Leser in eine Normalität einzuüben, die uns heute nachträglich noch empören muss.

Mädchenbücher wie »Trotzkopf«, Abc-Bücher, Schulgeschichten wie »Das fliegende Klassenzimmer«, auch farbenprächtige Bilderbücher, viele aus dem englischen Sprachraum (Pop-up-Books), begleiten ebenso die Besucher auf ihrem Gang durch diese Ausstellung der etwas anderen Art.

Eröffnet wird die Jahresausstellung 2018 der Schlossbibliothek Laubach über historische Kinder- und Jugendbücher am morgigen Mittwoch, dem 18. April, 17 Uhr. Weitere Führungen gibt es bis 1. November, immer mittwochs um 17 Uhr, oder nach Vereinbarung (außer sonntags). Kontakt: Trautel Wellenkötter, Tel. 0 64 05/91 04 0 bzw. 91 04 16; privat: Tel. 0 64 05/1348. E-Mail: wellenkoetter@t-online. de

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