07. April 2019, 19:14 Uhr

Steine, die aufwühlen und berühren

Der Künstler Gunter Demnig verlegt am kommenden Mittwoch in Lich, Pohlheim und Hungen Stolpersteine. Die Gedenksteine regen viele Menschen dazu an, sich mit der dunklen Vergangenheit in ihrem Dorf zu befassen – und lösen bisweilen auch im Kreis Gießen Widerstände aus.
07. April 2019, 19:14 Uhr
Der Künstler Gunter Demnig wird am Mittwoch in drei Kreisgemeinden Stolpersteine verlegen. (Foto: dpa)

Tränen fließen. Gidon Süßkind steht auf dem Bürgersteig an der Kinzenbacher Straße in Heuchelheim, Arm in Arm mit seiner Schwester und seinem Bruder. Es ist ein Samstag im Sommer 2016. Aus Israel ist die Familie angereist. Nun, inmitten einer Traube aus mehr als 100 Menschen, blicken die Geschwister nach unten – auf drei kleine Platten aus Messing, jeweils zehn mal zehn Zentimeter klein. Eingraviert ist darin der Name ihres Vaters, Karl Siegfried Süßkind, und ihrer Großeltern. »Die Stolpersteine haben eine unglaublich hohe Bedeutung für uns«, sagt Gidon Süßkind heute. Seine Frau erklärt: Die Verlegung der Steine vor drei Jahren sei wie »ein Begräbnis für die im Vernichtungslager ermordeten Großeltern« gewesen, »das ihnen damals nicht erwiesen worden war.«

An diesem Mittwoch verlegt der Künstler Gunter Demnig in drei Gemeinden im Kreis Stolpersteine: in Lich, Pohlheim und Hungen. Die Steine mögen sich glatt und kalt anfühlen. Doch sie wühlen viele Menschen auf, regen sie dazu an, sich mit der dunklen Vergangenheit ihrer Dörfer zu befassen. Und sie verändern Leben, wie Gidon Süßkind sagt. Über die Shoa sei in seiner jüdischen Familie nie wirklich gesprochen worden, berichtet der 68-Jährige, der in Herzeliya nördlich von Tel Aviv lebt. »Durch die Verlegung der Stolpersteine für den Vater und die Großeltern in Heuchelheim hat sich das aber plötzlich gewandelt.« Man habe angefangen, die Geschichte der Familie zu erforschen.

In mehr als 1200 Städten und Gemeinden in Deutschland hat Demnig bereits Stolpersteine verlegt. Er wolle den Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten zu Nummern degradiert und ermordet wurden, ihren Namen und damit die Erinnerung an sie zurückgeben, sagt er. »Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.«

In Grüningen wird Demnig am Mittwoch elf Gedenksteine verlegen. Zehn Jahre lang hat im Vorfeld eine Gruppe von zwei Dutzend Menschen zu jüdischen Familien in dem Dorf recherchiert – unter ihnen auch Simone und Tim van Slobbe. »Noch heute leben Menschen, die die Festnahme und die Deportierung jüdischer Mitbürger hier erlebt haben«, sagt Tim van Slobbe. »Die damaligen Ereignisse sind noch so lebendig.«

Die Gruppe stieß bei den Recherchen auch auf die Lebensgeschichte des jüdischen Grüningers Heinz Grünebaums, dem die Flucht vor den Nazis in die USA gelang, sich dort dem Militär anschloss und kurz nach Ende des Kriegs mit einem Panzer in sein Heimatdorf einzog. »In Grüningen ging die Angst um«, erzählt Simone van Slobbe. »Will er sich rächen?« Doch Grünebaum schaute sich nur das alte Elternhaus an.

Sie habe bei den Recherchen bisweilen Tränen in den Augen gehabt, erzählt van Slobbe – insbesondere, als sie sich mit Friedel Wallenstein beschäftigte, die im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern nach Minsk deportiert wurde, wo sie und ihre Familie ermordet wurden. Manchen Mitbürgern, vor deren Haustür ein Stolperstein verlegt wird, falle es schwer, sich mit dieser dunklen Vergangenheit zu beschäftigen. »Sie waren damals Kinder, wurden zum Schweigen erzogen. Heute wollen sie oftmals ihre Eltern in Schutz nehmen.«

Bei der Verlegung der Stolpersteine vor drei Jahren in Heuchelheim versammelten sich Demnig und mehr als 100 Menschen vor einem Haus in der Gießener Straße. Plötzlich ließen die Anwohner drinnen die Rollläden herunter. »Ich habe mich in Grund und Boden geschämt«, erzählt Pfarrerin Cornelia Weber, die damals die Verlegung maßgeblich mit angestoßen hatte.

Stolpersteine provozieren auch Widerstände. Manchmal sind es Hausbesitzer, weil sie fürchten, dass zwischen ihnen und den Morden der Shoa ein Zusammenhang hergestellt wird. Protest gegen Demnigs Kunstprojekt gab es auch von Charlotte Knobloch, ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das Andenken von Menschen, die Verfolgung erleben mussten, werde durch die Verlegung von Gedenksteinen in Bürgersteigen »sprichwörtlich mit Füßen getreten.« Einige Städte wie München machten sich die Kritik zu eigen und weigerten sich, Stolpersteine zu genehmigen. Derartige Widerstände gibt es im Kreis Gießen nicht.

Die Heuchelheimer Pfarrerin Weber erzählt unterdessen, wie die Verlegung der Gedenksteine sie noch heute bewegt. Vor allem der Moment, als sich die Geschwister Süßkind über die Stolpersteine beugten, bleibt ihr in Erinnerung. »Sie standen da Arm in Arm. Und sie haben mich in die Mitte genommen.«

Karl Süßkind, Gidons Vater, war der einzige jüdische Heuchelheimer, der dank seiner Auswanderung den Holocaust überlebte. Seine Kinder knüpfen nun nach der Verlegung der Stolpersteine weitere Kontakte mit seiner Heimat, halten Freundschaften am Leben. Die Stolpersteine seien ein wichtiges Zeichen für den Willen einer neuen Generation in Deutschland, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus zu beschäftigen, sagt Gidon Süßkind. »Wir akzeptieren das, auch wenn es wirkliche Vergebung nicht geben kann.«

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