12. Oktober 2018, 10:00 Uhr

Polpinha

Start-up in Lich mit exotischen Früchten

Christine Solms lief als Model über Laufstege in Sao Paulo, arbeitete in den USA in der Deutschen Botschaft. Nun startet die Tochter des Ex-Bundestagsvizepräsidenten mit einem Start-up in Lich durch.
12. Oktober 2018, 10:00 Uhr
Christine Solms kauft schockgefrorenes Fruchtpüree aus Brasilien ein und vertreibt es bundesweit. In 700 Supermärkten steht es mittlerweile zum Verkauf. (Foto: srs)

Christine Solms schneidet den Plastikbeutel in zwei Teile, die gelbe gefrorene Masse wirft sie in einen Mixer. Sie schüttet Milch hinzu, wirft das Gerät an – und nach 30 Sekunden Rütteln und Brummen reicht sie einen Ananas-Shake. Die 27-Jährige führt ihr Produkt vor: Sie kauft schockgefrorenes Fruchtpüree aus Brasilien ein und vertreibt es bundesweit. In 700 Supermärkten steht es mittlerweile zum Verkauf.

Wenn sich das Fruchtpüree nicht gut verkauft, nehmen die Händler es schon nach drei Monaten wieder aus dem Regal

Christine Solms

Solms hat vor zwei Jahren in Lich die »Polpinha Naturprodukte GmbH« gegründet. Ihre Geschäftsidee verdankt Solms einer besonderen Beziehung zu Brasilien. Mit 15 lebte sie im Rahmen eines Schüleraustauschs für ein Jahr in dem Land. »Fruchtpürees gibt es dort an jeder Ecke«, sagt sie. »Quer suco?«, werde man in jedem Lokal und in jedem Hotel gefragt. »Willst du Saft?« Dieser schmecke völlig anders als Früchte aus deutschen Supermärkten, die im Ursprungsland unreif geerntet werden, damit sie irgendwann halbwegs nachgereift hierzulande ankommen.

Aus ökologischer Sicht kann man es auch kritisch sehen, püriertes Obst über eine Strecke von 10 000 Kilometern zu importieren. Solms räumt dies ein. »Wir könnten die Zahl der Lieferungen reduzieren, wenn wir größere Container verwenden«, überlegt sie. Zudem wolle sie neben Früchten wie Ananas, Maracuja und Acerolakirsche in Zukunft auch heimisches Obst wie Himbeere und Rhabarber vertreiben. Auch die Verpackung des Pürees in Plastikfolie wolle sie noch überdenken.

 

Verträge mit Metro unterzeichnet

»Für Smoothies« steht in großen Lettern auf den Packungen, die Solms vertreibt. Sie schüttelt den Kopf. »Das will ich ändern«, sagt sie. Der Hype um Smoothies flaue langsam ab. Man könne das Püree außerdem zum Beispiel für Saucen, Cocktails und Desserts verwenden, betont sie.

Vor wenigen Tagen hat die Licherin einen Erfolg gefeiert: Sie hat einen Vertrag mit Metro unterzeichnet. Neben Kaufland, Rewe und Edeka wird ihr Fruchtpüree nun auch in den Filialen dieses Unternehmens verkauft.

Ihr Produkt hat sich damit allerdings noch lange nicht auf dem Markt durchgesetzt. Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung verdeutlichen: Zwei Jahre nach der Einführung sind zwei Drittel der Innovationen wieder vom Markt verschwunden. Auf kaum einem Gebiet sind Menschen so konservativ wie beim Essen. Solms hat bereits die Erfahrung gemacht: »Wenn sich unser Fruchtpüree nicht gut verkauft, nehmen die Händler das Produkt nach drei Monaten wieder aus dem Regal.« Ihr Ziel müsse daher sein, Aufmerksamkeit für ihr Produkt zu erreichen. In einigen Supermärkten stehen ihre Pürees in knallbunten Tiefkühlboxen im Obst- und Gemüsebereich.

 

Model in Sao Paulo

Schwarz-weiß prangt derweil FDP-Chef Christian Lindner auf einem Plakat im Büro der Jungunternehmerin in der Licher Unterstadt. Solms teilt die Räumlichkeiten mit dem FDP-Kreisverband. Die 27-Jährige ist die Tochter des langjährigen Bundestagsvizepräsidenten Hermann Otto Solms. Juristin, Bankkauffrau oder vielleicht Finanzbuchhalterin: Mit solchen Berufen würde man die Tochter des Schatzmeisters der Bundes-FDP eher verbinden. Doch die 27-Jährige hat schon einige Male den Sprung ins kalte Wasser gewagt. »Ich war ein schüchternes Mädchen, als ich mit 15 als Schülerin nach Salvador de Bahia gereist bin«, berichtet sie. »Das Jahr hat mich sehr geprägt, hat mich selbstbewusster gemacht.« Sie habe anfangs kein Wort der Landessprache verstanden. »Nach vier Monaten habe ich fließend Portugiesisch gesprochen.«

Solms probierte sich in weiteren Jobs. Nach dem Abitur arbeitete sie eine Zeit lang als Model in Sao Paulo. Im Rahmen eines Studiums des Medien- und Kommunikationsmanagements absolvierte Solms ein Praktikum in Washington im Kulturreferat der Deutschen Botschaft.

 

Am Anfang naiv

Nach einer weiteren Brasilien-Reise 2015 entschloss sie sich zur Gründung von Polpinha. »Ich habe mir einen ganzen Container mit Fruchtpüree per Schiff kommen lassen.« Dann habe sie Lagerfläche in einem Kühlhaus angemietet. Ihr Startkapital: 200.000 Euro. Sie hat ein Bankdarlehen aufgenommen.

Kürzlich hat Solms das Personal in Lich aufgestockt. »Ich will mich professionalisieren.« Fünf statt bisher zwei Mitarbeiter hat ihr Unternehmen nun. Vor allem im Bereich der Sozialen Medien will sie das Fruchtpüree bewerben, unter anderem mit Kochvideos.

Zu Beginn der Unternehmensgründung sei sie auch naiv gewesen, räumt Christine Solms ein. Um zu testen, wie das Püree ankommt, führte sie das Produkt in Supermärkten vor. »Die Leute waren begeistert, das hat mir Antrieb gegeben.« Rückblickend sei ihr aber klar, erklärt sie lachend: »Wenn man daneben steht und mit gut gelaunten Freundinnen freudestrahlend schick aufgemachte Lebensmittel verkauft – klar, dass die Kunden das gut finden.«

Info

Lieferantensuche vor Ort

Ihr Talent als Geschäftsfrau bewies Christine Solms auf der Suche nach Lieferanten. »Ich habe es zuerst per Google probiert.« Im Internet finde man über Firmen in der brasilianischen Provinz aber wenig. So flog sie nach Brasilien und trat in Kontakt mit einem Betrieb im Nordosten des Landes. Dort wird das Obst geschält, entkernt, püriert und pasteurisiert. »Im Vergleich mit Deutschland verdiene das Personal nicht viel, räumt sie ein. Solms organisiert allerdings, dass die Mitarbeiter Alphabetisierungskurse erhalten und ihre Schulausbildung nachholen können.

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